Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 100

Des Menschen hohe Abkunft und Berufung.

01] Als wir das Abendmahl eingenommen hatten, kam Ouran, der auch auf der Höhe genachtmahlt hatte, zu Mir hin und sagte: »Herr, für dessen Größe und Erhabenheit die sterbliche Zunge keinen Namen kennt, der Deiner würdig wäre, wie soll ich, ein elender Wurm des Staubes, Dir danken für die ewig unschätzbaren Güter, die mir Deine göttliche Gnade hier beschert hat, und wie soll ich Dich, Du ewig Erhabenster, loben, preisen und ehren!?
02] O Herr, was sind wir Sterblichen denn, daß Du unser also achtest?! Was können wir denn tun, um Dir wohlgefällig zu werden?«
03] Sage Ich: »Geh, Freund, und mache nun kein so gewaltiges Aufsehen! Denn sieh, du bist, was du bist, ein Mensch mit einem zwar wohl sterblichen Leib, in dem aber dennoch eine unsterbliche Seele mit einem noch unsterblicheren Geist aus Gott wohnt; und Ich bin auch ein Mensch, in dem ebenfalls eine göttlich unsterbliche Seele und der Geist Gottes wohnt in Seiner Fülle, so weit, als es für diese Erde notwendig ist, und das ist der Vater im Himmel, dessen Sohn Ich bin und dessen Kinder auch ihr seid.
04] Aber ihr alle waret blind und seid es noch in vieler Beziehung; aber Ich kam sehend in die Welt, um euch allen den Vater zu zeigen und euch Mir gleich sehend zu machen.
05] Ich habe die Fülle des Lebens vom Vater überkommen und kann jedermann, der das Leben will, auch das Leben geben; denn es hat der Vater Mich also schon vor der Welt verordnet, daß in Mir alle Fülle des Lebens wohne und durch Mich alle Menschen leben sollen. Und dieser Verordnete bin Ich Meiner Seele nach; dem Geiste nach aber bin Ich eins mit Dem, der Mich verordnet hat.
06] Sieh, Ich bin sonach der Weg, die Wahrheit und das Leben! Die an Mich glauben, werden den Tod nicht sehen, noch fühlen und schmecken, und könnten sie auch mehr als einmal dem Leibe nach sterben; die aber an Mich nicht glauben werden, die werden sterben, und hätten sie auch ein tausendfaches Leben!
07] Denn ein jeder Mensch hat einen Leib, und der muß einmal sterben - das wird auch diesem Meinem Leibe nicht ausbleiben; aber die Seele wird mit der Ablegung des Leibes nur freier, heller und lebendiger, und vollends eines mit Dem, der sie vor aller Welt verordnet hatte zum Heile aller, die an den Sohn des Menschen glauben werden und halten Seine Gebote.
08] Daher denke du ordentlich, und halte die leichten Gebote, die dir werden kundgegeben werden, dann brauchst du Weiteres nicht mehr; denn Ich bin nicht ausgegangen, um von den Menschen Ruhm und Ehre zu nehmen! Es ist genug, daß Mich der Eine lobet, der über alle ist im Himmel und auf Erden; so Mich aber jemand schon ehren, loben und preisen will, der liebe Mich in der Tat durch Werke und halte Meine Gebote, und sein Lohn im Himmel wird dereinst groß sein.
09] Sei du daher nun nur ganz heiter, überschätze Mich (nicht), und unterschätze dich selbst nicht zu sehr, dann wirst du ganz auf dem rechten Wege wandeln und wirst dich und Mich erst nach und nach vollkommener kennenlernen.
10] Für jetzt halte dich aber nur hauptsächlich an den Mathael, der wird dich samt deiner Tochter am ehesten recht weit auf dem rechten Wege vorwärtsbringen! Hast du und deine Helena aber ein besonderes Anliegen, da kommet nur zu Mir, und Ich werde euch allzeit anhören; aber die großen Exklamationen (Huldigungen) müßt ihr beiseite lassen.
11] Denn siehe, wir müssen hier nur als Menschen, Freunde und Brüder miteinander reden und handeln, denn es hat ja ein jeder Mensch einen göttlichen Geist in sich, ohne den er kein Leben hätte, und solcher Geist ist nicht minder göttlich denn der urgöttliche selbst.
12] Darum sei du nur ein rechter Jünger des Mathael, und du wirst Mir dann in deinem Lande einen ganz tüchtigen Apostel abgeben können! - Verstandest du Mich?«
13] Sagt Ouran: »Ja, Herr, ich verstand Dich, erkannte aber auch erst jetzt so ganz, was man mir und meiner Tochter über den wahren Gott gesagt hat. Ehedem hätte ich es mir nie zu denken getraut!« Darauf schwieg der Grieche; denn sein Gefühl übermannte ihn, und er weinte vor Liebe zu Mir.
14] Ich aber ergriff sanft seine Hand und fragte ihn, sagend: »Worin bestand denn hernach das, was Mathael über Gott gesagt hat?«
15] Ouran schluchzte noch, sagte aber dennoch, indem er Mir liebend ehrfurchtsvoll in die Augen sah: »Oh, daß Gott in Sich die reinste Liebe ist! O Du Heiligster, laß mich sterben in dieser meiner Liebe zu Dir!«
16] »Nein«, sagte Ich, »das sollst du noch lange nicht; denn du sollst Mir noch ein tüchtiges Rüstzeug werden auf dieser Erde! Und wird einst die Zeit des Fleisches auch für dich zu Ende sein, dann wirst du nicht sterben, sondern noch in deinem Fleische von Mir erweckt werden. Darum sei du nur getröstet; denn du hast schon den rechten Weg gefunden!
17] a Wer da suchet, wie du schon lange gesucht hast, der findet; b wer da bittet wie du, dem wird es gegeben, und c wer da an die rechte Tür klopfet, wie du nun soeben angeklopft hast, dem wird sie aufgetan. Gehe aber nun hin zu deinem Mathael, und sage ihm alles, was Ich dir nun gesagt habe!« (a Matthäus.07,07-08; Jeremia.29,13-145. Mose.04,29; Vaterbriefe.023;  b Matthäus.07,07*; = Lukas.11,09Matthäus.18,19Matthäus.21,22Markus.11,24Johannes.14,13-14;  Johannes.15,07Johannes.16,241. Johannes.05,14-15Jakobus.01,05Jakobus.04,02Jeremia.29,13jl.ev01.092,15+;  jl.ev09.043,05jl.schr.035,10jl.rbl1.083,13jl.him2.146,02-03;  c Matthäus.07,07 = Lukas.11,09-10; a+b+c: jl.bmar.179,14jl.ev01.145,04-05;  jl.ev02.137,16*;  jl.ev03.100,17jl.ev05.088,06jl.ev05.267,03jl.ev08.069,02**;  jl.ev08.103,11jl.ev08.104,08jl.ev08.108,11-14*;  jl.ev09.154,12jl.ev09.194,10jl.hag1.001, Vorrede;  jl.him2.154;  Vaterbriefe.395)
18] Ouran weinte nun noch mehr vor lauter Liebe und höchster lebendigster Dankbarkeit zu Mir, eilte zurück zum Mathael und erzählte ihm, noch lange schluchzend, wie Ich ihn aufgenommen, wie gut Ich gegen ihn war, und was Ich ihm alles gesagt habe.
19] Mathael und Helena aber wurden von der sehr weihevollen Erzählung des alten Ouran selbst so gerührt, daß sich keines der Tränen erwehren konnte; und Mathael sagte nach der Erzählung Ourans: »Das ist eben das allein Unbegreifliche des Unbegreiflichen, daß Er, als das höchste Gottwesen Seinem Geiste nach, mit uns Menschen redet und handelt, als wäre Er nicht der Herr der Unendlichkeit, sondern ein Mensch uns gleich, wie ein bester Freund zum besten vertrautesten Freunde, ja, wie ein wahrer Bruder zum Bruder; kurz, Er läßt förmlich mit Sich spielen, und doch ist jeder Blick, jede Bewegung Seiner Hände, jeder Tritt Seiner Füße und jedes noch so unbedeutend klingende Wort aus Seinem Munde eine übertiefe Weisheitslehre. Seine Taten geben Zeugnis von Seiner unbestreitbaren Göttlichkeit, und alles was Er tut, ist schon wie von Ewigkeit für die Erreichung der besten Zwecke vorgesehen. Oh, du wirst in Kürze noch vieles sehen, hören und erfahren!«


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