Die historisch-kritische Methode der Bibelwissenschaft



Begründer der historisch-kritischen Bibelwissenschaft war Johann Jakob Semler (1725-1791). Er war bereits zur damaligen Zeit auf Grund seiner Studien zu der Auffassung gelangt, daß die Evangelien nicht durch Verbalinspiration zustandegekommen sein konnten.

Man unterscheidet bei dieser Methode, die erst später vervoll­kommnet wurde, die niedere Textkritik und die höhere historisch­literarische Kritik.

Der niederen Textkritik obliegt die Aufgabe, den ursprünglichen Wortlaut der Heiligen Schrift festzustellen, da diese durch in früher Zeit erfolgte Textänderungen, Zusätze usw. nicht mit den Origina­len übereinstimmt.

Die historisch-literarische Kritik hat u. a. die Aufgabe, die Ent­stehungszeit und die Autorschaft der Evangelien zu ermitteln, sowie die von den Autoren benützten Quellen festzustellen.

Exegeten, Historiker und Kritiker haben bis zum 1. Weltkrieg mit Fleiß, Geduld und Geistesschärfe an allen Universitäten diesseits und jenseits des Ozeans eine umfassende Arbeit geleistet. Rückblickend stellt sich aber die Frage: Ist es der mühsamen Tätigkeit der histo­risch-kritischen Forschung gelungen, Klarheit in die Materie zu brin­gen, oder hat sich die Wissenschaft in Abwege verloren? Die Antwort auf diese entscheidende Frage geben die in diesem Kapitel vorgelegten Fakten.

Im Anfang gingen zahlreiche Forscher an ihre Aufgabe heran, in­dem sie die Prämisse aufstellten, daß Jesus gar nicht existiert habe. Von anderen - insbesondere von Ritschi - wurde zudem ein wahrer Kreuzzug gegen jede Metaphysik gestartet. 47 In der selben Richtung lagen die Thesen Harnacks, dessen Bücher in Kreisen der Gebildeten weiteste Verbreitung fanden. Bei Harnack ist von der eigentlichen Substanz des Christentums, wie die Gottheit Jesu, Erlösung usw., nichts mehr zu finden. Er deutete das Wort von Lk 17, 21: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch" völlig um, und das Christentum war bei ihm nur noch bloße Innerlichkeit.

Die Arbeiten der verschiedenen Forscher brachten keine Klarheit in die Materie, sondern sie dienten mehr der Verunsicherung oder der Zerstörung des Glaubensgutes.

Heute besteht die herrschende Meinung, daß durch die historisch­kritische Methode nicht die erwarteten objektiven Erkenntnisse ge­wonnen werden konnten und daß das Ergebnis negativ ist. Das be­stätigen Urteile der evangelischen und katholischen Forscher aus jün­gerer Zeit wie folgt:

Albert Schweitzer: „Das historische Fundament des Christentums, wie es die rationalistische, die liberale und die moderne Theologie auf­geführt haben, existiert nicht mehr." 48

Friedrich Heiler: „Es kann kein Zweifel bestehen, daß viele neu-testamentliche Tatsachen von dieser extremen Kritik entstellt wer­den." 49

W. Trilling: „Die eingangs erwähnte fundamentale Problematik 'Jesus und das neue Testament' wurde damals empfunden, wenn auch - wie wir heute klarer sehen - in einem zu engen geistesgeschicht­lichen Horizont verhandelt." 50

H. Daniel-Rops: „Diese Methode ist tendenziös, denn unter dem Vorwand, die Dokumente einzig im Licht der vernunftmäßigen Lo­gik zu analysieren, schematisiert und eliminiert sie die Wirklichkeiten mit Zufälligkeiten des Lebens." 51

Heinz Zahrnt: „Das ganze liberale Jesusbild ist in sich zusammen­gebrochen." 52 „. . . es zerbröckelte der Untergrund . . ., es löste sich alles in Geschichte auf." 53

Zahrnt stellt weiter fest, daß „die heimliche Selbsttäuschung der liberalen Theologie aufgedeckt und die historische Unhaltbarkeit ihres historischen Jesus nachgewiesen" 54 wurde.

E. C. Hoskyns: „Gerade wenn der Historiker seine Aufgabe dem Neuen Testament gegenüber ganz ernst nimmt, muß er feststellen, daß das Neue Testament von seinem Leser etwas verlangt, was er als Historiker gerade nicht geben kann, nämlich ein Urteil, das jedem die wichtigste Entscheidung bedeutet, die überhaupt möglich ist." 55

Der bekannte evangelische Theologe Karl Barth gesteht: „Wenn ich wählen müßte zwischen der historisch-kritischen Methode der Bi­belforschung und der alten Inspirationsmethode, ich würde entschlos­sen zu der letzteren greifen: sie hat das größere, tiefere, wichtigere Recht. Ich bin froh, nicht wählen zu müssen." 56
Barth spricht schlicht von den „unverständigen Historikern" (Br. 106).

Die historisch-kritische Methode war ein Kind der Aufklärung, und die Auswirkung der Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts schlug sich nieder in der Ablehnung des Denkens in metaphysischen Kategorien. Die Wissenschaft schlug einen Irrweg ein; das minderte aber den ungeheuren Publikationserfolg in keiner Weise. Die Wis­senschaftsgläubigkeit war unangefochten. Zunächst wurden von die­ser Literatur die Intellektuellen erfaßt, aber in den Jahrzehnten bis zum 1. Weltkrieg wurden diese religiösen Vorstellungen durch eine politische Partei auch in weite Kreise der Arbeiterschaft getragen. Die destruktiven, von der heutigen Forschung als irrige Spekulationen erkannten Forschungsergebnisse wurden damals weithin als eine Of­fenbarung angesehen. Das Zerstörungswerk des christlichen Glaubens hatte mit dem Historismus begonnen, und es sollte seine Fortsetzung finden bis in unsere Zeit.


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