Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 237. Kapitel: Frage des Wirtes nach dem Grund der Zerstörung Babylons und Ninives.

   01] Hier dachte der Wirt eine Zeitlang nach und sagte endlich: »Mein lieber, wundersamer Freund, der Du erfüllt bist mit aller Kraft und Macht aus der allein wahren Gottheit! Weil Du durch Deinen Willen alles schaffen kannst, was Du willst, gib mir doch einen kleinen Aufschluß, warum es der Gott der Juden, den ihr für den einen und allein wahren haltet, zugelassen hat, daß Städte wie Babylon und Ninive derart zerstört wurden, daß man jetzt nicht einmal mehr bestimmen kann, wo sie gestanden sind!
   02] Warum hat denn da die Gottheit zugelassen, daß solche Werke des menschlichen Fleißes vernichtet wurden? Es ist wohl wahr, daß auch diese Menschen als Bewohner dieser Städte nicht viel weniger werden gesündigt haben alls die Sodomiter, - aber was ist denn eigentlich die Sünde?
   03] Sie ist nichts anderes als eine Handlungsweise gegen irgend bestehende Gesetze, von denen ein jeder Mensch in einem Lande entweder gar keine oder nur eine schwache Kenntnis besitzt, und es ist auch ganz in der Ordnung, daß ein Volk der notwendigen bürgerlichen Ordnung wegen Gesetze haben muß.
   04] Zu den Gesetzen gehört aber auch die entsprechende Erziehung, - aber in welchen Händen steht oft die Erziehung! Wer ist der erste Erzieher der Kinder? Es sind das die Eltern, die zum größten Teil, mit Ausnahme der Sprache und einigen Erfahrungen, ebenso dumm sind wie ihre neugeborenen Kinder; die Kinder aber wachsen auf ohne alle Kenntnis, Wissenschaft und Erfahrung.
   05] Im Staate bestehen zwar Gesetze, von denen aber so aufgewachsene Kinder nichts wissen, und das ist der Fall in den Städten wie auf dem Lande, und in den Städten oft noch mehr als auf dem Lande.
   06] Nun aber sind dergleichen Menschen mit sehr vielen Leidenschaften, wenig Vernunft und wenig Verstand behaftet; jene Leidenschaften üben daher die größte Kraft über sie aus, und derlei Menschen dienen dann ihren Leidenschaften und sündigen wider die bestehenden Gesetze, von denen sie keine Kenntnis haben.
   07] Je länger solch ein Volk besteht, desto dümmer wird es, und desto mehr wird gesündigt, und die Machthaber eines solchen Volkes, so wie die Priester, leben dann stets zufriedener, je dümmer das Volk wird, und niemand kümmert sich um die Erziehung der Menschheit, auch die allmächtige Gottheit nicht; wenn aber solche Menschheit sich einmal so recht zu Tode gesündigt hat, so läßt dann die Gottheit Gerichte von unten und von oben kommen.
   08] Wäre es denn nicht noch weiser, wenn die Gottheit schon beim Entstehen eines solchen Volkes die gleiche mächtige Sorge für eine zweckmäßige Erziehung des Menschen tragen würde, derzufolge die Menschen wüßten, woran sie sind, und woran sie dann auch zu bleiben hätten?
   09] So aber sieht man nichts als das ewige Strafen auf der Erde, und die vom Gottesgeiste begabten Lehrer kommen erst dann, wenn die Menschen schon so arg geworden, daß sie nicht mehr zu bessern sind.
   10] Daß derlei Menschen dann ausarten, auf dem Lande wie in den Städten, ist selbstverständlich und bedarf keiner weiteren Erläuterung, und der von Gott begeisterte Prophet und Lehrer kann mit einem so verdummten Volke keine Wunder mehr wirken. Höchst wenige bessere Menschen werden ihn anhören und seine Lehre annehmen; der allergrößte Teil der Menschen aber wird ihn ergreifen und töten.
   11] Siehe, Du mein lieber, wundersamer Freund, da kann ich denken, wie ich will, und ich finde eine solche Vernachlässigung in der Erziehung der Menschen, die von einer höchst weisen und mächtigen Gottheit zugelassen wird, nicht völlig in der Ordnung! Ihre Gesetze mögen immerhin höchst weise sein; was nützt aber das, so die Menschheit im allgemeinen nie zu ihrer intensiven Kenntnis gelangt?
   12] Warum ist denn im römischen Staat mehr Ordnung als überall? Weil die römische Regierung dafür sorgt, daß ihre sehr weisen Gesetze jedem Römer bekanntgemacht werden, und das so lange, bis er eine Prüfung ablegen muß, in der er bezeugt, daß er die nötige Kenntnis der Staatsgesetze hat. Denn man bekommt erst dann das römische Bürgerrecht, so man sich bei den Prüfungen ausweist - in den Städten sowohl als auf dem Lande -, daß man die nötigen Gesetzeskenntnisse innehat.
   13] Das sollte nach meiner Ansicht auch bei allen andern Völkern eingeführt sein; aber so läßt man sowohl von der göttlichen als auch staatlichen Seite zu, daß die Völker oft unter das Tierreich verwildern, darauf nicht anders als nach ihren Leidenschaften handeln können und statt besser immer schlechter und noch finsterer werden und dann Sünden und Verbrechen ohne Zahl und Maß begehen. Und wenn sie in solcher Lebensweise den höchsten Kulminationspunkt erreicht haben, so kommen dann die Strafen von oben und von unten, und es werden dann Städte und Völker aus dem Dasein vertilgt. Mit dieser Erziehungsweise der Menschen bin ich durchaus nicht einverstanden!
   14] Daher fragte ich, warum es die Gottheit zugelassen hat, daß Städte, wie Babylon und Ninive, so ganz aus dem Dasein verschwunden sind. Die Menschen müssen zwar ohnedies sterben, ohne zu wissen, was ihnen der Tod beschert hat; aber die Wohnorte und der durch die Menschen kultivierte Erdboden haben doch nichts verschuldet, daß sie samt der sündigen Menschheit aus dem Dasein haben verschwinden müssen!
   15] Wenn nun wieder ein Volk auf die Welt kommt, so muß es von vorne wieder anfangen, sich Wohnungen zu erbauen und den Landboden zu kultivieren, und bei dieser Arbeit hat solch ein Volk auch wieder keine Ruhe, sondern es wird in einem fort mit allerlei Feinden von oben und von unten bedroht, auf daß es sich ja in der wahren, reinen Sittlichkeit und Tugend nie völlig entfalten kann.
   16] Wir Römer hier in diesem Flecken, zumeist aus lauter alten Kriegern bestehend, haben uns soweit, als es dem Menschen überhaupt möglich ist, entfaltet und haben auch unseren Kindern eine solche Erziehung gegeben, daß sie in unserer Weise lange fortleben können, vielleicht Jahrhunderte hindurch, so uns wer dafür gutsteht, daß dies unser kleines Landfleckchen nicht von was immer für Feinden bedroht und zerstört wird, - was die allmächtige Gottheit wohl verhindern könnte, so sie es wollte, aber sicher nicht verhindern wird!
   17] Und so wirst Du, lieber, wundersamer Freund, mit Deiner viel tieferen Weisheit, als die meinige ist, wohl einsehen, daß es auf dieser mageren Erde wohl recht verzweifelt schwer ist, ein rechter Mensch zu sein. Es wäre dies zwar eben nicht zu schwer, so von der allmächtigen Seite eines wahren Gottes dafür gesorgt würde, daß alle Menschen rechte Menschen wären! Aber so läßt die Gottheit zu, daß die Menschen sich schon lange zuvor bis auf den Grund verderben; dann erst erweckt sie unter solch einem Volke mehrere weise Lehrer und Propheten, und diese sollen das Volk zur alten Sittenreinheit und Tugend zurückführen, wie solches auch aus der Urgeschichte des jüdischen Volkes zu ersehen ist.
   18] Als das israelitische Volk unter der Herrschaft der Pharaonen schon recht entsittlicht war, da erst erweckte die Gottheit einen Moses, der es von allen seinen Sünden und Unarten befreien sollte. Ich aber frage: Warum hat denn die Gottheit nicht früher einen weisen Moses im israelitischen Volke erweckt, als dasselbe noch besser und gefügiger war?
   19] Siehe, Du mein lieber, wundersamer Freund, ich und auch meine Nachbarn haben darüber oft nachgedacht und miteinander gesprochen; aber keiner von uns konnte auf diese Frage eine nagelfeste und wahre Antwort geben. Darum habe ich diese Frage mit allen Bedenken nun Dir vorgetragen und bin der zuversichtlichen Meinung, daß Du mir darauf eine rechte Belehrung wirst geben können.«


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