Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 157

Jesus über Almosengeben und Feiern zu Gedenktagen.

01] Während der Hauptmann solches noch spricht, kommt ihm unsere fromme Jarah entgegen und sagt: »Aber ihr bleibet lange aus! Du mein lieber Raphael scheinst dich auch schon nach der faulen Weltzeit richten zu wollen! Wahrlich, das ging nicht so schnell wie unsere Reise nach jener entfernten Sonne! Kommet jetzt nur schnell herein; denn die Speisen sind schon auf dem Tische!« - Beide gehen nun schnell hinein und begrüßen. Mich auf das freundlichste.
02] Der Hauptmann wollte Mir seinen Dank für Meine Fürsorge darbringen, aber Ich sagte zu ihm: »Freund, Mir genügt dein Herz! Die Speisen haben schon auf euch gewartet, darum heißt es jetzt vor allem dem Leibe die nötige Stärkung geben und darauf erst sich wieder an das Geistige wenden.«
03] Alle danken nun und fangen an, ganz wacker zu essen und zu trinken, und der Hauptmann betrachtet immer den Engel, wie dieser so recht wacker in die Schüsseln greift und seinem Weinbecher auch recht fleißig zuspricht.
04] Der Hauptmann kann sich am Ende nicht mehr halten und sagt so halb scherzweise: »Nun, nun, die reinen Geister haben wahrlich einen gesunden Appetit! Mein guter Raphael ißt hier für drei; nein, so etwas hat wohl die Erde noch nicht erlebt!«
05] Sagt Ebahl: »Es wundert mich nun auch über die Maßen; aber ich sehe noch etwas, das mich mehr noch wundernimmt denn sein ziemlich starkes Essen. Sieh, in seiner Schüssel wird daran nichts weniger! Hier gilt wahrlich der Weisheit Spruch: >Was der Himmel nimmt, das gibt er im nächsten Augenblick wieder!< Dieser Tisch soll von mir als ein bleibendes Heiligtum für alle Zeiten bei meinen Nachkommen in allen Ehren aufbewahrt werden, und alljährlich soll ein Fest dahin gestellt sein, daß an diesem Tische alle Armen des Ortes sollen gespeist und getränkt werden!«
06] Sage Ich: »Laß du den Tisch Tisch sein und bleibe du, wie du warst! Und wenn ein Armer zu dir kommt und du etwas hast, so unterstütze ihn an jeglichem Tage; aber ein jährliches Festessen nützt weder dem Armen noch dir etwas, und Ich habe daran keine Freude. Der Meiner gedenkt, der tue das alle Stunden des Tages; ein jährliches Gedenken aber kann Ich nicht brauchen!
07] Wenn du solch ein Fest bestimmtest, da glichest du ja den Templern zu Jerusalem, die auch dreimal im Jahre Gedächtnisfeste feiern und an denselben, wegen des Gebrauchs, den Armen Brot austeilen lassen, als könnte dann der Arme von solch einem Stückchen Brot von einem Feste bis zum andern ohne weitere Nahrung leben! O des Unsinns solcher lächerlichen Feste! Die Pharisäer wohl nehmen an solchen Festtagen so viel an reichen Opfern ein, daß sie von dem Ertrage nur eines Festes hundert weitere Jahre ganz gut leben könnten; aber der Arme soll sich begnügen, so er im Jahre dreimal ein kaum ein achtel Pfund schweres Stück Brot bekommt. O der großen Narrheit, Dummheit, Blindheit und selbstsüchtigen Bosheit! - Darum laß du diesen Tisch das sein, was er ist, und du wirst darauf das Mir angenehmste Fest feiern, so du täglich nach deinen Kräften einen oder den andern Armen an diesem oder auch an einem andern Tische sättigst!
08] Und käme ein und derselbe Arme an jeglichem Tage zu dir, so frage ihn ja nicht, ob er anderswo nichts bekomme; denn solches würde dem Armen ein banges Herz machen, daß er sich dann lange nicht wieder getraute, zu dir zu kommen, und dein gutes Werk verlöre dadurch allen Wert vor Mir!
09] Ich will es aber auch nicht, daß du den noch kräftigen Müßiggängern, die Arbeiten zu leisten fähig sind, das Brot der Armen teilen sollst; denen, so sie kommen, gib eine ihren Kräften angemessene Arbeit! Werden sie dir eine oder die andere Arbeit verrichten, da gib ihnen auch zu essen und zu trinken; werden sie aber die Arbeit nicht annehmen, so gib ihnen auch nichts zu essen! Denn wer da Kräfte hat, aber nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen!
10] Siehe, wenn du danach deine Handlungen einrichten wirst, so wirst du Mir allzeit ein angenehmstes Gedenkfest bereiten; aber mit deinem beabsichtigten Jahresfeste bleibe du Mir allzeit vom Halse! Denn ein solches Jahresfest ist der größte Unsinn, den ein Mensch begehen kann, weil damit niemandem in irgend etwas gedient ist, - außer dem Festveranstalter, der an einem solchen Jahresfeste irgendeinen Opfernutzen sich verschaffen kann!
11] Um was ist denn die Zeit eines Jahres besser denn die eines Tages? Wer zum Beispiel den Geburtstag seines Vaters ehrt einmal im Jahre, der sollte ja auch an jedem Tage die Geburtsstunde ehren, was sicher besser wäre denn der jährliche Geburtstag!
12] Ich sage es dir, alle dergleichen Gedächtnisfeste der Menschen haben vor Mir keinen Wert, außer sie werden täglich, ja stündlich im Herzen lebendig begangen. So sind die Neumonde, die Jubeljahre, das Fest der Befreiung Jerusalems aus der Gewalt Babylons, das Fest der Wiedererbauung der Stadt und des Tempels, das Fest Mosis, Aarons, Samuels, Davids und Salomons leere Dinge, an denen der Wahrheit nach kaum soviel liegt als an dem Regen, der vor tausend Jahren ins Meer fiel.
13] Anfangs werden diese Feste wohl in einer Art religiösen Aufschwungs begangen, und die Festanten (Teilnehmer) erinnern sich dabei der Person oder irgendeiner bedeutenden Handlung, die sie selbst erlebt haben, noch sehr lebhaft. In der zweiten, dritten, vierten oder gar zehnten Generation wird es zu einer leeren Zeremonie, bei der Tausende kaum mehr wissen, warum sie begangen wird, - und späterhin geht die ganze Sache ins eitle Heidentum über.
14] Übrigens will Ich damit wahrhafte Gedächtnisfeste nicht aufgehoben haben; aber sie müssen nebst der Alljährlichkeit auch die Täglichkeit im Herzen führen, ansonst sie als tot und somit wirkungslos anzusehen sind. Aber hier mit dem Tische bleibe es, wie Ich es dir gesagt und gezeigt habe!«
15] Sagt Ebahl: »Soll alles genauest beachtet werden, was Du, o Herr, nun allergütigst und allerwahrst gezeigt hast; aber dafür wollen wir die Tagesfeste in unseren Herzen desto emsiger begehen und wollen uns dabei nach allen unsern Kräften in der Nächstenliebe üben und durch sie die herrlichsten Gedächtnisfeste begehen!«
16] Sage Ich: »So ihr in dem verbleiben werdet, da werde auch Ich verbleiben in euch, und man wird daraus erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!
17] Nun aber haben wir gegessen und getrunken zur Genüge; erheben wir uns darum vom Tische und begeben uns hinaus zu unsern Schiffern, und sie werden euch so manches Seltene zu erzählen wissen! Hier hätten wir wenig Ruhe, da in einer Stunde wieder eine Karawane aus Bethlehem hier anlangen wird, darunter einige junge Erzpharisäer, mit denen Ich durchaus in keine Berührung kommen will; sehet, daß sie heute noch bis nach Sibarah fortgeschafft werden!«
18] Sagt der Hauptmann: »Dafür wird gesorgt sein! Denn nun ist mir auf der Erde kein Mensch widerwärtiger denn ein Erzpharisäer!« - Auf diese Worte erheben wir uns alle und eilen hinaus zu unseren Schiffern ans Meer.


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