Das Fehlverhalten der Menschen des Industriezeitalters und die Folgen im Licht der Neuoffenbarung (Teil 1)


Inhaltsübersicht:


Wozu sollten Technik, Fortschritt, Geldverdienen und Lebenserleichterungen genutzt werden?

Die Neuoffenbarung erhellt für manche Zeitgenossen mit unerfreulicher Deutlichkeit, daß der Weg, den die Menschen im 20. Jahrhundert eingeschlagen haben, ein Irrweg ist. Er führt die Menschen nicht zu ihrem eigentlichen Ziel hin, sondern von ihm weg.
Das Wirtschaften und Geldverdienen und die Erzielung eines Fortschritts ist an sich nicht abzulehnen. Das geht ganz klar aus dem, was Lorber gesagt wurde, hervor: "Es sollen ja die Menschen mit Maß und Ziel alles haben und sich errichten die mannigfachsten Bequemlichkeiten fürs irdische Leben und sollen schonen ihre Hände vor schweren Arbeiten, um desto mehr Zeit zu gewinnen für die Bearbeitung und Veredlung ihrer Herzen und Seelen." (jl.ev05.108,05)

Wohin führt rechte Nutzung aller Dinge, wohin Verabsolutierung, Egoismus und Extremisierung?

Jedes System bereitet aber seinen Untergang vor, wenn es sich absolut nimmt und damit unweigerlich in den Bereich des Dämonischen gerät. Das Wirtschaften verfällt dann mehr und mehr dem Geist der hemmungslosen Habsucht und damit der Rücksichtslosigkeit. Der dienende Charakter der Wirtschaft im Sinne des Evangeliums geht völlig verloren. In einem solchen Fall gilt dann unabdingbar, was der Herr durch seinen Propheten sagt: "Werden die großen Vorteile, in die euch mit der Zeit Mein Geist leiten wird, in Meiner Ordnung verwendet, so werden sie euch eine tausendfache Segnung in allem bringen. Werdet ihr sie aber dann etwa mit der Zeit wider Meine Ordnung selbstsüchtig zu gebrauchen anfangen, so werden sie für die Menschen zu Brutanstalten alles erdenklichen irdischen Unheils werden." (jl.ev04.225,05-06)

Kann die Industriegesellschaft mit ihrem Egoismus, Raff-, Macht- und Herrschgier den Menschen das materielle Paradies bringen?

Leider hat die Industriegesellschaft den letzten Weg beschnitten, und "alles erdenkliche irdische Unheil" zeichnet sich in der Umwelt bereits überdeutlich ab. Kaum war die freie Marktwirtschaft im 19. Jahrhundert zur Entfaltung gelangt, ist sie vom Geist des Evangeliums abgewichen. Die Folgen waren für die Menschen in der Zeit des Frühkapitalismus katastrophal. Seit Beginn der Industrialisierung verfiel man zudem dem Wahn, durch den von Wissenschaft und Technik erzeugten Fortschritt könne die Verwirklichung des Paradieses auf Erden erreicht werden. Nachdem Karl Marx den anhaltenden Fortschritt zur Grundlage seiner Theorien gemacht hatte und dieser Gedanke in die Arbeitermassen getragen worden war, wurde von vielen das Paradies nicht mehr im Jenseits, sondern auf Erden angestrebt. In dieser Vorstellung hatten weder Gott noch der Glaube an ein ewiges Leben der Seele einen Stellenwert.
Die Rechnung von der Schaffung des irdischen Paradieses schien zunächst zu stimmen. Innerhalb der letzten fünfzig Jahre erreichte das Sozialprodukt in vielen Ländern eine geradezu phantastische Steigerung. In den Jahren 1960 bis 1975 vervierfachten sich in der Bundesrepublik Deutschland die Löhne und Gehälter, während die Preise in derselben Zeit nur um zwei Drittel anstiegen. Von 1950 bis 1976 wurde der Lebensstandard bei Familien mittleren Einkommens, gemessen am realen Verbrauch, um das Dreifache erhöht. Seit dem Jahr 1970 wurden zudem die sozialen Sicherungen explosionsartig ausgebaut.267 Aber es schien nur so, als würde die Kalkulation stimmen. Tatsächlich hatte sich die Industriegesellschaft auf einen gefährlichen Irrweg begeben, auf den "American Way of Life". Die Vertreter dieses Weges kannten die Bergpredigt kaum noch; auf jeden Fall stand sie dem Grundsatz, nach dem gewirtschaftet werden mußte, im Weg. Ihr Grundsatz lautet: "Make it, or die" (Setz dich durch oder stirb).

Lassen sich die kapitalistisch-egoistischen Wirtschaftsprinzipien mit der chr. Nächstenliebe und Lehre Jesu vereinbaren?

In nationalökonomischen Werken wird diese Wolfsmoral euphemistisch als "das freie Spiel der Kräfte" oder "freie Marktwirtschaft" bezeichnet. Man muß kein 'Linker' sein, wenn man feststellt, daß ein System, das ausschließlich auf den persönlichen materiellen Erfolg programmiert ist und dem der oben zitierte Wahlspruch Maßstab für die zwischenmenschlichen Beziehungen ist, der Lehre Jesu, deren Angelpunkt die Nächstenliebe ist, entgegengesetzt ist. Jeder Student der Nationalökonomie lernt, daß das Grundprinzip der Marktwirtschaft die Gewinnmaximierung ist. Zu welch unmenschlichen Zuständen dieses Prinzip im 19. Jahrhundert in vielen Ländern geführt hat, wissen heute nur noch wenige. Damals ist die Wahrheit der von Reinhold Schneider geprägten Worte: "Die Knechte der Maschine haben ein Maschinenherz, und darum sind sie ihr ausgeliefert"268, voll zur Geltung gekommen. Später haben der organisierte Widerstand und die Vollbeschäftigung so manches latent vorhandene Negative dieses Prinzips verdeckt. "Eben darum", heißt es in der Neuoffenbarung, "weil der Verstand soviel Geld einträgt, ist die Liebe ganz außer Kurs gekommen, und die Tätigkeit nach ihr kennt man beinahe nicht mehr. Man hat ja Maschinen genug, die aus dem Verstande heraus sind." (jl.schr.013,17)
Die Forderung des Füreinander der Bergpredigt wird ignoriert, weil sie nicht in das System, das den höchstmöglichen Eigennutz zum Ziel hat, paßt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: unsere Wirtschaftsordnung beruht auf dem luziferischen Element der Selbstsucht. In der Neuoffenbarung spricht der Herr bezeichnenderweise von dem "alten giftigen Unkraut der Eigenliebe" (jl.ev04.109,06).

Was wird sich grundlegend ändern müssen, um nach Jesu Prinzipien zu wirtschaften?

Wenn die dort vorausgesagten Umwälzungen eintreten werden, dann dürfte es manche Änderungen geben, die zur Zeit viele noch für unwahrscheinlich halten. Man kann aber an der Aussage, die der Herr hierzu macht, nicht vorbeisehen: "Mein erstes Augenmerk ist auf die Ausmerzung des Egoismus - der Handel (lies: Wirtschaft d. Vf.) ist ja das ausgeprägte Bild desselben - gerichtet." (gm.pred.018,04) "... es wird nicht mehr lange währen, bis eure sozialen Verhältnisse, von denen ihr glaubt, sie bestünden für immer, zusammenstürzen werden." (gm.pred.035,16)

Welche Vorzeichen des Umdenkens sind schon erkennbar?

Wer zu erkennen vermag, daß das letzten Endes nur noch eine Generationenfrage ist, wird die bereits sichtbaren verschiedenen Vorzeichen eines Wandels zu deuten wissen. Klarblickende Wirtschaftsführer haben längst erkannt, daß grundlegende Änderungen im System nicht aufzuhalten sein werden, nur sprechen sie es nicht alle so pointiert aus wie der bekannte Bankier Hermann Josef Abs, der im 'Deutschland-Magazin' 6/1974 folgendes schreibt: "In dem Generationenwechsel liegen die tieferen Gründe, warum die Konzeption einer freien Wettbewerbswirtschaft mit freien Produktionsentscheidungen und freier Konsumentenwahl nicht mehr begeistert und nicht mehr befriedigt." "Die geistige Grundlage der Wirtschaft wird nicht mehr anerkannt.(!) Die notwendigen Voraussetzungen weiteren wirtschaftlichen Wachstums werden daher geleugnet." "Je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr wird sich die Gestalt der Zukunft von der Vergangenheit entfernen." "Das Bild der zukünftigen Industriegesellschaft muß sich von dem Konzept der ersten Nachkriegszeit in vielem so entscheidend abheben wie der heutige Zustand der Gesellschaft von dem damaligen."

Funktioniert eine sich selbst regulierende, freie Marktwirtschaft überhaupt noch?

Die Selbstregulierung der freien Wirtschaft funktioniert längst nicht mehr in der erforderlichen Weise, weil die Voraussetzungen immer weniger bestehen. Die atomistische Struktur des Marktes, d. h. die vollkommene Konkurrenz, ist nicht mehr existent, weil die Marktwirtschaft durch Fusionen zunehmend vermachtet wird.
Der Präsident des Bundeskartelamtes, Professor Günther, erklärte, daß eine schläfrige Öffentlichkeit und eine flaue Bonner Wirtschaftspolitik die Konzentration nicht gebremst, sondern sogar gefördert hatten. Die Monopolkommission hält die Fusionskontrolle für ein weitgehend untaugliches Mittel, um die Konzentration zu verhindern. 269

Wer kann die Wirtschaftskonzentration und unkontrollierte Machtzusammenballung noch kontrollieren?1

Ferner ist die unabdingbare Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft - die stabile Geldwährung - in fast allen Industrieländern verlorengegangen. Der unkontrollierten Wachstumsstrategie fehlte das Regulativ, sie hatte etwas Krebsartiges. Die "prästabilierte Harmonie" existierte nur in alten Lehrblichern der Nationalökonomie. Die Steuerungselemente der Wirtschaftspolitik greifen in keinem Land mehr. Die Zahl der Arbeitslosen steigt und steigt. Der nationale Egoismus erhebt überall sein Haupt, und der Protektionismus, der viele Formen hat, nimmt weltweit zu. Der Anfang einer zerstörenden Kettenreaktion ist bereits gemacht. Die langsame Industrialisierung der Dritten Welt beginnt für die Industrienationen im Wettbewerb Folgen zu zeitigen. Im sogenannten Nord-Süd-Dialog ist der Umfall der Industrieländer bereits erfolgt. Der weltwirtschaftliche Horizont verdüstert sich zusehends.

Sind die Theorien der freien Wettbewerbswirtschaft und die Lehren von Keynes noch haltbar?

Alles in allem: die scheinbar so gut fundiert gewesenen Theorien der Wettbewerbswirtschaft beginnen in bedenklicher Weise brüchig zu werden.
Der weltberühmte englische Nationalökonom John Maynard Keynes hatte vor Jahrzehnten geglaubt, er habe alle Elemente der wirtschaftlichen Zusammenhänge in den Griff bekommen, ja er vertrat sogar die Meinung, daß es möglich sein müsse, durch ökonomisches Denken die menschliche Natur umzugestalten. Keynes' Ansichten haben sich inzwischen als ein Irrtum erwiesen, seine der industriellen Menschheit gemachten Hoffnungen sind zerronnen. Die geistige Grundlage der Wirtschaftsordnung und die Einflüsse irrationaler Art waren für Keynes' Denken kein Element seiner Theorie. Die Begriffe 'Liebe' und 'Dienen' kamen weder in seinen Büchern noch in den sonstigen Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre vor. Der Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayek trifft den Kern der Problematik der irrigen Keynesschen Theorie, wenn er die Erkenntnis vermittelt: "Der heute übliche Aberglaube, daß nur das, was gemessen werden kann, von Bedeutung sein könne, hat viel dazu beigetragen, daß die Ökonomie und die Welt ganz allgemein in die Irre geführt worden sind."270

Führen die bevorzugten unethischen Charakterstrukturen und der überzogene Leistungsgedanke die Wettbewerbswirtschaft zur Selbstvernichtung?

Auch der bekannte Nationalökonom von Nell-Breuning SJ kommt zu der bemerkenswerten Feststellung: "Der Wettbewerb neigt dazu, sich selbst umzubringen."271
Ein führender Unternehmer, der als Direktor einer bundesdeutschen Großbank im grundsätzlichen positiv zur freien Marktwirtschaft eingestellt ist, Ernst H. Plesser, legt in seiner Schrift 'Leben zwischen Wille und Wirklichkeit - Unternehmer im Spannungsfeld von Gewinn und Ethik' - die Ursachen der bedenklich gewordenen Entwicklung in bemerkenswerter Offenheit bloß. Die Ergebnisse seiner Analyse zeigen, daß es stets von geistigen Ursachen abhängt, ob Systeme aller Art funktionsfähig bleiben oder dem Zerfall preisgegeben sind. Wir zitieren im folgenden einige der von Plesser gewonnenen Einsichten.272 "Die Darwinsche These vom Kampf ums Dasein und dem Überleben des Stärkeren fand in die Wettbewerbswirtschaft Eingang und prägte sich in einer neuen Mentalität aus, die neben Härte und Umsicht auch noch Cleverness (Raffiniertheit) und Smartheit (Gerissenheit) als Qualifikationsmerkmale der in der Wirtschaft leitend Tätigen stellte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ... kamen Cleverness und Smartheit, die vorübergehend nur im verborgenen eingesetzt worden waren, erneut in Mode" (S. 20).
"Gesellschaftliche und ethische Gesichtspunkte werden im Bereich des Wirtschaftlichen - aus der Einstellung der materialistischen Vergangenheit heraus - vielfach als wesensfremd angesehen. Ethik in der Wirtschaft ist aber notwendig" (S. 21).
"Infolge der geistigen Verengung, die die Ethik in unserer Gesellschaft in den Hintergrund gedrängt hat, ist der Leistungsaspekt menschlichen Handelns überbetont worden. Der Leistungsgedanke beherrscht seit der industriellen Revolution zunehmend alle Lebensbereiche."
"Traditionelle sinngebende Orientierungshilfen, wie übergeordnete ethische, moralische oder religiöse Bezüge, haben weitgehend an Wirksamkeit verloren. Statt dessen sind in allen Bereichen Problemlösungen nach utilitaristischen Gesichtspunkten in den Vordergrund gerückt worden" (S. 15).
"Aus der Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Form und wirtschaftlicher Zielsetzung ist eine labile Grundstimmung in der Gesellschaft entstanden. Sie wird sichtbar in einem seit Mitte der 1950er Jahre gewachsenen Unbehagen, in der Nonchalance mancher wirtschaftlich Arrivierten, in sozialen Ressentiments und in einem weitverbreiteten Mangel an Weitblick." (S. 17). "Dazu kommt in manchen Ländern ein weitverbreiteter Zynismus, der sich in vielen Lebensbereichen auswirkt und offen zur Schau getragen wird" (S. 17).
"Jede Einrichtung läuft jeden Tag Gefahr, daß sich zynische Egozentriker zu Lasten ihrer Umwelt und der ganzen Gesellschaft nach vorn spielen und die Menschen sowie die Organisation nur als Werkzeug für ihre eigensüchtigen Zwecke mißbrauchen. Dies ist auch im Bereich der Wirtschaft immer wieder in Einzelfällen zu beobachten."
"Hemmungslosigkeit und Anpassungsfähigkeit wurden mancherorts als beachtenswerte Qualifikationsmerkmale angesehen. Der Weg von dort zum zynischen Opportunismus ist nicht weit" (S. 26). "Damit wird dann allerdings auch fühlbar zur Zerstörung des Systems beigetragen, das in der Vergangenheit den Aufbau, die Erhaltung und die Ausdehnung der Unternehmen ermöglicht hat. Es erwächst eine Mentalität von allumfassendem Zynismus, die diesen Prozeß einleitet, beschleunigt und vollendet."
"Sie üben Macht ohne Weisheit aus..." (S. 27).
"Rücksichtslose, nur auf ihren eigenen Vorteil bedachte Menschen gefährden jedes System, also auch das bestehende."

Sollen die gesellschaftlichen Verfallserscheinungen totalitären Mächten den Weg ebnen?

"In der jüngeren Generation unserer Zeit wächst die Zahl dejenigen, die Krankheitssymptome der Gesellschaft nicht mehr hinnimmt, sondern sie als das empfindet, was sie sind: Verfallserscheinungen, die die fortschreitende Symbiose zwischen den gesellschaftserhaltenden und gesellschaftsändernden Kräften zerstört. Die Frage ist, ob die Verfallserscheinungen krebsartig oder epidemisch ein Übergewicht bekommen und damit andern radikalen Ordnungen mit anderen Akzenten, anderen Postulaten und anderen Methoden den Weg ebnen" (S. 57).
Plesser hat die Sonde tief angelegt und die geistigen Wurzeln des Problems schonungslos offengelegt. Er steht mit seiner Meinung nicht allein, nur scheut man sich allgemein, die Dinge beim Namen zu nennen.

Wie glaubwürdig sind unsere 'soziale' Marktwirtschaft und die Mächtigen überhaupt noch? Welche Rolle spielt in ihr Kriminalität?

Offene Worte sprach auch das Vorstandsmitglied der Daimler-Benz-Aktiengesellschaft Edzard Reuter in einem Vortrag in St. Gallen. Ideal und Wirklichkeit stimmen nicht mehr überein. Viele wollen bloß nicht das eigene Nest beschmutzen." "Hie und da wird zwar die klassische Zielsetzung der Gewinnmaximierung in gewissen Grenzen relativiert, aber das ist nur oft ein Lippenbekenntnis." 273 Reuter ist mit dem Bankier Hermann Abs einer Meinung, daß "wir dabei sind, die Glaubwürdigkeit gegenüber der jungen Generation zu verlieren".
Eine ähnliche, zwar kurze, aber dennoch vielsagende Feststellung wird in der schweizerischen Zeitschrift 'Finanz und Wirtschaft' getroffen: "Die charakterliche Integrität vieler Topmanager ist heute zweifellos ein wunder Punkt."274 Aufhorchen lassen auch die Ausführungen, die Prof. Dr. Wolfgang Stützel auf einem Symposium der Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn gemacht hat. Er sagte laut FAZ vom 3. Mai 1978 u. a.: "Wie aber steht es mit dem Konzept des 'Sozialen', wenn wir von 'Sozialer' Marktwirtschaft reden? Hier besteht seit langem ein Defekt, ein 'Programm-Defizit'." Lange habe man die Marktwirtschaft als ein System angesehen, das die leistungsfähigen Unternehmer und Arbeitnehmer prämiiere. Aber in Wirklichkeit, so stellt er wörtlich fest, "droht Gefahr. Am höchsten pramiiert wird am Ende nicht mehr der tüchtigste Pionier, sondern der fleißigste und skrupelloseste Schnorrer."
Ein stark verdunkeltes Bild vom heutigen Unternehmer zeigen die Untersuchungen über die Ursache der Konkurse-Springflut der letzten Jahre. Nach Feststellungen des Institutes für Mittelstandsforschung in Köln, das in 1300 Konkursakten der Amtsgerichte Einsicht genommen und 74 Konkursverwalter befragt hat, sind "die Unternehmenszusammenbrüche mehrheitlich durch innerbetriebliches Fehlverhalten der Betriebsführung verursacht worden". "Ob Handel, Industrie oder Dienstleistungsbereich - die Insolvenzforscher fanden das Mißmanagement gleichermaßen in allen Branchen." "Betrügereien, Wechselmanipulationen und Mehrfachzessionen" waren besonders häufig feststellbare Tatbestände", und der Leitende Oberstaatsanwalt in Köln, Gunter Bahr, bestatigt:"Die Masse der Insolvenzen ist in ihrem Endstadium krimineller Natur." Das ist aber nur die Spitze eines Eisberges. Inzwischen liegt dem Bundesjustizminister in Bonn eine mehr als tausend Seiten umfassende Studie des Hamburger Max-Planck-Institutes für ausländisches und internationales Privatrecht vor; sie trägt den Titel "Die Praxis der Konkursabwicklung in der Bundesrepublik Deutschland". Die von den Wissenschaftlern des Max-Planck-Institutes aufgedeckten Mißstände sind alarmierend. Die Untersuchungen ergaben, daß etwa 80 Prozent der Gläubiger leer ausgingen. Als Erklärung hierfür wird "der Komplex der Wirtschaftskriminalität als gewichtiger zweiter Grund für die Massearmut" angegeben. Die Wissenschaftler bringen ihr Erstaunen zum Ausdruck darüber, daß in der Wirtschaft "das persönliche Verschulden (der Manager, d.Vf.) so stark in den Mittelpunkt gerückt ist".275

Ist Egoismus oder Verzicht zum ökonomischen Funktionieren und Überleben effektiver?

In Übereinstimmung mit den Erörterungen der vorstehend genannten Autoren findet sich in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung', einem Blatt, das zweifelsfrei positiv zur freien Marktwirtschaft eingestellt ist, eine bemerkenswerte Feststellung: "Die Marktwirtschaft wird funktionsunfähig, wenn der Egoismus des einzelnen sich hemmungslos ausleben kann. Eine politische Partei, welche die Marktwirtschaft retten will, muß den Gruppen Verzicht zumuten."276 Aber das Wort "Verzicht" war aus der Mode gekommen, denn es enthält so viel Brisanz, daß es Regierungen, Parteien und Gewerkschaften lange Zeit nicht auszusprechen wagten.
"Jedes System", schreibt Marion Gräfin Dönhoff in richtiger Erkenntnis der psychologischen Gegebenheiten, "gebiert auf lange Sicht seine Antithese. Das liegt an der Unfähigkeit, Maß zu halten."277

Ist die Marktwirtschafts- und Gesellschaftsordnung nur verbesserungsbedürftig oder grundsätzlich zu ändern?

Im Zusammenhang mit dem gewichtigen Fixkostenproblem weist von Nell-Breuning noch darauf hin, daß "die Wirtschaft sich immer weiter von diesem (dem ursprünglichen, d. Vf.) Modell wegentwickelt hat". "Schlimm ist, daß wir uns so daran gewöhnt haben, daß wir uns meist gar nicht mehr bewußt sind, wie fragwürdig dieses unser Verfahren und demzufolge auch die mit ihm erzielten Ergebnisse sind."278
Klarblickende Wirtschaftsexperten wissen um den möglichen Zusammenbruch des Systems Bescheid. Treffend schreibt Professor Gutowski in der FAZ: "Selbst ein glühender Anhänger der marktwirtschaftlichen Ordnung sollte sich nicht daran hindern lassen, festzustellen, in welch hohem Maße diese Ordnung verbesserungsbedürftig ist. Die Schlacht für die Marktwirtschaft kann an zahlreichen Fronten verloren werden."279
Der frühere Bundespräsident Walter Scheel äußerte sich während seiner Amtszeit ähnlich: "Wissenschaft und Technik haben ein Janus-Gesicht. Ihre positiven Wirkungen sind bekannt, ihre negativen werden gerne verdrängt, nicht zuletzt, weil man um die Geschäfte fürchtet." "Nachdenkliche Menschen beginnen zu zweifeln, ob unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsform für uns selbst und für andere der Weisheit letzter Schluß ist."280
In der Zeitschrift 'Bild der Wissenschaft' 7/1977 wird in Ansehung der überbordenden Umweltgefahren festgestellt: "Die gegenwärtige Verschmutzung ist nur ein Maß für die Mißerfolge unserer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Systeme: Zerstören wir unsere Umwelt, so zerstören wir uns selbst. Auch der homo sapiens steht auf der Liste der gefährdeten Lebewesen." "Die Unvernunft ist ein in das System fest eingebauter Bestandteil."

Lassen unzählige Egoismen überhaupt noch eine Lösung zu?

Es ist in der Tat nicht mehr zu leugnen, daß die Fundamente der Existenz der Industrievölker in bedrohlicher Weise unterspült werden. Ein Heilmittel ist bis jetzt noch nicht gefunden worden, weil der Markt zu einem Kraftfeld geworden ist, in dem unzählige Egoismen den Ablauf bestimmen. "Brutal ausgedrückt", heißt es in einer kritischen Erörterung in der 'Deutschen Zeitung' vom 31. August 1979, "ist der Motor des ökonomischen Handelns die Habgier". "Die Teilnehmer des Marktes und die Politiker bleiben Gefangene des ökonomischen Prinzips."

Bewirken/bezwecken die satanischen Verhaltensweisen und Wirtschaftspraktiken den ethisch-religiösen Verfall? Führen sie zwangsläufig zu Katastrophen?

Die Habgier ist eben, wie oben festgestellt wurde, ein luziferisches Element. Deshalb geht dieser Zersetzungsprozeß mit einem religiös-geistigen Zerfall einher. Die Ichbezogenheit ist das genaue Spiegelbild einer in Auflösung befindlichen Gesellschaft, die von der Bergpredigt nichts mehr hören will.
Diese besorgniserregende Entwicklung in den Industrieländern macht es verständlich, daß Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika 'Laborem exercens' vom 14. September 1981 zum Ausdruck bringt, daß nicht der Profit Richtschnur eines Wirtschaftssystems sein dürfe, sondern die objektiven Rechte der Arbeiter. Wörtlich heißt es u. a. in der Enzyklika:
"Es ist unleugbar, daß die heutige Gesellschaftsordnung und die materialistische Zivilisation auf Grundlagen aufgebaut sind, die eine fundamentale Unzulänglichkeit oder vielmehr einen ganzen Komplex von Unzulänglichkeiten, ja einen unzulänglich funktionierenden Mechanismus aufweisen. Eine solche Zivilisation macht es der menschlichen Gesellschaft unmöglich, über so radikal ungerechte Situationen hinauszuwachsen."


re. Hand Ausführlichere, differenziertere und mit Links zu Originaltexten versehene Prophezeiungen Jesu für die Endzeit

  • Menschliche Ursachen größter Natur- und Umweltkatastrophen in der Endzeit


    Homepage  |  Zurück zum Buch-Inhaltsverzeichnis K. Eggenstein: 'Der Prophet Jakob Lorber verkündet bevorstehende Katastrophen und das wahre Christentum'

    © Copyright by Kurt Eggenstein