Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 238. Kapitel: Jesus über die Geistespest der Trägheit.

   01] Sagte Ich: »Mein lieber Freund, du hast hier eine ganz gute und richtige Frage gestellt; aber eines hast du dabei vergessen, und das besteht darin, daß Gott auf dieser Erde weder die Erde selbst, noch alles, was sie enthält, für eine ewige Dauer erschaffen hat und auch nicht hat erschaffen wollen und können!
   02] Auf dieser Erde ist alles veränderlich und vergänglich, und sie ist nur der Übergangspunkt aus dem Urgerichte und Tode zum wahren, ewigen beständigen Leben.
   03] Die Gottheit könnte freilich mit ihrer Allmacht dahin wirken, daß der Mensch gleich den Pflanzen und den Tieren in einer gewissen Ordnung bestehen müßte, - allein dann wäre der Mensch nicht mehr Mensch; denn er hätte von selbst weder eine Vernunft noch einen Verstand, noch einen freien Willen. Da aber die Gottheit dieses nicht wollte aus den höchst weisesten Gründen, so gab sie dem Menschen Vernunft, Verstand und freien Willen, dadurch auch die Fähigkeit der Gottähnlichkeit darin, sich geistig selbst zu bilden und zu vollenden.
   04] Daß die Menschheit in der Erziehung vernachlässigt worden ist, für die aber die Gottheit schon uranfänglich allerbestens gesorgt hat, daran schuldet die Trägheit der Menschen. Wenn es noch jetzt unter den Menschen gleich dir und deinen Nachbarn biedere und rechtliche Menschen gibt, warum sind denn nicht alle so wie ihr? Weil sie träge sind! Darum hat die Gottheit auch solche großen Städte vertilgen lassen, weil in ihnen die Trägheit und durch sie die Entsittlichung aller Art überhandzunehmen angefangen hatte.
   05] Wären die Städte und ihre Bewohner wie ihr geblieben, so hätte die Gottheit keine Feinde wider sie gesandt, sondern sie erhalten. Daß sie aber vertilgt worden sind, hatte den Grund, damit durch ihre Trägheitspest am Ende nicht alles Volk der Erde verpestet und verdorben würde.
   06] An weisen Lehrern unter diesen Völkern hat es aber die Gottheit zu keiner Zeit ermangeln lassen, und durch sie sind auch noch viele in diesen Städten lebende bessere Menschen gerettet worden; aber die zu trägen mußten am Ende samt ihren Wohnungen hinweggeräumt werden.
   07] Eine weise Regierung, die auf eine gute Ordnung durch ihre Gesetze etwas hält, wird den mutwilligen Übertreter des Gesetzes sicher auch zur Rechenschaft und Züchtigung ziehen, - soll denn die Gottheit, wenn sie auch noch so gut und langmütig ist, irgendein zu sehr entartetes Volk nicht auch züchtigen und es mit der gerechten Rute aufwecken aus der zu großen Trägheit und es hinlenken zur Tätigkeit?
   08] Du wirst dieses wohl einsehen, daß es notwendig ist. Beherzige vor allem des Menschen vollkommen freien Willen, gegen den die Gottheit nicht hemmend auftreten kann, so wirst du alles in deiner ziemlich gedehnten Frage Verstehen und einsehen! Denn siehe, auf einer Erde, auf welcher ein Mensch nicht in alle größten Laster versinken kann durch seinen freien Willen, durch seine Vernunft und durch seinen Verstand, kann sich der Mensch auch nicht bis zur höchsten und gottähnlichen Tugend erheben!
   09] Wenn du dieses in dir ein wenig überdenkst, so wirst du über alle deine Fragepunkte heller werden -, denn siehe: Tiere, Bäume und Pflanzen zu erschaffen und zu erziehen, ist für die Gottheit ein leichtes, aber nicht ein so leichtes ist die Erziehung der Menschen; die kann sie nur belehren, aber ihnen keinen inneren Zwang antun! Verstehest du dieses?«
   10] Sagte der Wirt: »In der Hauptsache bin ich jetzt schon im reinen; aber es gibt freilich noch eine ziemliche Menge kleiner Nebendinge, über die man nicht sogleich ins klare kommen kann.«
   11] Sagte darauf Ich ganz kurz: »Mein Freund, wer einmal in der Hauptsache ins klare kommen kann, der wird es auch in den Nebendingen werden! Morgen werden wir aber davon noch weiter sprechen. Mein lieber Freund, denn es ist jetzt nicht die Zeit, davon weiter zu reden, weil die Pharisäer ihre Ohren wieder an die Wand legen und sie in Mir und in dir ein paar Weise vermuten. So werden wir noch morgen unsere Not mit ihnen haben; darum sollst du nun über etwas ganz Gleichgültiges deinen Mund auftun, und wir wollen darüber eine Zwiesprache führen!«
   12] Sagte der Wirt: »Mein lieber, wundersamer Freund, es ist wahrlich recht schwer, gerade dann, wenn man es möchte, etwas so recht Gleichgültiges zum Vorschein zu bringen. Wir Römer sind überhaupt mehr nachdenkender, ernster und forschender Natur, und es kostet uns wahrlich mehr Mühe, etwas ganz Gleichgültiges ans Tageslicht zu fördern als etwas Ernstes, mit der wahren Würde eines Römers zu Vereinbarendes. Weil Du es aber einmal so haben willst, so will ich versuchen, ob ich nicht etwas aus mir hervorbringe, daran wahrlich nicht viel gelegen ist, ob so oder so.«


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