Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 126

Die Nächstenliebe als Regulator der Sparsamkeit.

01] (Der Herr:) »»Ja«, sagt wieder einer von euch bei sich, »es wäre schon alles recht mit der Selbstprüfung; aber woher das allzeit richtige Maß des reinen Gefühls und Gewissens? Der Mensch wächst von der Wiege in die volkssittlichen Gefühle hinein und findet alles recht, was er als solchen Gefühlen vollkommen Rechnung tragend tut; ja, täte er denselben zuwider, so vermeinete er eine Sünde zu begehen.«
02] Es sei bei einem Volke die Sparsamkeit eine anempfohlene und angepriesene Hauptsitte und laute: »Wer in der Jugend und Manneszeit spart, der darf im Alter nicht darben, und wer da nicht arbeitet und spart, der soll auch nicht essen!«
03] Meine lieben Freunde! Diese an sich durchaus nicht unlöblichen Grundsätze sind mir recht wohl bekannt. Sie können und sollen überall, wo ein Volk in Gemeinden zusammen lebt, bestehen und aufrechterhalten werden, aber stets im lebensedelsten Sinne. Damit sie aber nur in solchem Sinne unter den Menschengesellschaften bestehen und nie unter- und nie übertrieben werden, so muß ihnen ein haltbarer und sehr verläßlicher Regulator an die Seite gestellt werden. Was aber soll diesen Regulator abgeben? Nichts und niemand als allein die wahre und reine Nächstenliebe, deren vernünftiger oberster Grundsatz darin zu bestehen hat, daß man dem Nächsten gerade alles das von Herzen wünsche und tue, was man natürlich vernünftiger- und weisermaßen wünschen und wollen kann, daß die andern es auch unsereinem tun und erweisen möchten.
04] Wer diesen Grundsatz so recht betrachtet, der wird daraus bald gewahr werden, daß er wie kein anderer alle Menschen zu einem gewissen Fleiße und auch zur wahren und lebensedlen Sparsamkeit anspornen wird; denn ist es mir unangenehm, daß ein anderer an meiner tätigen Seite einen Müßiggänger macht, so soll ich auch an seiner Seite keinen Müßiggänger machen!
05] Wird dies ein jeder aus wahrer, lebensedler Nächstenliebe tun, so wird es in einer Gemeinde bald sehr wenige geben, die man »Arme« nennen könnte. Außer den Lahmen, Bresthaften, Blinden, Tauben und Aussätzigen wird es wenige mehr geben, die der Gemeinde zur Last würden; aber die sollen dann wohl mit dem freudigsten Herzen zuvorkommend Verpflegt werden.
06] Dann wird es in einer Gemeinde einen oder auch mehrere Lehrer geben, die da nicht Zeit haben, sich mit ihrer Hände Arbeit den Lebensunterhalt zu verschaffen. Diese sollen denn von der Gemeinde dahin versorgt sein, daß sie nicht nötig haben sollen, die Zeit, die für den Unterricht eurer Kinder und euer selbst bestimmt ist, mit der Feldarbeit zuzubringen! Das ist auch ein Akt einer besonderen Nächstenliebe, der hoch obenan steht. Denn der, der euch allertätigst mit den geistigen und somit wahrsten Lebensschätzen versorgt, den sollet ihr wohl nicht in seiner leiblichen Sphäre darben lassen.
07] Wer aber eine solche Gnade von Mir hat und berufen ist, den Menschen in Meinem Namen ein Lehrer zu sein, der bedenke aber, daß er die Gnade von Mir umsonst überkommen hat und sich daher für die Weiterausteilung nicht soll ein Entgelt bezahlen lassen! Ein echter Lehrer wird auch das, was er von Mir umsonst überkommen hat, auch umsonst weitergeben. Aber die Beteilten sollen dann aus wahrer Liebe zu Mir den Lehrer, den Ich zu ihnen gesandt habe, wohl aus ihrem eigenen Antriebe mit aller Liebe aufnehmen und ihn in keiner Art darben lassen; denn es versteht sich ja von selbst, daß das, was sie einem Gesandten von Mir tun, also angesehen wird, als hätten sie es gerade Mir Selbst getan!
08] Aber was sie da tun, das sollen sie stets mit großer Freude tun, auf daß das Herz des Lehrers nicht traurig werde ob der Härte der Herzen der Gemeindeglieder, und er sehe mit freudigem Herzen, wie Mein Wort aus seinem Munde sogleich anfängt, die edelsten Früchte des wahren, innern Lebens zu tragen.
09] Ihr sehet nun, daß die wahre, edle und - sage - vernünftige Nächstenliebe für dies irdische Leben der allerverläßlichste Visierstab ist, um zu erforschen, ob und wie rein es in der Seele aussieht. Gebrauchet ihn daher vor allem, und ihr werdet davon ehest die segensreichsten Früchte für die Scheunen des ewigen Lebens im Lichte Meines Geistes in euch ernten! Was meinst du, Mathael, nun wohl in bezug auf die Reinerhaltung dieser Meiner nun an euch ergangenen Lehre? Ist sie so allen Menschen bis ans Ende der Zeiten rein zu erhalten oder nicht?«
10] Sagt Mathael, ganz ergriffen von der Wahrheit Meiner Worte: »Herr, nur eine kurze Rast, und ich will Dir danken auch mit der Zunge für diese zu großwichtige Aufhellung und Zurechtweisung aller meiner Bedenken! Ja, dies Lob muß laut ausgesprochen werden! Aber nun ist mein Herz noch zu ergriffen und zerknirscht, darum nur eine kleine Rast meiner Seele, o Herr, Du ewig Weisester!«


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