Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 207

Jesu Betrachtungen über Jerusalem und über die Endzeit der Erde. Das tausendjährige Reich und das Feuergericht.

   01] Ich aber erhob Mich vollends und ging mit den Jüngern ein wenig fürbaß. Allda waren der schönen Aussicht halber mehrere Bänke und anderartige Sitze angebracht. Daselbst hielt Ich an und setzte Mich. Von da aus übersah man Jerusalem am besten.
   02] Die Jünger betrachteten die schöne Stadt, und Johannes sagte in einem wehmütigen Tone zu Mir: »Herr, Du meine Liebe, ist es nicht doch ewig schade um diese Stadt, daß sie nach Deiner Aussage schon in der jüngsten Zeit gar so elendiglich zerstört werden wird?«
   03] Sagte Ich: »Du, Mein geliebter Johannes, hast hier eine für diesen Punkt ganz taugliche Bemerkung gemacht und siehst auch in Meinen Augen Tränen. Aber was kann man hier noch mehr dawider tun?! Seht, um der Erhaltung dieser Mauern willen die ganze Einwohnerschaft durch einen Würgengel vertilgen, wäre sicher nicht etwas besonders Weises, sondern etwas sehr Bedauerliches; denn es leben nun ja doch noch mehrere Tausende in diesen Mauern, die in der Zeit doch noch an Mich glauben werden! Und ihr sehet dort die etlichen siebzig und die vielen Zöllner samt den etlichen verkleideten Pharisäern und Schriftgelehrten; die werden schon heute noch völlig an Mich glauben, und es gibt deren noch gar viele im Volke, die in der Folge auch noch bekehrt werden. Darum soll dieser Ort denn auch solange verschont werden von einem wie immer gestalteten zu großen Gerichte. Aber wenn alle die guten Fischlein aus diesem Teiche werden ausgehoben sein und darin nichts als Nattern und ekelhafte Frösche herumschwimmen werden, dann wird es auch an der Zeit sein, den elenden Sumpf durch Feuer und Erdbeben zu verschütten.
   04] Oh, da sehet euch diese ganze Landschaft an! Wie sah diese vor zehnmal tausendmal tausend Jahren aus?! Da gab es noch gar wenig Festland, und von allen diesen nun so üppig bewachsenen Bergen und Tälern war damals noch keine Spur. Erst durch nachfolgende, viele Tausende von Jahren währende, für euren Verstand undenkbar großartigste und beinahe auf der ganzen Erde allgemein tobende Feuerausbrüche ist nach und nach die Erde erst zu dieser Gestalt gekommen.
   05] Und seht, also wie mit der naturmäßigen Bildung der Erde geht es denn auch mit der geistigen Bildung des Menschen vorwärts! Jetzt ist in den Gemütern der Menschen noch alles voll der höchsten Stürme und Ausbrüche des wildesten Feuers. Die wildesten Leidenschaften machen sich Luft und verheeren alles in und über sich. Aber lassen wir das, - denn es wird schon eine Zeit kommen, in der sich alle solche Leidenschaften in ein ruhiges und fruchtbares Erdreich umgestalten werden, und dann erst wird es völlig helle und wonniglich unter den Menschen werden! Doch wird es aber der wahrhaft guten und reinen Menschen stets eine geringere Anzahl geben als derjenigen, die sich noch immer von ihren Weltleidenschaften mehr oder weniger werden beherrschen lassen.
   06] Solch eine bessere Zeit wird tausend und noch etliche Jahre währen und wird gleichen der gegenwärtigen Gestalt dieser Erde, die nun, von nur wenigen Stürmen heimgesucht, in einer gewissen Ruhe und Ordnung voll üppiger und fruchtreicher Fluren ist, aber daneben dennoch bei weitem mehr unfruchtbare und sehr stürmische Westen zählt als ruhige und fruchtbare Lande, - abgesehen vom großen Weltmeere.
   07] Aber nach solcher über tausendjährigen Zeit wird die Erde abermals eine große Feuerprobe zu bestehen bekommen. In solcher Zeit werden die Berge auf dieser Erde auch zu einem ebenen und fruchtbaren Lande werden, und das Meer wird das tote Land, das noch in seinen Tiefen begraben liegt, vielfach hergeben müssen, und die besseren Menschen werden es in Besitz nehmen und es bald in ein Eden umgestalten. Da wird dann für immerhin, bis zur völligen Auflösung der ganzen Erde, der wahre Friede herrschen und der Tod sein Recht nicht und nimmerdar haben.
   08] Aber wie die Berge der Erde einst dem ebenen Lande gleichgemacht werden, also werden auch die Menschen ihren Hochmut durch harte Prüfungen gänzlich ablegen müssen, ansonst es auf der Erde unter den Menschen nimmerdar zu einem wahren, inneren Frieden käme. Denn den Krieg gebiert nur der Hochmut der Menschen; hört der Hochmut auf, dann hören auch Mißgunst, Neid, Geiz, Haß, Unfriede und mit ihm aller Zank, Hader, Streit und Krieg auf.
   09] Und also wird diese nun so weltberühmte und nahezu älteste Stadt, zu deren Mauern schon der große König von Salem den Grundstein gelegt hat, als nun ein höchster Hochmutsberg moralisch und materiell sehr erniedrigt und dem ebenen Lande gleichgemacht werden, und es a wird mit ihr gehen wie mit einem alten, sehr hohen Zedernbaume, der, weil er dürr, morsch und tot geworden ist, von einem Sturme an seiner faulen Wurzel abgebrochen, dann von den Holzknechten zersägt, mit der Axt zerhauen und im Feuer verbrannt wird. (a Matthäus.03,10]; Lukas.13,09Matthäus.07,19Johannes.15,02Johannes.15,06;  ⇒ jl.ev01.006,10b*;  jl.ev06.207,09jl.ev09.121,22)
   10] Bei dem Baume verursachte das seine Natur, bei dem Menschen aber verursacht das sein böser Wille, der sich unter kein noch so weises Gesetz fügen will, so wie einst die Hanochiten durch ihren zügellosen Ungehorsam die Sündflut über sich gebracht haben, in der sie alle übel umgekommen sind. Wie viele tausend Male sind sie von Mir durch eine Menge Seher gewarnt worden, die Berge in Ruhe zu lassen! Allein niemand von ihnen achtete darauf. Sie aßen, tranken, schwelgten und sündigten auf alle mögliche Weise, sie freiten und hielten große Hochzeitsmähler, bis die Flut von allen Seiten her über sie hereinbrach und sie alle ersäufte. Ebenso wird es auch hier sein.
   11] Diese überhochmütige Schlangenbrut wird sich mit der Zeit in ihrer Blindheit und in ihrem Machtwahne über die Römer erheben und sie aus diesem Lande hinaustreiben wollen. Und das wird ihr Ende sein. Der Feldherr und nachher auch Kaiser ist bereits schon geboren, der dieser Stadt und ihrem Volke den Garaus geben wird.
   12] Und zu Ende dieser Weltmenschenzeit - nicht etwa auch dieser Erde wird es eben also gehen: Die Menschen werden in selbiger Zeit zwar keine Berge bis zu ihren tiefsten Grundlagen abgraben, wie es die Gold und Edelsteine suchenden Hanochiten getan haben, auch werden sie keine Römer mehr in Harnisch zu bringen vermögen; aber sie werden durch allerlei Maschinen, durch Feuerkraft getrieben, anfangen, mittels unglaublich tiefer Schächte und Löcher ins Innere der Erde zu dringen, durch die die höchst brennbaren Gase (brennbare Luftarten) in großen Massen auf die Oberfläche der Erde dringen werden. Und wird einmal die atmosphärische Luft mit solchen Gasen zu sehr gesättigt sein, so werden sich diese beinahe um die ganze Erde entzünden und alles zu Asche verbrennen. Nur wenige Menschen werden dabei am Leben bleiben. Doch die da bleiben werden, die werden aber dann auch Menschen von echtem Schrot und Korne sein. Diese werden dann wahrhaft eine ganz erneute Erde bewohnen, und ihr und viele, die nach euch in Meinem Namen kommen und erweckt werden, werden ihre Lehrer und Führer sein.
   13] Von da an erst wird Mein Reich auf dieser Erde vollends ausgebreitet sein, und die Menschen der Sonne werden mit Meinen Kindern dieser erneuten Erde in eine vollste und gleichberechtigte Gemeinschaft treten und großwachsen in der Liebe Meiner vollwahren Kinder.
   14] Das, was Ich euch jetzt gesagt habe, aber behaltet für euch; denn in dieser Zeit würde das wohl niemandem zu seinem Heile etwas nützen, so er auch davon alles klar wüßte. Zur rechten Zeit aber werde schon Ich Selbst den Menschen, wenn sie Tieferes werden vertragen können, solche Dinge umständlich kundmachen. - Habt ihr alle davon nun wohl alles verstanden?«
   15] Sagte Johannes: »Herr, Du meine alleinige Liebe, das habe ich wohl begriffen; denn Du hast Dich da einmal wieder ganz klar ausgesprochen, und darum habe ich es von Dir auch ganz leicht verstehen können! Ob die andern Brüder alle das alles auch also verstanden haben, das natürlich werden sie für sich wohl sicher ganz gut wissen!«
   16] Sagten bis auf den Judas alle, daß auch sie alles recht wohl verstanden hätten.
   17] Nur dieser Jünger sagte (Judas): »Mir, Herr, ist nicht alles klar!«
   18] Sagte Ich: »So es den andern Brüdern klar ist und dir aber nicht, der du dich mit deinem Verstande noch allzeit am meisten zu brüsten wußtest, da gehe hin zu den Brüdern, und sie werden dir das Unverstandene schon verständlich machen! Die Demut aber begreift alles eher denn der starre, eigensinnige Hochmut, der, so du noch länger bei ihm verharrst, dein Teufel, dein Richter und dein Tod sein wird. Was wohl hast du vor all den andern voraus, darauf du dir soviel zugute tust?! Demütige dich selbst, auf daß du den Schlingen des Satans entrinnen mögest!«
   19] Da kehrte sich Judas um und ging hin zu Nathanael, mit dem er noch am besten harmonierte, und fragte ihn um dies und jenes ehedem Unverstandene, und Nathanael erklärte es ihm. Und als nun auch dieser Jünger so ziemlich im klaren war über das von Mir ehedem den Jüngern Prophezeite, da gab er sich wie in Ruhe und fragte um nichts Weiteres.
   20] Einer von den Judgriechen, die auch bei Mir waren, aber meinte, daß es vielleicht doch nicht schaden würde, so man den andern Juden auch etwas davon zu verstehen gäbe.
   21] Sagte Ich: »Was irgend not tut, das werden sie schon noch zur rechten Zeit erfahren; alles aber brauchen sie durchaus nicht zu wissen. - Nun aber kommt unser Lazarus. Wir wollen auf ihn warten! Er hat nun viel mit den verkleideten Templern geredet, und wir wollen nun sehen, was er uns bringen wird.«


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