Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 1, Kapitel 92


Vom Segen der Ordnung. Jesu Gleichnis von der Reinigung eines steinigen Ackers. Führung und Hilfe von oben für ernsthaft Suchende.

01] Als Matthäus mit seinen etlichen Versen fertig ward am Tage darauf, als Ich am vorhergehenden Tage den a Sohn des Königischen aus Kapernaum von Kana aus geheilt habe, da zeigte er Mir die Arbeit, die Ich belobte, da sie in aller Kürze ganz gut und alles bezeichnend war. Nachdem er aber sein Schreibmaterial eingepackt hatte, so kommt er wieder zu Mir und fragt Mich, wieviel Schreibmaterial er etwa in Kapernaum brauchen werde; denn er habe vorderhand nur vier Tafeln außer dem Packe frei zum Gebrauche in Kapernaum behalten. Solle er etwa mehrere Tafeln freihalten, so könnte er sie hier leichter als in Kapernaum aus dem Hauptpacke nehmen! (a Johannes.04,46b-53)
02] Sage Ich: »Es genügen die vier; aber Ich muß dich dabei dennoch auf einen kleinen Fehler in der Ordnung deiner eigenen Sache aufmerksam machen! Es liegt zwar im Grunde nichts daran; aber da bei Mir schon einmal alles in einer sicheren Ordnung zu geschehen hat, so ist das unklug von dir, daß du deinen Schreiberpack eher zusammenbindest und Mich erst nachher fragst, wieviel Tafeln du brauchen wirst. Wenn Ich nun gesagt hätte: 'Du wirst in Kapernaum fünf Tafeln brauchen!', so hättest du nun deinen ganzen Pack auflösen müssen der einen Tafel wegen, was dir offenbar eine ganz unnötige Mühe gemacht hätte. Aber du hast, durch Mein geheimes Einfließen genötigt, gerade die rechte Zahl freibehalten und hast dir dadurch die Mühe des Wiederauflösens deines Packes erspart. Wie Ich dir aber schon früher bemerkte, so liegt im Grunde gar nichts daran; aber das Gute der rechten Ordnung ist in allen Dingen, wenn sie auch oft noch so kleinlich scheinen, nicht selten von großem Nutzen.
03] Siehe, so sich jemand wäscht am Morgen, Mittag oder Abend und wäscht zuvor das Gesicht und dann am Ende erst die Hände, so wird er das Gesicht nicht so bald rein haben, da er mit beschmutzten Händen über dasselbe fährt; so er aber zuerst die Hände reinigt, da wird auch sein Gesicht, mit den reinen Händen berieben, bald und leicht rein werden.
04] Ein Mensch hatte irgend einen steinigen Acker und reinigte diesen mit viel Mühe und Fleiß von den Steinen; aber er beachtete dabei folgende gute Ordnung: Zuerst sammelte er die größten Steine vom Acker und legte sie außerhalb des Ackers in einen regelmäßigen und winkelrechten Haufen. Darauf sammelte er die wertiger großen und legte sie in einen zweiten ebenso winkelrechten Haufen. Und also verfuhr er mit den übrigen, natürlich stets kleineren Steingattungen und erzeugte sonach zehn Steinhaufen, von denen jeder ganz gleichgroße Steine enthielt.
05] Nun sagten die nachbarlichen Leute, die das sahen und ihre Äcker nicht auf solche Weise von den Steinen reinigten, sondern die Steine groß und klein nur in ganz ungeschickte Haufen untereinander zusammenwarfen: 'Da sehet den Narren an, was er mit den Steinen für ein Spiel hat!'
06a] Es zog aber in Kürze dieselbe Straße, die an diesem Acker vorbeiführte, ein Baumeister, der zu einem Gebäude Steine suchte. Als dieser hier die zehn geordneten Haufen sah, ging er hin und kaufte sie alle dem von seinen Nachbarn erklärten Narren um vierzig Silbergroschen ab; denn er konnte sie also geordnet sogleich recht gut brauchen.
06b] Als die Nachbarn das merkten, so kamen sie auch herbei und sprachen: 'Herr, warum kamst du denn nicht zu uns? Sieh, wir haben dieselben Steine und gäben sie dir um wenige Groschen, während du hier die gleichen Steine um vierzig Silbergroschen gekauft hast!' Der Baumeister aber sprach: 'Eure Steine müßte ich erst ordnen, was mir viel Arbeit, Zeit und Mühe machen würde; diese aber sind schon also geordnet, wie ich sie gerade jetzt brauche, und so überzahle ich diese lieber, als daß ich die eurigen umsonst annähme!' Nun fingen freilich die Nachbarn an, auch ihre Steinhaufen zu ordnen; aber es war zu spät! Denn der Baumeister hatte an denen genug, die er vom ersten gekauft hatte, und die Nachbarn hatten sich nichts als eine vergebliche Mühe gemacht!
07] Darum seid allzeit und in allem in der besten Ordnung! Wenn dann ein Gewinnbringer kommt, so wird er sicher allda zuerst zugreifen, wo er die beste Ordnung antreffen wird! Eine spätere Mühe ist oft und vielmals vergeblich! Begreifst du dies Bild?«
08] Sagt Matthäus: »O Herr, wie soll ich's nicht verstehen?! Ist es ja doch so hell und klar als wie die Sonne am Mittage!
09] Aber nun möchte ich von Dir nur das einzige noch erfahren: wie es Dir möglich war zu wissen, daß ich gerade nur vier Tafeln in Kapernaum brauchen werde! Denn die göttliche Allwissenheit ist mir noch gleichfort ein größtes Rätsel! Manchmal weißt Du, ohne jemanden darum zu fragen, alles und ordnest danach Deine Wege; ein anderes Mal fragst Du wieder wie unsereins und tust, als wüßtest Du nicht, was dort oder da geschehen ist oder geschehen wird! Wie kommt das? Herr, ich bitte Dich, gib mir darüber irgend ein kleines Lichtlein!«
10] Sage Ich: »Freund! Ich möchte dir diese Sache wohl recht gerne enthüllen, aber du würdest sie nicht fassen; darum lassen wir das nun! Es wird in der Kürze aber schon eine Zeit kommen, in der du solche Geheimnisse leicht fassen und klar begreifen wirst.
11] Soviel aber kann Ich dir vorderhand sagen, daß Gott der Willensfreiheit der Menschen wegen wohl alles wissen kann, was Er will; was Er aber nicht wissen will, damit der Mensch frei handle, das weiß Er dann auch nicht! Verstehst du das?!«
12] Sagt Matthäus: »Herr, wenn so, dann ist es wohl eine höchst gefährliche Sache um das Menschenleben auf dieser Erde! Welcher nur einigermaßen gebildete Mensch kennt nicht die zahllos vielen Feinde, die der armen Menschheit mit allen möglichen Übeln sich entgegenstellen und dadurch dem Menschen den Untergang bereiten?! Wenn Du das ohne Kenntnisnahme gleich so mir und dir nichts angehen lässest, da wird's mit dem Seelenheile einmal wohl ganz verzweifelt schlecht aussehen!«
13] Sage Ich: »Nicht so schlecht, als du es nun meinst! Denn fürs erste wird jeder seines Glaubens und hauptsächlich seiner Liebe leben; und fürs zweite steht es einem jeden Menschen frei, sich in jedem Augenblick an Gott zu wenden und Ihn um Beistand anzuflehen, und Gott wird Sein Antlitz zu dem Flehenden wenden und wird ihm helfen aus jeglicher Not!
14] Übrigens ist aber ohnehin einem jeden Menschen ein unsichtbarer Schutzgeist hinzugegeben, der den Menschen von seiner Geburt an bis zum Grabe hin zu geleiten hat! Solch ein Schutzgeist wirkt stets auf das Gewissen des Menschen ein und fängt erst dann an, sich ferner und ferner von dem ihm anvertrauten Menschen zu halten, so dieser, durch seine Eigenliebe geleitet, allen Glauben und alle Liebe zum Nächsten freiwillig verlassen hat.
15] Der Mensch auf dieser Erde ist demnach durchaus nicht also verlassen, als du es meinst; denn es hängt alles von dessen freiestem Willen und Handeln ab, ob er von Gott beaufsichtigt und geführt sein will oder nicht! Will es der Mensch, so wird es auch Gott wollen; will es aber der Mensch nicht, so ist er völlig frei von Gott aus, und Gott kümmert Sich weiter auch nicht um ihn, außer was aus der allgemeinsten Ordnung dem Naturmenschen zuzukommen bestimmt ist, als da ist das Naturleben und alles, was als Bedingung für dasselbe nötig ist. Aber weiter läßt Sich Gott mit dem Menschen nicht ein und darf Sich wegen desselben unantastbarer Freiheit nicht einlassen! Nur wenn ein Mensch Gott aus dem freien Willen des Herzens sucht und Ihn bittet, so wird Gott auch dem Bitten und Suchen des Menschen allzeit auf dem kürzesten Wege entgegenkommen, vorausgesetzt, daß es dem Menschen mit seinem Suchen und Bitten ein vollkommener Ernst ist.
16] Sucht und bittet aber der Mensch nur versuchsweise, um sich zu überzeugen, ob an Gott und an dessen Verheißungen wohl etwas sei, so wird er von Gott auch nicht angesehen und erhört werden! Denn Gott in sich selbst ist die reinste Liebe und kehrt Sein Antlitz nur denen zu, die ebenfalls in der reinen Liebe ihres Herzens zu Ihm kommen und Gott Seiner Selbst willen suchen, Ihn als ihren Schöpfer dankbarst wollen kennenlernen und den heißen Wunsch haben, von Ihm selbst beschützt und geführt zu werden.
17] Oh, die also kommen, für die weiß Gott in jedem Augenblick nur zu gut, wie es mit ihnen steht, und Er Selbst lehrt und leitet sie alle Wege: aber die von Ihm nichts wissen wollen, für die weiß dann auch Gott im vollsten Ernste nichts!
18] Und wann sie dereinst jenseits vor Gott hingestellt und noch so sehr rufen und sagen werden: 'Herr, Herr!', so wird Gott ihnen antworten: 'Weichet von Mir, ihr Fremden; denn Ich habe euch noch nie erkannt!' Und solche Seelen werden dann viel zu dulden und zu kämpfen bekommen, bis sie sich als von Gott erkannt Ihm werden nähern können. Verstehst du nun solches?«
19] Sagt Matthäus: »Ja, Herr, das verstehe ich nun alles ganz wohl, rein und klar. Aber soll ich diese herrliche Lehre, die die Menschen doch sehr anspornen sollte und müßte, Gott unablässig zu suchen und Ihn zu bitten, daß Er sie führe und leite auf den rechten Wegen, nicht alsogleich aufzeichnen?«
20] Sage Ich: »Nein, Mein lieber Freund und Bruder; denn solche Lehre würde nahe kein Mensch fassen in der rechten und lebendigen Fülle! Darum brauchst du sie auch gar nicht aufzuzeichnen, außer so du das späterhin einmal tun willst - für dich nur und für wenige Brüder.
21] Nun aber, so ihr zur Weiterreise nach Kapernaum bereitet seid, so wollen wir den Weg antreten! Wer da mit will, der folge uns; wer aber bleiben will, der bleibe! Ich muß dahin; denn es ist viel Elends daselbst und in den kleinen Städten, die um den See, der da ist ein Meer von Galiläa, liegen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 1   |   Werke Lorbers