Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 206

Über Sünde und Opfer.

   01] Es war kaum noch eine Zeit von drei Stunden bis zum Sonnenuntergange hin übrig, als wir uns von den Tischen erhoben und ins Freie hinausgingen. Wir gingen auf dem Berge etwa eine Viertelstunde lang umher und lagerten uns dann unter einer Gruppe von Ölbäumen. Da kamen schon eine Menge Menschen auf den Berg und fragten die Diener der Herberge, ob Ich Mich nicht allda aufhalte. Die Diener bejahten das und zeigten dahin, wo Ich Mich befand. Da die Angekommenen aber viele Menschen um Mich sahen, so getrauten sie sich nicht zu Mir hin.
   02] Ich aber sagte zu Lazarus: »Lasse jene Menschen hierher kommen; denn es sind das schon diejenigen, die Ich ehedem im Hause erwähnt habe, daß sie kommen würden. Sie suchten Mich, und so sollen sie Mich auch gefunden haben.«
   03] Da ging Lazarus und sagte ihnen das, und sie gingen schüchternen Schrittes zu Mir hin.
   04] Als sie bei Mir ankamen, da erhob Ich Mich vom Boden und fragte sie, warum sie zu Mir gekommen seien.
   05] Und ein Zöllner faßte Mut und sagte: »Herr und Meister, wir sind große Sünder, die wir vermöge unseres Amtes schon mehrere Jahre lang nicht des Tempels Feste, Opferungen und Predigten besuchen konnten; aber heute waren wir Deinetwegen im Tempel und vernahmen Deine Worte. Durch diese Worte wurden wir sehr erleuchtet und haben für uns die Überzeugung gewonnen, daß Du unfehlbar der verheißene Messias bist, obgleich Dich die Pharisäer nicht als einen solchen anerkennen wollen oder mögen.
   06] Wir entnahmen aber auch aus Deinen wahrhaftigen Worten, daß Du Selbst eben kein zu großes Wohlgefallen am Tempel hast, und so wollen wir Dich, Du Wahrhaftigster, fragen, ob und wie wir von Gott die Vergebung unserer großen Sünden erlangen können. Was sagst Du, Herr und Meister, zu unseren Sünden? Dürfen wir noch hoffen, daß uns Gott barmherzig sein wird? Du hast im Tempel wohl gesagt, daß da alle, die mühselig und belastet sind, zu Dir kommen sollen und Du sie dann erquicken werdest, und so sind wir denn nun auch zu Dir gekommen, um von Dir sicher die wahre Erquickung zu bekommen.«
   07] Sagte Ich: »Höret, was Ich heute im Tempel sagte, das gilt auch für euch hier auf diesem Berge! Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht, und die Wahrheit ist nicht in ihm; wo aber die Wahrheit nicht im Menschen ist, da ist auch keine Freiheit.
   08] Daß ihr vermöge eures Amtes den Tempel und dessen Werke nicht besuchtet, das wäre gerade eure größte Sünde nicht; aber ihr bedrücktet gar oft zu sehr die Armen, die euer Zollhaus passieren mußten, und habt auch oft denen, die für euch arbeiteten, den Lidlohn (Gesindelohn) vorenthalten. Seht, das ist wahrhaft Sünde, und wer sie tut, kommt nicht in den Himmel, sondern in das Gericht und in den Tod!
   09] Denn wer keine Liebe zu seinem Nächsten hat, der hat um so weniger eine Liebe zu Gott, den er doch über alles lieben soll. Denn wer schon seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Die Liebe zu Gott und daraus die Liebe zum Nächsten aber ist ja das Leben der Seele; wer diese nicht hat, der hat auch kein Leben, sondern nur das Gericht und den Tod in sich.
   10] Ich aber sage nun euch, daß von Mir aus euch eure Sünden vergeben sind, weil ihr solche erkannt, bereut und verabscheut habt; aber es ist zur vollen Vergebung eurer Sünden auch noch das höchst nötig, daß ihr, wo möglich, denen, die von euch irgend verkürzt worden sind, das ersetzet, und daß ihr in Zukunft nicht mehr sündiget. Wer nicht bis auf den letzten Heller alles bezahlt hat, was er seinen Brüdern und Schwestern schuldete, der wird ins Reich Gottes nicht eher eingehen, als bis er gutgemacht hat, was er an seinem Bruder gesündigt hat. Tuet also, so werdet ihr das ewige Leben ernten, und eure Sünden sind euch völlig vergeben!
   11] Niemand aber kann Gott und dem Mammon dieser Welt zugleich dienen; denn wer den Mammon sucht und liebt, der kann Gott nicht lieben. Wer aber Gott nicht liebt, der hat kein wahres Leben aus Gott in sich, sondern nur ein Scheinleben aus dem Fürsten dieser Welt, der in sich selbst tot ist und niemandem je etwas anderes als nur den Tod geben kann, der da seine Wesenheit ist für immerdar. Ihr wisset nun, was ihr zu tun habt; tuet also das, und ihr werdet leben in Ewigkeit!«
   12] Sagte der Zöllner: »O Herr und Meister, wir danken Dir allerinbrünstigst für diesen großen Trost! Wir werden uns alle Mühe geben, um alles auf das pünktlichste zu erfüllen, bitten Dich aber noch um einen Rat, den Du uns noch allergnädigst erteilen wollest. Siehe, wir haben uns als Juden sehr am Tempel versündigt! Sind wir nun nach Deinem Sinne dem Tempel nicht schuldig, auch alles zu ersetzen, was wir ihm durch unsere Abtrünnigkeit entzogen haben?«
   13] Sagte Ich: »Ihr könnet auch das tun, - aber Gott achtet dessen nicht; denn bei Gott gilt nichts als allein ein reines, sanftes, demütiges und liebevolles Herz. Was ihr aber dafür tun könnet, das bestehe darin, daß ihr das den Armen gebet nach rechtem Maße und Ziele, und zumeist den armen Witwen und Waisen; denn das ist Gott wohlgefällig. Aber den Tempel noch mehr bereichern, als er schon bereichert ist, das hat vor Gott nicht den allergeringsten Wert.
   14] Wißt ihr, wie es im Propheten steht von der Verehrung Gottes im Tempel? Seht, also aber steht es im Propheten: "Dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir!" Ich sage es euch: Alle großen Opfer, samt den Brandopfern, sind ein Greuel vor Gott; denn alles dessen benötigt Er nicht. Denn was sollet ihr von diesen irdischen Dingen Gott geben, die doch ihr zuvor von Ihm empfangen habt?! Gott bedarf nicht des Brandgeruches von geschlachteten Tieren; aber des Liebebrandes eurer Herzen bedarf Er als euer Vater von euch. Seinen Kindern. - Habt ihr solches nun wohl verstanden?«
   15] Sagte ein hintenstehender, freilich verkleideter Pharisäer, um Mich zu versuchen: »Meister, so denn die Opfer vor Gott gar keinen Wert haben, weshalb hat sie denn Moses und Aaron auf Jehovas Geheiß eingesetzt?«
   16] Sagte Ich: »Um euch ein Bild zu geben von dem Opfer Dessen, der Sich nun in dieser Zeit freiwillig für alle Menschen aufopfert aus purster Liebe. Dann ward aber das Brandopfer und das Schlachtopfer auch zu einem Zeugnisse wider euch eingesetzt, auf daß ihr euch allzeit dabei erinnern sollet, daß ihr allzeit Sünder und von dem wahren Gott Abtrünnige waret und daher eines Sühnopfers bedurftet, das euch als ein treffendes Bild allzeit sagte, daß ihr euch durch eure vielen Sünden von Gott abgewendet habt und eines Mittlers benötiget, der euch mit Gott wieder verbinde und vereine.
   17] Und so hat das eingesetzte Opfer keinen andern Wert als nur den der Belehrung. Es ist auch darum, von euch dargebracht, von gar keinem tatsächlichen Werte, der auch vor Gott etwas gölte, sondern hat für euch allein den Wert eines euch belehrenden festen Gotteswortes, gegeben in einem wohlentsprechungsvollen Zeichen, das für den Weisen sicher wohlverständlich ist. Wer es versteht, der hat dann auch schon alles, was das Zeichen lehrt. Soll das Zeichen für den Menschen aber auch bei Gott einen Wert haben, so muß er aus seinem Herzen also handeln, daß sein Handeln dem geistigen Sinne des Zeichens entspricht.
   18] Der eigentliche geistige Sinn des Opfers, das ihr nun noch, aber ganz blind und sinnlos, verrichtet, und das darum auch für gar niemanden mehr irgendeinen Wert hat, aber besteht darin, daß ihr Gott über alles und euren Nächsten wie euch selbst lieben sollet, und daß ihr nicht treiben sollet allerlei Unzucht, Hurerei und Ehebruch. - Verstehst du das?«
   19] Da machte der Pharisäer große Augen und sagte zu seinem Nebenmann: »Was meinst du, wie spricht und lehrt dieser Mensch?«
   20] Sagte der Gefragte: »Der Mensch hat einen klaren Verstand, was nicht in Abrede zu stellen ist; aber nun werde ich ihm eine Frage stellen, und wir werden sehen, wie er diese beantworten wird.«
   21] Hierauf wandte er sich zu Mir und sprach: »Meister, du hast recht geantwortet; aber da man schon den Nächsten wie sich selbst lieben soll, so fragt es sich denn, wer so ganz eigentlich mein Nächster ist.«
   22] Sagte Ich: »Zuerst ein jeder Mensch, der irgend möglich deiner Hilfe bedarf, und zum zweiten dann auch jeder Fremde, ob er auch ein Heide wäre vom Ende der Welt her. Ich will euch aber ein Gleichnis geben, nach dem ihr dann urteilen möget, wer ein ganz rechter Nächster zu euch ist.«
   23] Hierauf erzählte Ich ihnen allen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und fragte dann den Fragesteller: »Wer war da des Halberschlagenen Nächster?«
   24] Sagte er: »Der ihm die Wohltat erwies!«
   25] Sagte Ich: »Gut, so gehe hin und tue desgleichen, so wirst du Gott ein höchst angenehmes und wahres Opfer darbringen, das besser sein wird als eure Brand- und Schlachtopfer!«
   26] Hierauf erwiderte keiner der verkleideten Pharisäer mehr etwas; alle andern aber lobten Gott, daß Er dem Menschen solch eine Weisheit gegeben hatte.


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