Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 99. Kapitel: Jesus über erfüllte und unerfüllte Weissagungen. Die Willensfreiheit des Menschen und die Allwissenheit Gottes.

   01] Es fragte Mich aber nun einer der Pharisäer, der auch sein Weib und seine Kinder in Bethanien hatte: »Herr und Meister, würdest Du mir gram werden, so ich hinginge, zu begrüßen mein Weib und meine Kinder?«
   02] Sagte Ich: »O mitnichten, aber siehe da diese Meine ältesten Jünger; sie haben daheim auch Weiber und Kinder, und keiner fragt Mich wie du nun! Ich aber sage es dir nun und so auch euch allen: Wer da irgend in der Welt noch eines oder das andere mehr liebt als Mich, der ist Meiner nicht wert, und wer einmal seine Hand an den Pflug legt und sich nach rückwärts, das heißt nach dem, was der Welt ist, umsieht, der ist noch nicht geschickt zum Reiche Gottes. Meinst Du wohl, daß darum dein Weib und deine Kinder versorgter sein werden, so du sie in dieser Nacht noch sähest und sprächest? - Das ist nun so Meine Meinung; übrigens steht es dir vollkommen frei, zu tun, wie es dir gut dünkt.«
   03] Als der Pharisäer solches von Mir vernommen hatte, da hatte er auch keine Lust mehr, nun am späten Abend sein Weib und seine Kinder zu besuchen und blieb ganz ruhig am Tische sitzen.
   04] Es fragte Mich aber nun ein anderer aus der Zahl der Judgriechen, der auch ein Pharisäer war, sagend: »Herr und Meister, Du weißt schon von Ewigkeit her in Deinem Geiste, was Du am morgigen Tage alles tun und unternehmen wirst! Manchmal hast Du uns das schon frei von Dir aus angezeigt, und so kann es nun ja auch nicht etwa gar zu weit gefehlt sein, so ich Dich nun darum frage, was Du etwa am morgigen Tage alles unternehmen wirst.«
   05] Sagte Ich: »So es dir und den andern not täte und dienlich wäre, da würde Ich es euch auch schon sagen, was Ich morgen alles unternehmen werde; aber weil das eben nicht der Fall ist, so sage Ich es euch auch nicht.
   06] Es ist aber für den Menschen eben nicht gut, so er zu viel voraus weiß, was in der Zukunft als bestimmt geschehen wird; denn das würde die Menschen entweder zur Verzweiflung bringen oder sie am Ende ganz lau und untätig machen.
   07] Und auf dieser Erde, auf der die Gotteskinder erzogen werden, geht es mit dem Weissagen über die Zukunft auch unmöglich mit einer solchen Bestimmtheit, wie das auf irgendeinem andern Weltkörper der Fall sein kann; denn bei der vollen Freiheit des Willens der Menschen dieser Erde kommt es ja zuallernächst darauf an, was die Menschen selbst wollen, und wie sie nach ihrem Erkennen und Willen handeln.
   08] Wenn Ich nun sagete: "Du magst nun erkennen, wollen und handeln, wie du willst, so wird als ganz bestimmt doch nur das geschehen, was Ich da will und dir verkünde!", ja, wenn es also wäre, da wäre Ich wahrlich ganz zwecklos zu euch Menschen von den Himmeln herabgekommen, und alle Meine Lehre an euch wäre eitel!
   09] Ja, Ich sage noch mehr: Wenn in der sittlichen und staatlichen Hinsicht nur das geschehen müßte, was Ich euch verkünde, und zwar unabänderlich, so hättet ihr Menschen keine höhere Bestimmung als die Tiere; und wozu hättet ihr dann eure Vernunft, euren Verstand und eure Liebe und aus ihr den vollkommen freien Willen? Ich kann euch nur dahin als ganz bestimmt zum voraus sagen, daß über euch dies oder jenes kommen wird, wenn ihr so oder so wollet und handelt; aber wenn Ich je einem Volke oder auch nur einem Menschen als ganz bestimmt zum voraus anzeigen würde, daß dies oder jenes als ganz bestimmt geschehen werde, so wäret ihr nicht bestimmt, Kinder Gottes zu werden, und Ich wäre in Meinem Geiste nicht euer Vater.
   10] Gehet zurück auf alle Propheten, die zukünftige Dinge geweissagt haben, ob je einer etwas als unabweichbar Kommendes geweissagt hat! Ein jeder hat seine Weissagung nur stets unter gewissen Bedingungen aufgestellt, die sich stets auf die Besserung oder Verschlimmerung der Menschen bezogen. Nur Meine Fleischwerdung ist den Menschen als ganz bestimmt ohne ihr Willen und Handeln geweissagt worden zu ihrem Heile, darum sie auch pur Mein Werk ist; obschon sie aber das ist, so lasse Ich aber nun dennoch einen jeden, der es nur will, teilnehmen an diesem Meinem größten Werke.
   11] Jonas mußte, von Meinem Geiste getrieben, zu den Niniviten gehen und ihnen ihren Untergang verkünden, so sie in ihrer Bosheit verharren würden. Er tat es ungern, da er als ein Prophet wohl wußte, daß Meine Vorausanzeigen stets auf Bedingungen gestellt sind. Das Volk von Ninive aber besserte sich, und das Tatsächliche Meiner Androhung blieb natürlich aus, was selbst den Jonas ärgerte.
   12] (Ähnlich verhielt es sich) mit dem Propheten Jeremias, einem Sohne Hilkias, aus den Priestern zu Anathot im Lande Benjamin, den Ich berufen hatte zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, Königs von Juda, in seinem dreizehnten Regierungsjahre, und so auch zur Zeit des Königs Jojakim, Josias Sohn, und bis ans Ende des elften Jahres Zedekias, auch eines Sohnes Josias, Königs von Juda, und bis aufs Gefängnis Jerusalems im fünften Monde. Ja, dieses Propheten Weissagung ist vielfach in Erfüllung gegangen, und die Gefangenschaft erfolgte, aber nicht deshalb, weil Ich es den damaligen Meiner ganz vergessen habenden Juden durch den genannten Propheten hatte voraus verkünden lassen, sondern weil die Juden sich nicht besserten, den Propheten nur verlachten und beschimpften und am Ende sogar verfolgten, daß er selbst unwillig ward und alles Geschriebene vertilgte, und Ich ihn dann von neuem alles wieder niederschreiben hieß und ließ.
   13] Die Juden waren sonach selbst schuld, daß an ihnen zum größten Teile das zum leidigen Vollzug kam, was ihnen angezeigt wurde. Aber an vielen Juden, die sich wahrhaft gebessert hatten, ging der böse Teil der Weissagung des Jeremias nicht in Erfüllung, sondern nur der gute.
   14] Und so zerfällt auch alles, was Ich euch geweissagt habe und noch weissagen werde, von selbst begreiflich notwendig in zwei Teile, und das entweder im Eintreffen des Schlimmen oder im Eintreffen des Guten; also wird auch die Zeit nie als fest angegeben, sondern sie richtet sich stets ganz nach dem Willen und Handeln der Menschen! Denn wie könnte Ich zu einem noch so entarteten Volke sagen: "Weil du so sehr arg geworden bist und nicht geachtet hast Meine ernsten Mahnungen an dich, so sollst du, von heute an gerechnet, mit Blitz und Donner und Pech und Schwefel vom Himmel in sieben Tagen von der Erde vertilgt werden!", - das Volk aber nähme sich das sehr zu Herzen, täte Buße in Sack und Asche und kehrte sich zu Mir?! Würde Ich bei einem solch bewandten Umstande auch noch am siebenten Tage Meine Androhung in Vollzug setzen, weil Ich Selbst sie verkündet habe? O nein, - sondern Ich werde Mich des in sich gegangenen Volkes erbarmen und werde es segnen und nicht züchtigen!
   15] Ihr habt die Zeichen gesehen und wisset, was Ich Selbst über die Zukunft Jerusalems geweissagt habe, aber darum ist davon noch keine Folge, daß das auch als ganz unabänderlich bestimmt eintreffen müsse, sondern es wird das alles vom Willen und Handeln der Juden und Templer abhängen!«
   16] Sagte hier der Pharisäer: »Aber Herr, Du mußt es doch für Dich als ganz bestimmt voraussehen, ob sich die Juden und Templer bessern oder nicht bessern werden, und danach dann auch sagen, daß über sie das angezeigte Gericht entweder nicht kommen oder für bestimmt kommen wird!«
   17] Sagte Ich: »Ja, so denkst du als ein Mensch, - aber Ich denke da ganz anders. Hast denn du noch nie in der Schrift gelesen hier und da, wo es hieß: "Und Gott hatte von diesem Volke sein Gesicht abgewandt."? Was will aber das sagen? Siehe, das will soviel sagen: Ich sehe, so Ich (ein Volk) ein-, zwei-, drei- bis sieben Male ermahnt habe, dann nicht mehr darauf, was es will, und was es dann tut; kurz und gut, das Volk oder auch ein jeder Mensch für sich kann da wollen und tun, was ihm beliebt, und Ich nehme von nichts Kenntnis und Wissenschaft bis entweder zu seiner vollen Besserung oder bis zu seinem Sündenvollmaße. Wie dann das Volk oder auch ein Mensch will und handelt, so wird es ihm auch werden! Denn Ich habe das auf der Erde schon so eingerichtet, daß auf jede Handlungsweise der Menschen der sichere Erfolg von selbst kommen muß.
   18] Und so denn wird auch der morgige Tag kommen, ohne daß Ich euch nun zu weissagen brauche, wie er aussehen wird. Wenn auch zuzeiten reine Lichtgeister den Menschen etwas weissagen werden, so wird es (doch) auch bei dem verbleiben, was Ich euch nun gesagt habe, und was eure Vernunft als allein wahr erkennen muß. Da wir aber heute zur Genüge über Verschiedenes verhandelt haben, so wollen wir uns nun auch einmal wieder zur Ruhe begeben und unsere Eingeweide durch den Schlaf stärken.«
   19] Darauf erhoben sich alle und begaben sich dahin, wo ihre Ruhestätten für sie bereitet waren. Ich aber blieb auf Meinem Ruhestuhl im Saale bis zum Morgen.


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