Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 208

Bericht des Lazarus über ungläubige Pharisäer.

   01] Lazarus kam alsbald an und sagte: »Herr und Meister! Unbeschreiblich leid ist es mir, daß ich nicht bei Dir hier bleiben konnte; aber ich sah ein, daß Du Ruhe haben wolltest, und so ging ich zurück zu dem Volke, damit ich es aufhielt, auf daß es Dir nicht auf den Fersen nachziehen und Dich in Deiner Ruhe stören möchte. Natürlich wurde da von nichts anderem geredet als nur allein von Dir, und zwar viel pro und wenig contra.
   02] Die Römer haben die etlichen verkleideten Templer auf eine ganz eindringliche Weise bearbeitet, so daß die Templer am Ende gar keine Einwendung mehr vorzubringen imstande waren. Zwei wären nahe daran, an Dich zu glauben; aber die andern reiten noch darauf, daß aus Galiläa kein Prophet aufstünde. Aber das gerettete Weib hat ihnen eine ganz gute Einwendung gemacht, indem es sagte: "Da habt ihr wohl sehr recht, da es wahrlich also geschrieben steht, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht; aber Dieser ist ja auch kein Prophet, sondern Er ist der Messias, also der Herr Selbst, der Sich durch die Propheten zum voraus angekündigt hat! Da steht aber nirgends geschrieben, daß der Messias Selbst nicht aus Galiläa aufstehen werde! Dazu habe ich es eben zuvor von diesen Männern als wahr vernommen, daß eben dieser Herr und Meister, den ihr verfolgt, und an den ihr nicht glauben möget, nicht irgend in Galiläa, sondern zu Bethlehem in Judäa geboren und am achten Tage nach Seiner höchst denkwürdigen Geburt im Tempel beschnitten wurde und den Namen Jesus aus Bethlehem erhielt. Wenn die Sachen um diesen Gottmenschen aber also stehen, wie sagt ihr dann, daß aus Galiläa kein Prophet ersteht?"
   03] Herr, als dieses wahrlich höchst anmutige Weib die Templer bearbeitet hatte, da zollten ihr alle Römer, die etlichen siebzig Männer und auch alle die anwesenden Zöllner den vollsten Beifall und forderten die Templer auf, die gute Rede des Weibes zu widerlegen; aber es konnte ihr da keiner irgend etwas entgegnen, und so triumphierte das Weib ganz ordentlich vor dem Volke gegenüber den hochweisen Pharisäern und Schriftgelehrten, - was meinem Herzen ein wahrer Balsam war. Ich habe darum dem Weibe und ihrem Manne auch sogleich versprochen, daß sie deshalb lebenslänglich bei mir versorgt sein sollen mit allem, was ihnen not tut, - worüber die Templer sehr ihre Nasen rümpften, sich aber doch nichts Weiteres zu sagen getrauten.
   04] Darauf kehrte sich der Römer Agrikola zu den am meisten ungläubigen Templern und sagte: "Es ist, meine Freunde, wahrlich ganz sonderbar komisch mit euch! Ihr seid als Priester und Lehrer des Volkes doch offenbar sehr bewandert in euren Schriften und Lehren, in denen mit Händen zu greifen von eben diesem Manne geschrieben steht. Alle in den Propheten erwähnten Umstände, unter denen euer Messias zu euch kommen soll, treffen mit diesem Manne auf ein Haar zusammen und stimmen mit allem überein. Wie möget ihr dann noch sagen, er sei das nicht, als was er sich selbst durch Wort und Tat vor aller Welt offen, ohne den geringsten Hinterhalt, ankündigt?!
   05] Ihr seid doch auch Menschen und habt des Vermögens in gerechter Menge, durch das sich einer oder der andere von euch in Gold und Seide kleiden könnte. Und so er, in kaiserliche Pracht gekleidet, sich dem Volke vorstellen und sagen würde: "Höre Volk, ich bin der verheißene Messias der Juden!", - gelt, dazu hätte auch der Verschmitzteste und Verwegenste von euch allen den Mut nicht, weil er schon zum voraus wissen würde, wie solch eine Erklärung vom Volke und von seinen früheren Kollegen aufgenommen werden würde. Wer gibt denn dann diesem schlichten und ganz einfachen Menschen den Mut, vor euch wie vor aller Welt laut zu verkünden, daß eben nur Er der verheißene Messias der Juden und eigentlich aller Menschen dieser Erde sei?! Und was Er von Sich aussagt, das bestätigt Er mit Wort und Tat. Wenn aber vor aller Menschen Augen und Ohren also, - warum glaubet ihr das nicht? Warum können denn wir Heiden das ungezweifelt glauben - und warum ihr nicht? Weil ihr voll Hochmutes und voll der allerschmutzigsten Eigenliebe seid!
   06] Wir Römer aber sind das noch nie gewesen; denn bei uns gilt noch immer der alte Rechtsgrundsatz: Gib jedem das Seinige, beleidige und betrüge niemanden, und lebe ehrbar! Prüfet alles, und behaltet das Wahre und Gute, und was du tust, das tue klug und sei der Folgen eingedenk! - Diesen unseren Grundsätzen lebt ein jeder biedere Römer getreu und ist für alles Große und Wunderbare mit ganzer Seele eingenommen. Ihr aber saget, daß ihr schon gleich soviel wie Götter selbst seid; und taucht unter euch irgend etwas wahrhaft Göttliches auf, so hasset ihr es mehr als den Tod und wollet von selbem nichts wissen und hören. Ja, welcher Art Menschen seid ihr denn da?"
   07] Darauf sagte ein Verkleideter: "Ja, ja, euch Römern als nun unseren Herren und Gebietern ist ein solch schwacher, es mehr mit euch als mit uns haltender Messias freilich wohl recht, und ihr werdet begreiflicherweise allzeit für solch einen eingenommen sein; aber so da der wahre und mächtige Messias kommen wird, der wird euch hinaustreiben aus dem Lande und wird dann Selbst herrschen in unserem Lande und dann bald auch über die ganze Welt!"
   08] Da mäßigte sich der Römer und sagte in einem ganz gelassenen Tone: "Daß ihr euch den Messias also vorstellt, das hat uns heute eben unterm Mahle jener von euch nicht geglaubte und angenommene Messias haarklein gezeigt. Aber ich sage es euch: auf solch einen Messias werdet ihr sehr vergeblich warten! So ihr aber saget, daß uns Römern dieser Messias recht sei, weil Er schwach sei und keine Macht habe, dann seid ihr böswillige Lügner und verleugnet, was ihr von diesem Manne nur zu gut wisset! Ich sage es euch: Dieser Eine hat endlos mehr Macht und Kraft in Seinem Willen als alle noch so mächtigen Reiche in der ganzen Welt! Das wissen und kennen wir, da wir es von den glaubwürdigsten Augen- und Ohrenzeugen bis nach Rom vernommen haben. Und ihr seid hier und sagt uns Römern unverschämt ins Gesicht, daß wir Ihm Seiner Schwäche wegen zugetan seien?! Nun, wartet, so Er wiederkehrt, da werden wir Ihn bitten, daß Er euch ein Pröbchen von Seiner Allmacht zu schmecken geben wolle, und wir werden dann sehen, oh ihr noch sagen werdet, daß Er schwach sei!"
   09] Darauf schwiegen die Verkleideten, und die Römer berieten sich untereinander, was sie da tun sollten; denn sie schienen die Sache der Verkleideten eben nicht gar zu gleichgültig aufgenommen und begriffen zu haben.
   10] Da ich wohl sah, daß einige hitzigere Römer die Sache und die Unverschämtheit von - sage - nur zwei verkleideten Pharisäern sehr ungünstig aufnahmen, so sagte ich zu ihnen: "Liebe Männer aus Rom, der großen Kaiserstadt! Achtet doch nicht auf das sinnlose Gerede dieser zwei Blinden! Denn hätten sie einen Funken lichteren Verstandes, so würden sie sicher keine solchen Worte von sich gegeben haben. Wir gar vielen sind ja auch Juden, und unser Herr und Meister ist es auch, und wir achten euch hoch und sind der weisen Regierung Roms vielen Dank schuldig; denn sie ist unser Schutz und Schirm vor den oft zu unmäßigen Bedrückungen von seiten des Tempels und von seiten des Landpächters Herodes. Wir wissen, was wir an den Römern haben; diese aber als vermeintliche Selbstherren wissen das nicht oder wollen es nicht wissen, und so denn achtet nicht auf ihr leeres Gerede! Ich aber werde den Herrn Selbst auf den Knien bitten, daß Er diesen Blinden ein Pröbchen von Seiner Macht geben wolle, auf daß euch diese Toren nicht vorhalten können, als hieltet ihr nur auf Seine Schwäche!"
   11] Mit dieser Rede beschwichtigte ich die Römer und ging darauf erst zu Dir herüber und bitte Dich denn nun auch darum, daß Du diesen etlichen blinden Pharisäern zeigen mögest, daß Du kein schwacher, sondern ein allmächtig starker Messias bist!«


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