Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 227

Nicht Wissen, sondern die Liebestat macht selig. Von Fleiß und Sparsamkeit. Gerechter Reichtum.

   01] Sagte der ganz über die Maßen erstaunte Pharisäer: »Herr und Meister, nun erst erkenne ich, daß Du voll des Geistes Gottes sein mußt; denn über solche Dinge kann nur Gott allein dem Menschen ein wahres und vollrechtes Licht geben! Wo bleibt da der Verstand auch des weisesten Menschen dieser Erde, den er sich durch einige Erfahrung und Betrachtung der Außenformen der Dinge angeeignet hat?! Was ist der kleine, beschränkte Mensch gegen Gott?! Also kann der Mensch aus sich Gott auch nie ergründen und also auch nicht Sein ewiges Walten und Wirken und Schaffen!
   02] Ich wünschte nun nur, daß der ganze Tempel von diesem Lichte erfüllt wäre! Aber so ist solches bei der allgemeinen Verstocktheit des Tempels gar nicht denkbar! Wir sieben haben doch manchmal über derlei Dinge - freilich mehr kontra als pro - nachgedacht, und wie schwer ging es bei uns, in dieses Licht einzugehen! Wie würde es da dann unseren Kollegen und Mitpriestern ergehen, die über derlei Dinge vielleicht nicht einmal nachgedacht haben - weder pro noch kontra -, sondern nur darauf bedacht waren, wie sie stets mehr ihren Bauch füllen könnten! O Herr und Meister, Du wirst am besten wissen, was Du mit dem Tempel und allen seinen blindesten Priestern machen wirst! Mir steigt nun ein wahres Grauen auf, wenn ich dieses Licht mit der allerkardinalsten Finsternis des Tempels vergleiche. Wie groß und alles zu sein dünkt sich so einer unseresgleichen im Tempel, und wie unendlich klein würde er sich dünken, so er in dieses Licht käme!
   03] O David, wie sehr wahr hast du gesprochen, als du sagtest: »Oh, wie gar nichts sind alle Menschen gegen Dich, o Herr! Verlasset euch nicht auf Menschenhilfe; sie können euch alle nicht helfen!« Ja, wieviel uns alle die Gesetze und eigennützigen Lehren des Tempels genützt haben, das sehen wir erst jetzt so recht ein und werden das in der Folge sicher noch besser einsehen! Herr und Meister, verlasse nur Du uns nimmerdar mit Deinem Geiste!«
   04] Sagte Ich: »Wer in Meiner Lehre verbleibt, der verbleibt auch in Mir, und Ich verbleibe in ihm; wer aber Meine Lehre verläßt in der Tat nach ihr, der verläßt auch Mich, und das Leben ist nicht in ihm. Ich bin der wahre Tag des Lebens. Wer an diesem Tage fortwandelt, der wird nicht anstoßen, und wer an diesem Tage arbeitet, der wird den wahren Lohn des Lebens ernten.
   05] Nun wisset ihr vorderhand das Wichtigste; alles Weitere zu erfahren, werdet ihr noch hinreichend Gelegenheit haben. Doch das Wissen allein macht nicht selig, sondern das Handeln!
   06] Es gibt aber ein zweifaches Handeln: ein Handeln für die Welt aus Eigennutz - und ein rechtes Handeln in der Welt aus wahrer Liebe zu Gott und aus Liebe zum Nächsten. Aus dem ersten Handeln gewinnt der Mensch das Gericht und leicht den ewigen Tod, aus dem zweiten Handeln aber die Liebe und Gnade Gottes und das ewige Leben der Seele.
   07] Ich sage damit nicht, daß da jemand nicht mit allem Fleiße die Erde bebauen soll, und daß er nicht sparsam sein soll: denn Ich Selbst empfehle jedermann allen Fleiß und eine gerechte Sparsamkeit. Aber das alles tue man darum, um einen gerechten Vorrat zu haben, um zu jeder Zeit der Armut beistehen zu können. Denn was jemand den Armen tut in Meinem Namen, das werde Ich also annehmen, als hätte er es Mir getan, und Ich werde ihn segnen hier und dort; wer aber nur für sich und pur für seine Kinder arbeitet und sorgt und sich auch nicht scheut, ungerechtes Gut an sich zu ziehen, der wird keinen Segen von Mir zu erwarten haben, und jenseits wird er vor Meinem Richterstuhle nicht bestehen, sondern er wird hinausgestoßen werden in die Kerker der äußersten Finsternis. Da wird viel Heulen und Zähneknirschen sein, und solch eine Seele wird schwerlich je zur vollen Anschauung Gottes gelangen.
   08] Wer aber von seiner eigennützigen Sparsamkeit in den vollen Geiz übergeht, der ist schon hier ein Teufel in Menschengestalt, der dem Geiste Gottes, der pur Liebe ist, allzeit widerstrebt und darum von der Seligkeit für immer ausgeschlossen bleiben wird. Denn so gewiß es einen Himmel gibt, so gewiß gibt es auch eine Hölle, deren Wurm nimmer stirbt, und deren Feuer nimmer erlischt. Wer da hineinkommt aus seinem höchsteigenen Willen, der wird nimmerdar herauskommen auch aus seinem höchsteigenen Willen, - und das ist der wahre, ewige Tod der Seele. Dieses merket euch auch hinzu, und hütet euch, daß ihr nicht in die Selbstsucht, Eigenliebe, in den Neid, Geiz und in den Hochmut der Welt verfallet! Denn alle anderen Sünden wird ein Mensch eher los als die soeben angeführten.
   09] Sehet aber an unseren Lazarus, der nun irdisch wohl einer der reichsten Menschen von ganz Judäa ist, - aber er ist nicht reich für sich, sondern für viele tausend Arme, die bei ihm Arbeit und ein gerecht gutes Unterkommen allzeit finden; darum ist er auch gesegnet, und so er stürbe dem Leibe nach, da will Ich ihn dennoch auferwecken, auf daß er noch lange lebe für die Armen. Und hinfort soll er keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken, sondern es wird ihm freistehen, seinen Leib zu verlassen und einzugehen in Mein ihm stets offen stehendes Reich. In der Wohnung, wo Ich ewig wohnen werde, da wird auch er wohnen ewiglich!
   10] Ihr seht daraus, daß Ich nicht nur ein Freund der Armen, sondern auch ein Freund der Reichen bin, wenn sie ihren Reichtum nach der wahren und rechten Absicht Gottes benutzen und gebrauchen. Wer reich ist, der tue also, und er wird leben!«
   11] Sagte hier, ganz zerknirscht vor Liebe, zu Mir Lazarus: »Aber Herr, Du allzu Gütiger, was tue Ich wohl gar so Gutes, daß Ich als ein armer Sünder von Dir so sehr gnädig angesehen werde?«
   12] Sagte Ich: »Das weiß schon Ich, wie und was du tust; darum wundere dich nicht, so Ich dir darum Mein rechtes Lob vor vielen Menschen erteile!
   13] Zu einem andern Reichen, der Mir auch nachfolgen wollte, aber dabei doch seine Reichtümer sehr liebte, sagte Ich: »Verkaufe zuvor alle deine Güter, teile den Erlös unter die Armen, dann erst komme und folge Mir nach!« - Da aber der Mensch seine Reichtümer sehr liebte, so ward er alsbald traurig und ging von dannen.
   14] Dir aber sage Ich: Kaufe noch mehr Güter; denn was du dein nennst, das gehört schon so gut wie den vielen Armen, die das meiste von deinen Gütern verzehren!
   15] Einem Reichen, der seine Reichtümer ihret- und seinetwegen zu sehr liebt, aber sage Ich, daß da ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr kommt, denn ein solcher Reicher dereinst in den Himmel!
   16] Aber es gibt auch der Armen so manche, die da zu dem gutherzigen Reichen kommen und ihn a um ein Almosen bitten; und haben sie eins bekommen, so vergeuden sie es und sind obendrauf oft noch höchst undankbar gegen ihren Wohltäter. b Allein daraus mache sich kein Wohltäter etwas; denn je weniger Dank ihr auf dieser Welt einernten werdet, desto größer wird euer Lohn jenseits sein; denn dadurch zeigen solche Reichen erst, daß sie Gott ähnlich sind, der auch Seine b Sonne über Gute und Böse aufgehen und scheinen läßt. (a jl.ev04.079,02-03*; jl.ev06.227,16; jl.ev08.159,11-13; b jl.ev02.157,08; jl.ev03.192,11-16; jl.ev04.079,04-08; jl.ev05.125,07-10; jl.ev06.227,16; jl.ev07.001,13-17; jl.ev10.139,04; jl.ev10.146,11; c mt.05,45; jl.ev01.050,05; jl.ev02.159,14; jl.ev05.125,09; jl.ev06.049,04; jl.ev06.227,16 jl.ev10.146,09)
   17] Ja, Ich sage euch noch mehr: a Tut euren Feinden Gutes, betet für die, welche euch fluchen, und segnet, die euch hassen und verfolgen, so werdet ihr dadurch am ehesten glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln und ihr arges Gemüt am ehesten zum Besseren und Edleren wenden! Leihet euer überflüssiges Geld denen, die es euch nicht wieder mit Zinsen zurückzahlen können, und ladet solche zu Gaste, die euch nicht wieder zu einem Gegengastmahle laden können, so werdet ihr euch dadurch große Schätze für eure Seele in dem Himmel sammeln! (a mt.05,44; Ex.23,04-05; lk.06,27; röm.12,14; röm.12,20; b lk.06,28; lk.23,34; Apg.07,60; jl.ev01.074,10-16*; jl.ev01.075,11-12; jl.ev02.159,08; jl.ev07.225,16-229,21; jl.ev06.227,17; jl.ev09.039,12; jl.ev10.162,13-14)
   18] So aber zu dir Reichem einer kommt, dem du schon einige Male Gutes getan hast, der aber deine Güte mißbrauchte, so ermahne ihn mit guter Rede; aber die Liebe enthalte ihm nicht vor! Bessert er sich, so hast du an ihm ein doppelt gutes Werk getan; bessert er sich nicht, so werde ihm darum nicht gram, - denn neben der physischen Armut gibt es auch eine geistige, die stets größer und bedauerlicher ist als die physische.«


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