Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 239. Kapitel: Eine Kritik der mosaischen Speisevorschriften.

   01] (Der Wirt:) »Warum essen denn die Juden kein Schweinefleisch, das doch offenbar besser ist als das Hammelfleisch? Warum hat ihnen solches Moses untersagt? Wir Römer verstehen es, uns das Fleisch der Schweine wohl zuzubereiten, essen es, und wir werden älter als die Juden.
   02] Ich meine, mit diesem Verbot hat sich der gute Moses mit diesem Volke einen Witz gemacht. Er, ein in alle ägyptischen Geheimnisse eingeweihter Mann, hat es wohl eingesehen, daß seine Stammesgenossen in Ägypten lauter Schweine geworden sind, und wir Römer machen uns darüber lustig und sagen: Moses hat eingesehen, daß dieses Volk bis in die größte Tiefe der Tiefen der Unflätigkeit herabgesunken ist, und damit es nicht noch unflätiger würde, solle es das Schweinefleisch nicht essen, weil es ohnehin schon unflätiger war als das unflätigste Schwein selbst. Und ich meine, daß da Moses ganz recht hatte; denn dieses Volk in Ägypten hatte keinen andern Sinn als den, in einem fort zu fressen. Es war am Ende schon gar kein Tier mehr vor seiner Freßgier sicher.
   03] Moses aber hatte doch als selbst Jude Erbarmen mit diesem Volk und hatte alles angeordnet, um dieses Volk zur früheren Gesundheit und Nüchternheit zurückzuführen; denn er, als ein in allen ägyptischen Wissenschaften und Geheimnissen eingeweihter Mann, verstand sich wohl darauf, was er zu tun hatte, um sein in jeder Hinsicht ganz herabgekommenes Volk in jeder Beziehung zu retten, machte demnach auch eine Vorschrift, was es essen und nicht essen dürfe.
   04] In Ägypten war, wie schon früher bemerkt, kein Tier vor ihrer Freßgier sicher, alle Vogelgattungen der Luft, alle Tiergattungen auf der Erde und alle Tiergattungen des Meeres waren nicht sicher, während die alten Israeliten und auch die alten Ägypter nichts zu sich nahmen als nur das Fleisch der Kühe, Kälber, Ochsen und Stiere, der Hühner, der Lämmer und Ziegen, einige Gattungen der besten Fische, Brot und Wein, und sie blieben vollkommen gesund dabei. Würden die alten Ägypter und auch die alten Hebräer so wie wir Römer es gewußt haben, wie man das Schweinefleisch herzurichten hat, damit es der leiblichen Gesundheit nicht schadet - und so auch das Fleisch verschiedener anderer Vögel und auch Tiere, wie da sind Hirsche, Rehe, Gazellen und Hasen -, so würden sie auch gesund dabei geblieben sein, so wie wir.
   05] Allein Moses war der Erziehung nach ein Ägypter und hatte denn auch bei seinem Volke, nachdem er es aus den Krallen des Pharao gerettet hatte, den Speisezettel eingeführt, der beim Hofe des Pharao, an dem er gelebt hatte und erzogen wurde, gang und gäbe war. Er hatte zwar diesem Speisezettel - unter uns gesagt, mein lieber, wundersamer Freund - einen divinativen (göttlichen) Anstrich gegeben, weil er selbst mit der Gottheit in einer innigsten Verbindung gestanden habe, und sagte sogar, daß ein Mensch sich verunreinige auch in seiner Seele, der eine andere Speise zu sich nähme, als die er vorgeschrieben habe. Das hat er wohl derwegen getan, um sein Volk desto beharrlicher in der Nüchternheit zu erhalten; er hatte aber dennoch danach in der arabischen Wüste über vierzig Jahre zu tun, bis er es dahin durchgeschult hatte, daß es nur bei diesen ihm vorgeschriebenen Speisen stehenblieb.
   06] Aber er hatte damit wahrlich nicht viel gewonnen, wie wir Römer es beurteilen; denn er hatte es zu sehr und zu strenge an die Haltung der äußeren Normen gewöhnt und in den Glauben versenkt, daß man vor einer höchst reinen, lieben und allmächtigen Gottheit schon völlig genug getan habe, wenn man nur die äußeren Gesetze beachtet, - und ich muß Dir offenbar sagen, mein lieber, wundersamer Freund, daß er seinem Volke dadurch keine ganze, sondern nur eine halbe Wohltat erwiesen hat.
   07] Das Beste waren die Gesetze, die er gegeben hat, durch die er das Volk wieder mit seinem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekannt gemacht hat.
   08] Was aber den sogenannten Speisezettel sowie die uralte, wieder aufgefrischte Beschneidung betrifft, so hat er nach meiner Ansicht damit eben nicht das Beste gewirkt; allein er hatte im ganzen einen guten Willen und hat sich bei diesem Volke als sein Befreier sicher ein ewiges Denkmal gegründet. Hätte er aber sein Volk mit der Weisheit der alten Ägypter mehr bekannt gemacht, als er es getan hat, so hätte er dadurch einen besseren Zweck bei seinem Volke erreicht als mit dem Verbot, das wohlzubereitete Schweinefleisch zu genießen.
   09] Und das scheint, wie es mir vorkommt, auch die Ursache gewesen zu sein, daß dieses israelitische Volk, wie in dieser gegenwärtigen Zeit, gar so tief herabgesunken ist. Was würdest denn Du, wundersamer Meister, hinsichtlich dessen, was ein Mensch genießen oder nicht genießen darf, den Menschen für einen Rat erteilen?


Home  |    Index Band 10  |   Werke Lorbers