Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 98. Kapitel: Die Wachsamkeit der Seele.

   01] Als Markus diese Worte gesprochen hatte, da wurde gen Südwesten eine Feuerröte ersichtlich, die hinter einem Berge aufstieg.
   02] Alle fragten Mich, was dies wäre und zu bedeuten hätte.
   03] Ich aber sagte: »Freunde, da ist es kaum der Mühe wert, einer solchen ganz gemein natürlichen Erscheinung eine geringste Aufmerksamkeit zu schenken! Auf dem hinteren Teile jenes eben nicht zu hohen Berges haben Schafhirten eine Menge dürres Holz am Tage zusammengebracht und haben es nun, da es schon ganz dunkel geworden ist, angezündet, und das verbrennt nun und wird auch bald ganz verbrannt sein. Darin besteht die Bedeutung dieser Erscheinung«.
   04] Sagte Agrikola: »Da ist wahrlich nicht viel daran zum Besten der Menschen!«
   05] Sagte Ich: »Das sicher nicht; aber die Pharisäer haben dieses Feuer von Jerusalem aus doch auch bemerkt und werden schon allerlei Deutungen daraus zu machen verstehen. Es ziehen über jenes Gehügel nun Reisende nach Tyrus hinauf und werden auf dem Rückwege Jerusalem besuchen, und durch sie werden die Pharisäer wieder Lügen gestraft werden, und das wird noch die beste Wirkung dieser Erscheinung sein.
   06] Aber nun sind im Hause unsere Köchinnen auch schon mit dem Nachtmahle fertig; diese Nacht wird uns wenig Sehenswertes mehr bieten, und so wollen wir uns denn auch ins Haus begeben und darin das Nachtmahl verzehren!«
   07] Als Ich solches noch kaum ausgesprochen hatte, da kam auch schon ein Diener aus dem Hause und benachrichtigte uns, daß das Nachtmahl bereitet sei; und wir gingen denn auch sogleich ins Haus, setzten uns zu Tische und nahmen die wohlzubereiteten Fische zu uns, und so das Brot und den Wein. Alles war heiteren Mutes, weil auch Ich heiteren Mutes war.
   08] Die Maria von Magdalon erzählte der Maria und Martha mehrere Geschichten von den Templern, und wie sich diese alle Mühe gegeben haben, sie zu verführen und auf ihre Seite zu bringen, und welch große Geschenke sie ihr dargebracht haben. Sie aber gedachte: "Das können die Armen brauchen"; und so habe sie denn auch rein nur der Armen wegen der Sündgier der Templer Gehör gegeben. Aber selbst diese Art, sich zur Sünde verleiten zu lassen, war für sie vom Übel; denn sie sei bald von sieben bösen Geistern in Besitz genommen worden, und da habe sie gar viel auszustehen und zu leiden gehabt. Und sie erzählte da so manches noch aus der Zeit ihres Leidens und auch, wie eben Ich sie von jenen argen Geistern erlöst habe, bei welcher Gelegenheit sie sich auch wieder an Mich in aller Liebe in Herzensinbrunst wandte.
   09] Ich aber beruhigte sie und behieß sie nun zu essen und zu trinken.
   10] Hierauf fragte Mich Markus wieder, ob die aus dieser Maid vertriebenen argen Geister auch von der Art waren wie jener in Illyria.
   11] Sagte Ich: »Allerdings; denn nur solche noch höchst materiellen Geister oder, hier besser gesagt, Seelen tun solches, wenn sie dazu eine Gelegenheit bekommen. Wie sich aber derlei Gelegenheiten ergeben, das habe Ich euch insoweit, als es euch zu wissen nötig war, gezeigt. Und so wollen wir auch nichts Weiteres darüber verhandeln; denn Ich wollte Mir hier mehr Ruhe gönnen, als das auf dem Ölberg der Fall war. Aber sehet da, Ich bekam hier mit euch mehr zu tun als auf dem Ölberg an irgendeinem Tage. Doch es macht das nun nichts, denn solange es Tag ist, soll man auch arbeiten; kommt dann die Nacht und die Finsternis, in der sich nie gut arbeiten läßt, so kann man sich erst die Ruhe gönnen. a Wer aber in der Nacht ruht, der schlafe nie zu fest, damit er vernehmen kann, ob etwa Diebe in sein Haus dringen, die des Tiefschläfers Habe sich zueignen wollen!« (a Matthäus.24,43; Lukas.12,39-40;  1. Thessalonicher.05,02jl.ev09.144,15jl.ev01.021,10jl.ev10.182,15jl.ev09.152,07)
   12] Sagte hier Petrus: »Herr und Meister, wenn man einmal des Abends von der oft schweren Arbeit und Mühe sehr schlafmüde wird, dann ist es wohl sehr schwer, sich selbst im Schlafe zu überwachen. Wie möglich soll ein Mensch das anstellen?«
   13] Sagte Ich: »Also wohl freilich nicht, wie du es verstanden hast; aber so ein Mensch dem Leibe nach auch noch so fest schläft, so wacht doch seine in Mir starke Seele, und diese wird den Leib, wenn es not ist, schon erwecken.
   14] Darum eben aber habe Ich solches zu euch nun geredet, auf daß ihr eure Seelen rein erhalten sollet; denn eine unreine Seele ist am Ende so materiell wie ihr Leib und kann nicht wachen über denselben, da auch ihr innerer Geist über die festschlafende Seele nicht wachen kann, weil sie von seinem Einfließen nichts vernehmen kann und mag.«
   15] Sagte nun Thomas: »Herr und Meister, wir wissen es wohl, daß unsere Seelen noch lange nicht zur Genüge rein sind, aber was sollen wir tun, damit sie nach Deinem Wohlgefallen rein werden möchten?«
   16] Sagte Ich: »Nun, das habe Ich euch wohl schon gar oftmals gesagt und gezeigt! Tut nur allzeit danach, und das Feuer eurer Liebe zu Gott und zum Nächsten wird euren Seelen schon ehest das verschaffen, was ihnen noch irgend abgeht! So Ich erst aufgefahren sein werde und über euch ausgießen werde Meinen Geist, dann auch werden eure Seelen rein werden wie ein reines Gold; aber bis dahin verharret in aller Liebe und rechter Geduld!«
   17] Mit dem waren die Jünger zufrieden und fragten Mich um nichts Weiteres mehr an diesem Abend.


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