Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 78. Kapitel: Jesus über die Bedeutung des Vorbildes.

   01] Sagte Markus, der Römer, und mit ihm einstimmig auch Agrikola: »Herr und Meister, verstanden hätten wir Dich wohl und sehen es auch ein, daß das Hinwegfegen des gewissen Weltliebenebels eine unerläßliche Vorbedingung bei jedem Menschen sein muß, weil er ohne sie nie wahrhaft und in sich lebendig überzeugt in Dein Reich eingehen kann; aber uns deucht es, daß es eben mit dem Hinwegfegen des gewissen Weltliebenebels, der gar starr zwischen der Sehe der Seele und dem Reiche Gottes haftet, wohl seine größten Schwierigkeiten haben wird, und das aus gar außerordentlich vielen Gründen.
   02] Einmal ist und bleibt für die jüngere, leiblich gesunde und mit den nötigen Lebensbedürfnissen wohlversehene Menschheit die Erde mit ihren zahllos vielen und anmutigsten Abwechslungen sicher ein um so überwiegender großer Reiz, weil ein solcher Mensch von der inneren Herrlichkeit des in ihm kaum noch keimenden Reiches Gottes keinen Dunst hat und durch seine wenn noch so sittliche äußere Welterziehung auch keinen hat bekommen können.
   03] Wenn man nun solch einem Menschen sagen wird, daß er an allen den Schönheiten der Erde nicht hängen solle, weil solche Erdliebe wie ein dichter Nebel ihm die Herrlichkeit des höheren und ewigen Reiches Gottes verhüllt und den Blicken seiner Seele entrückt, wird er da nicht sagen: "So zeiget mir jene Herrlichkeiten, und ich will denen dieser Erde den Rücken zeigen!"? Wie werden wir bei solch einem Menschen, der am Ende doch auch recht hat in seiner Art, seinen Weltnebel ausfegen?
   04] Aber es seien das Menschen weltlich guter Art, und wir können uns dabei wohl denken, daß kein Baum auf einen Hieb mit einer noch so scharfen Axt zum Falle kommt, - und kommt Zeit, kommt auch Rat! Aber es gibt eine übergroße Menge solcher, die von ihrer Weltstellung in allem abhängen; zu denen gehört einmal der Priesterstand, dann der weitverzweigte Staatsbeamtenstand und endlich der zumeist noch ganz rohe Soldatenstand. Bei allen diesen vielen Legionen von Menschen ist der Weltliebenebel eine feste, finstere Masse, und das zum größten Teile. Wie wird der auszufegen sein? Von den Dienern und Sklaven, die doch auch Menschen sind, aber gewöhnlich in aller besseren Bildung tief unten stehen, wollen wir hier gar nicht reden. Es wird mit dem vorauszugehen habenden Wegfegen des Weltliebenebels schon bei den meisten Juden eine schwere Arbeit sein, wie schwer erst dann bei den andern Völkern der Erde! Darum, weil diese erste Arbeit, so schwer sie sei, eine gar wichtige ist, bitten wir Dich, o Herr und Meister, um eine noch nähere Aufklärung, wie wir das anstellen sollen, um nicht vergeblich zu arbeiten!«
   05] Sagte Ich: »Meine lieben Freunde, daß nun diese Arbeit keine leichte ist und gar manche Anstrengungen und große Opfer kosten wird, bis von ihr die erwünschten Lösungen zum Vorschein kommen werden, das weiß ich wohl am allerbesten; aber Ich gebe euch ja auch die Mittel und die nötigen Behelfe an die Hand, durch die ihr an geeigneten Stellen das ebenso, wie Ich nun an euch, werdet bewirken können, - und mehr kann Ich euch doch nicht geben, als was Ich Selbst habe! Zur rechten Stunde und zur rechten Zeit wird es euch schon Mein Geist in euch völlig klar anzeigen, was ihr zu tun haben werdet, um das zu bewirken, was zum Empfange des Reiches Gottes nötig ist.
   06] Die Menschen werden dadurch inne, was ihnen fehlt und abgeht, und werden sich dann vielfach bestreben, das zu erlangen, was sie an euch wohl gewahren werden. Denn da sage auch Ich in eurer Zunge: Exempla trahunt (Beispiele ziehen). Denn so jemand es an euch sehen wird, was das heißt, im Besitze des Reiches Gottes sein, dann wird er sicher kommen und euch fragen: "Wie seid denn ihr dazu gekommen?" Und sehet, dann werdet ihr auch leicht zu reden haben, und die gewissen Nebel werden dann vor euren Worten und Taten bald flüchtig werden, gleichwie auch die eurigen vor Meinen Worten und Taten flüchtig geworden sind!
   07a] Daß ihr nun aber schon gleich etwa in einem Jahre oder gar an einem Tage alle Berge und Hügel den Tälern gleichmachen sollet, das verlange Ich von euch ja gar nicht. Es genügt, daß ein jeder von euch mit seinem eigenen guten und redlichen Willen nur das tut, was er kann; um das Weitere werde dann schon Ich Selbst sorgen. Ich werde von euch doch nicht mehr verlangen, als Ich Selbst bei dem Stande des freien Willens der Menschen tun kann! Oder wäre es nicht töricht von einem starken Vater, von seinen noch schwachen Kindern zu verlangen, daß sie um vieles schwerere Bürden tragen sollen, als er sie trägt?

   07b] Ich sage es euch, und ihr werdet es selbst erfahren, daß a das Joch, welches Ich euch auferlegt habe, sanft und die Bürde zu tragen leicht ist. (a Matthäus.11,30*; Lukas.11,461. Johannes.05,03jl.ev01.039,09;  ⇒ jl.ev01.149,11*;  jl.ev03.010,10jl.ev03.120,04jl.ev04.100,04jl.ev05.090,03jl.ev07.140,01jl.ev08.078,07bjl.ev08.105,01-04;  jl.ev09.057,08jl.ev11.305jl.gso1.012,09jl.gso2.027,04jl.gso2.071,20jl.gso2.102,12jl.bmar.183,21jl.him1.013,04jl.him1.264,03-04;  jl.him3.168,02a;  Lebenswinke.069)
   08] Aber dessenungeachtet wird sich die Welt sträuben, von ihrem Scheinlichte zu lassen, und wird zur Zeit, wenn das Licht aus den Himmeln schon bei gar vielen Menschen volle Aufnahme wird gefunden haben, große Kämpfe gegen das Eindringen des reinen Himmelslichtes führen, und es wird da viel unschuldiges Blut vergossen werden; aber am Ende wird dennoch das Reich Gottes auf dieser Erde für ewig den Sieg davontragen, und alles Scheinlicht der Welt wird untergehen und allen Wert verlieren wie ein falsches Gold und Silber vor den Augen des Kenners.
   09] Daß aber die Menschen auch eine Freude an der schön gezierten Erde haben können, das habe Ich ja nie untersagt; aber nur sollen sie dabei allzeit Dessen in ihrem Herzen gedenken, der die Erde so schön gemacht und geziert hat, so werden sie in ihrem Herzen und Gemüte erbaut werden. Denn wer Gottes Werke mit den rechten Augen betrachtet, der kann schon auch eine eitle Lust daran haben. Die Freunde der schönen Natur der Erde sind auch sicher bessere Menschen und sind leicht zum Reiche Gottes reif zu machen.
   10] Aber die Freunde der toten Schätze der Erde, die Freunde ihres Mammons, sind schwer zu einem besseren Lichte zu bekehren. Solches zeigt sich bei den Pharisäern, vielen andern reichen Juden und bei den vielen Kaufleuten, Wechslern und Krämern. Diesen Leuten vom Reiche Gottes zu predigen, hieße die Mohren weiß waschen zu wollen. Diese Art Menschen sind den Schweinen gleich, denen ihr die Perlen aus den Himmeln niemals als ein Futter vorlegen sollet.
   11] Denn Menschen dieser Art werden nach ihrem Leibestode erst in dem kahlen Monde ihre Todsünden abzuwaschen bekommen, und vom Reiche Gottes werden sie stets hübsch weit entfernt bleiben; denn diese werden ins neue Jerusalem niemals eingelassen werden. Menschen, die aller Liebe zu Gott und zum Nächsten bar sind, die sind auch des Reiches Gottes in sich bar. Diese sollen denn auch bleiben in ihrem schwarzen Scheinlichte! Im Monde soll ihre Wohnstätte sein, und das nur auf jener Seite, die er starr, stets unverrückt, der Materie dieser Erde zuwendet.
   12] Es ist das nun zwar etwas Neues, was Ich euch hier nun gesagt habe, aber wahr; darüber werden wir bei einer anderen Gelegenheit vielleicht noch ein paar Wörtlein fallen lassen, obschon es Mir nicht angenehm ist, über Schweineställe und Narrenzwinger dieser Erde viele Worte zu verlieren. - Habt ihr das alles nun wohl verstanden?«
   13] Alle dankten Mir für diese Belehrung, und wir setzten uns wieder zu Tische, nahmen wieder etwas Brot und Wein, und Matthäus zeichnete sich mehreres von dem Gehörten auf.


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