Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 101

Helenas Meinung über die Apostel.

01] Sagt die Helena, auch noch schluchzend vor Liebe zu Mir: »Aber saget mir doch, wer denn jene zwölf sehr ehrwürdigen Männer sind, die nahe gar nichts reden, aber dennoch gleichfort um Ihn sind! Das müssen ja sehr weise Männer sein! Einer sieht Ihm ganz ähnlich, einer aber ist noch ein Junger, hört Ihm aber auch stets am eifrigsten zu und zeichnet manches auf eine Tafel. Wer sind sie denn?«
02] Sagt Mathael: »Das sind meines Wissens Seine ältesten Jünger und sind bis auf einen alle sehr weise und mächtige Herren über ihr Fleisch und über die Natur! Aber der eine scheint mir ein verschmitzter Lump zu sein! Wahrlich, den möchte ich mir nie zu meinem Freunde wählen; das scheint eine verfrühte Geburt eines armen Teufels ins Menschenfleisch zu sein! Der Herr wird wissen, warum Er ihn duldet! Teufel sind ja auch Geschöpfe Seiner Macht und hängen am Hauche Seines Willens. Darum haben wir nicht zu fragen, warum Seine Liebe solche Wunder auch vor den Augen eines Teufels ausübt! Aber ein sonderbares Wesen ist er! Ich möchte ihm denn doch so einmal auf den Zahn fühlen, um zu sehen, wessen Geistes Kind er sei! - Aber lassen wir das! Es ist genug, daß ihn der Eine kennt! Aber mit den andern möchte ich wohl selbst recht gerne einige Worte bei guter Gelegenheit wechseln; die müssen schon sehr tief Eingeweihte sein!«
03] Sagt Helena: »Ja, natürlich, das müssen sehr weise Männer sein und schon gleich vom Anfange viel Geschick zur Weisheit an den Tag gelegt haben, sonst hätte Er sie sicher nicht zu Seinen Jüngern angenommen! Auch ich wäre nicht abgeneigt, mit ihnen über so manches ein paar Worte zu wechseln; aber es wird nicht so leicht sein, ihnen auf irgendeine gute Art beizukommen! - Was meinst du, lieber Freund Mathael?«
04] Mathael zuckt die Achseln und sagt: »Gott der Herr hat mich zwar völlig erweckt, und mein Geist ist eins mit mir; ich kenne darum mich selbst und Gott insoweit, als es mir gegeben ist, solches aus dem Grunde aller Lebenstiefe zu erkennen der vollen Wahrheit nach; aber in der innersten Lebenstiefe der Menschenherzen zu lesen wie in einem offenen Buche und daraus ihre innersten Lebensgesetze zu erkennen, das kann nur der Eine allein, und der, dem Er es offenbaren will.
05] Ah, bei einem puren Weltmenschen, dessen innerste Lebenstiefe noch ganz wie leblos und völlig tot verschlossen ist und dessen ganzes Denken und Willen aus seinem Gehirne und aus seinen Außensinnen stammt, kann man wohl bis auf ein Haar bestimmen, wie und was er denkt, fühlt und will. Aber nicht also ist es mit Menschen, die nunmehr als vollgeweckten Geistes vom innersten Lebensgrunde aus denken, fühlen und wollen; denn solche Menschen tragen dann schon Unendliches in sich, und das kann nur von Gott in der Wahrheitstiefe erkannt werden.
06] Darum kann man denn mit solchen Männern auch nicht also wie mit einem ganz gewöhnlichen Alltagsmenschen ein Gespräch anfangen, wenn es uns not tun würde, da würde der Herr es sicher anordnen und zulassen; tut es uns aber nicht not, nun, so können wir es ja auch für geraten halten, solch ein Vergnügen zu entbehren. - Aber wie gefallen dir, holdeste Helena, die nun gar so herrlich glitzernden Sterne am hohen Firmamente?«
07] Sagt Helena: »Die Sterne haben mich schon von meiner frühesten Kindheit an im höchsten Grade interessiert, und ich merkte mir bald eine Menge der sogenannten Sternbilder. Die des Zodiakus (Tierkreises) wurden mir als die wichtigsten zuerst gezeigt. Ich lernte sie im Verlaufe von einem Jahre vollkommen kennen, und nachher ging es auch mit den andern wunderschönen Sternbildern und selbst mit den einzelnen großen Sternen. Ich kenne dir die Sterne alle beim Namen, weiß, wie sie stehen, und wann sie in jedem Monate auf- und untergehen; aber was nützt dir alles das!? Je mehr ich mich mit diesen herrlichen Himmelslichterchen abgab, desto mehr wurden sie für mein Gemüt jene harten Fragezeichen, auf die bis jetzt noch kein Sterblicher eine befriedigende Antwort gefunden hat. Da ich aus den lieben Sternen aber nichts herausbringen konnte, so beschäftigten mich um desto mehr ihre Namen, die natürlich schon uralt sein müssen.
08] Wer entdeckte zuerst den Zodiakus und gab den zwölf Bildern die Namen? Warum bekamen sie gerade diese Namen, die wir kennen, und warum keine andern nicht so sonderbarer Art und Gattung? Was hat der Löwe mit einer Jungfrau zu tun, was ein Krebs mit den Zwillingen, was ein Skorpion mit einer Waage, was ein Steinbock mit dem Schützen? Wie kommen ein Stier und ein Widder ans Firmament, wie ein Wassermann mit den Fischen?
09] Es ist überhaupt merkwürdig, daß sich im Tierkreise auch vier Menschenbilder und das Sternbild einer Sache befinden. - Kannst du mir davon irgendeinen Grund angeben, so wirst du mich dir sehr verbindlich machen!«
10] Sagt Mathael: »O holdeste Helena, nichts leichter als das! Habe da nur eine kleine Geduld während meiner Erklärung, und es wird dir die Sache hernach ganz klar sein!«


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