Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 125

Die Notwendigkeit der Selbstprüfung.

01] (Der Herr:) »So tut denn nun emsigSt danach; nehmet euch alle Mühe und prüfet euch, ob ihr nichts unterlasset, auf daß ihr am Ende nicht sagen müsset: »Da, sieh her, nun habe ich volle zehn bis zwanzig Jahre hindurch alles getan, was mir die neue Lehre vorschrieb, und dennoch stehe ich stets gleich auf einem und demselben Flecke, verspüre noch immer nichts von einer besonderen Erleuchtung in mir, und vom sogenannten ewigen Leben empfinde ich auch noch ganz blutwenig in mir! Woran fehlt es denn noch?«
02] Ich aber sage zu euch darum: Prüfet euch sorgfältig, ob nicht noch irgend starke weltliche Vorteilsgedanken euer Herz beschleichen, ob nicht zeitweiliger Hochmut, eine gewisse, zu überspannte Sparsamkeit - eine jüngste Schwester des Geizes-, die Ehrsucht, richterlicher Sinn, Rechthabelust, fleischlicher Wollustsinn und dergleichen mehreres euer Herz und somit auch eure Seele gefangenhalten! Solange das bei dem einen oder dem andern der Fall ist, wird er zu der Verheißung, das heißt zu ihrer vollen Erfüllung an ihm, nicht gelangen.
03] Denn betrachtet nur den Most und den reinen, geistvollen Wein in einem Fasse oder Schlauche! Solange sich grobe und fremde Bestandteile im Moste befinden, wird er gären und zu keiner Reinheit gelangen,sind aber diese samt und sämtlich einmal hinausgeschafft, so wird es ruhiger und ruhiger im Fasse, der Most klärt sich und wird zum reinen, vollgeistigen Weine.
04] Es wird oft so manchem gar nicht vieles fehlen von der vollen Besitznahme des Gottesreiches in seiner Seele, und dennoch wird er es nicht einnehmen, weil er sich zu wenig prüft und nicht acht darauf hat, was etwa noch Irdisches an seiner Seele klebt. Wird er sich aber sorgfältiger prüfen, so wird er bald finden, daß er entweder noch sehr empfindlich ist und ihn gar bald eine Kleinigkeit beleidigt.
05] »Ja«, sagt da jemand, »soll ein Mensch denn gar kein Ehrgefühl haben?« O ja, sage Ich, der Mensch kann allerdings ein Ehrgefühl haben, aber das muß von der edelsten Art sein! Hat dich irgendein noch schwachgeistiger Mensch beleidigt, so werde ihm darum nicht gram, sondern gehe hin und sage zu ihm: »Freund, mich kannst du mit nichts beleidigen; denn ich liebe dich und alle Menschen! Die mir fluchen, die segne ich, und die mir Übles tun, denen tue ich nach allen meinen Kräften nur Gutes! Aber es ist nicht fein, daß ein Mensch den andern beleidigt; darum unterlasse das für die Folge zu deinem höchst eigenen Heile! Denn du könntest bei deiner stets wachsenden Beleidigungssucht einmal an einen kommen, der dir die Sache sehr übelnähme und dir dann große und gewiß sehr unliebsame Ungelegenheiten bereiten könnte, und du müßtest es dann nur dir selbst zuschreiben, daß dir Unangenehmes begegnet ist!«
06] Werdet ihr mit einem, der euch beleidigt hat, ohne den geringsten Groll im Herzen also reden, so habt ihr das edle und göttliche Ehrgefühl in eurem Herzen vollkommen gerechtfertigt. Sowie ihr aber darob noch so eine Art kleinen Grolles in euch merket und werdet auf den Menschen bitter und unfreundlich, so ist das noch eine Folge eines kleinen, in eurer Seele verborgenen Hochmutes, der allein noch lange gut genügt, die Vereinigung eurer Seelen mit Meinem Lichtgeiste in euch zu verhindern.
07] Oder es spricht einen von euch mehrere Male ein und derselbe Arme um ein namhafteres a Almosen an. Ihr habet es wohl und könntet dem Armen noch tausendmal soviel geben, als ihr ihm schon gegeben habt; aber es berührt euch seine gewisserartige Unverschämtheit bitter, und ihr weiset ihm die Tür mit dem Bedeuten, er solle nicht so oftmals kommen und denken, daß man ihm allzeit, so oft es ihm einfällt, ein Almosen verabreichen wird! (a Matthäus.06,01 ff.; jl.ev02.157,08jl.ev03.192,11-16;  jl.ev04.079,04-08;  jl.ev06.227,16jl.ev07.001,13-17;  jl.ev10.139,04jl.ev10.146,11
Negativ-Verhalten beim Almosengeben: jl.ev01.125,20-21;  jl.ev02.157,08jl.ev07.158,03jl.ev10.146,11
Weisheit beim Almosengeben: jl.ev02.157,09jl.ev04.079,04
Richtlinien für Bittende: jl.ev04.079,02-03*;  jl.ev06.227,16jl.ev08.159,11-13
Grenzen der Hilfsbereitschaft: jl.ev01.135,19jl.ev07.132,04)
08] Ja sehet, das ist für einen Weltmenschen wohl eine ganz vernünftige Rede, und es geschieht dem Bettler so eine kleine Zurechtweisung recht; aber derjenige, der dem Armen also begegnet, ist dennoch noch lange nicht reif zu Meinem Reiche, der Ich Meine Sonne alle Tage aufgehen und scheinen lasse über gute und böse Menschen und zum Frommen aller Kreatur.
09] a Derselbe Strahl, der die vergoldeten Paläste der Könige verherrlicht und in der Rebe den edelsten aller Säfte reinigt, reift und sehr versüßt, leuchtet auch über Pfützen und Kloaken und ärgert sich nicht an dem Gequake der Frösche und an dem Gezirpe der Grillen. Eine solche Zurückhaltsamkeit hat hinter sich noch etwas Karges, und die Kargheit und die zu ökonomische Sparsamkeit ist eben nicht sehr weit vom Geize entfernt und trübt den Lebensmost der Seele; und solange das noch ununterbrochen der Fall ist, wird aus der Seele kein reiner und geistvoller Lebenswein. (a Matthäus.05,45)
10] Wer aber als wohlhabend im Geben nur eine recht große Freude findet und den Armen gar nicht ansieht darum, daß er ihm schon zu öfteren Malen eine kleine Gabe verabreicht hat, der ist dann in diesem Punkte schon fähig, in Mein Reich überzugehen, so er etwa keines andern kleinen Fehlers in seiner Seele gewärtig ist.
11] Darum sagte Ich zu euch, daß ihr euch stets in allem genau erforschen und euch auf den Lebensstandpunkt erheben sollet, auf welchem ihr es in euch hell und lebendig wahrnehmet, daß ihr von allen irdischen Schlacken frei seid.«


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