Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 01, Kapitel 145


Warum sich Johannes d. T. nicht Jesus anschloß. Der starker Geist und die schwache Seele des Johannes. Berufung zum Propheten und Willensfreiheit.

01] Sagen die Menschen: »Herr! Wenn so, da ist es denn doch unrecht, daß Du ihn nun lässest im Kerker! Nach den von Dir gewirkten Taten zu urteilen, die außer Gott wohl kein Mensch wirken kann, wäre es Dir doch sicher ein leichtes, den Täufer frei zu machen, da er für Dich gearbeitet hat! Herr, das solltest Du wohl tun und solltest ihn nun nicht stecken lassen!«
02] Sage Ich: »Wer selbst kommt, richtet mehr aus, als so er schickt einen Boten oder einen Brief. Johannis Geist ist groß und größer denn alle Geister, die je auf dieser Erde in einem Leibe gewirkt haben; aber sein Leib gehört dieser Erde an, und aus dessen Schwächen hat sich auch eine schwache Seele entwickelt, und es ist gut also!
03] Denn ein so starker Geist ist wohl fähig, eine schwache Seele stark zu ziehen; aber das Fleisch und die Seele des Johannes sind schwach. Darum sandte er allzeit Boten an seiner Statt, und da wirken Bote und Brief nie das, was da wirkt die eigene Person, in der Seele und Geist wohnen.
04] Denn Ich darf und kann niemandem Meine Kraft und Macht anbinden aus Meinem Willen, es sei denn, daß da a jemand kommt und sie sich selber nimmt; denn es wird von Mir aus niemandem je vorenthalten, sich zu nehmen das Leben oder das Gericht, was er will, und so auch nicht Meine Macht und Kraft zu einem guten Zwecke.
05] Aber a wer da nicht selbst kommt, dem wird nichts zuteil - außer die Gnade des Lichtes, durch das er finde hier oder jenseits den Weg zu Mir und auf dem Wege einsehe, daß Ich Selbst der Weg zum Leben und das Leben selbst bin. (a Matthäus.07,07*; = Lukas.11,09Matthäus.18,19Matthäus.21,22Markus.11,24Johannes.14,13-14;  Johannes.15,07Johannes.16,241. Johannes.05,14-15Jakobus.01,05Jakobus.04,02Jeremia.29,13jl.ev01.092,15+;  jl.ev09.043,05jl.schr.035,10jl.rbl1.083,13jl.him2.146,02-03; 
06] Johannes tat wohl wie keiner, daß er vollends Meister würde seines Fleisches. Er sah das Heil vor sich und mochte es dennoch nicht an sich reißen. Warum denn das nicht? Mußte es etwa also sein?
07] Hier steht Der vor euch, Der das 'Muß' ausspricht, wo es sein muß! Aber Dieser sagt es euch auch, daß Er für Johannes dahin kein 'Muß' ausgesprochen hat.
08] Daß er berufen war, vor Mir der Menschen wegen den Weg zu bahnen, das war ein gewisses 'Muß', hinter dem aber auch noch eine ewige Freiheit verborgen liegt, die ihr aber nicht fassen könnet in eurem Fleische; aber daß er Mir nicht hätte folgen dürfen, als er Mich sah und erkannte, da war kein 'Sollst' und noch weniger ein 'Muß'. Da hat sein Geist auf die Einsprache der Seele gehorcht, kam darum auch in einen Zweifel über Mich und hat darum schon zum zweiten Male Boten an Mich gesandt. Wer da fragt, der ist noch nicht im reinen; denn jegliche Frage setzt entweder ein bares Nichtwissen oder einen Zweifel an dem, was man weiß, voraus, ob das wahr sei, was man weiß. Wäre Johannes vollends im reinen, so sendete er keine Boten an Mich.
09] Wohl hat vor ihm nie ein Mensch ein so strenges Leben geführt wie er denn tagelang, so er ein Begehren in seinem Fleische verspürte, aß und trank er nichts und war so der Erde größter Büßer, ohne je gesündigt zu haben -; aber dennoch sage Ich es euch allen: Ein Sünder, so er sich bessert und voll Liebe in seinem Herzen zu Mir kommt, steht höher denn Johannes!
10] Denn der zu Mir sagt: 'Herr, ich bin ein Sünder und bin nicht wert, daß Du eingehest unter meines Hauses Dach!', ist Mir lieber als neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen und in ihrem Herzen Gott darum preisen, daß sie keine Sünder und daher besser sind als ein noch so geringer Sünder. Ich sage es euch: derer Lohn wird kein besonderer sein einst in Meinem Reiche!«


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