Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 226. Kapitel: Ein Morgengruß der Kraniche.

   01] Als Ich dieses ausgeredet hatte, da flog ein großer Zug Kraniche in der Luft von Westen her in der Richtung gegen Osten, und zwar in die Sumpfgegenden des Stromes Euphrat.
   02] Als der ganze Zug aber gerade über uns ziemlich hoch in der Luft schwebte, da machte er gewisserart halt und fing in mannigfachen Kreisen an, sich unserem Standpunkte zu nähern.
   03] Da sagte der Oberstadtrichter: »Herr und Meister, das bedeutet, daß wir bald eine andere Witterung bekommen werden! Was sagst Du, o Herr und Meister, zu dieser Annahme?«
   04] Sagte Ich: »Also hat es der Glaube des Volkes aus der Erfahrung wohl herausgebracht; aber ob Kraniche oder keine Kraniche, so versteht es sich schon von selbst, daß in der Zeit des Spätherbstes, auf den unaufhaltsam der Winter folgt, sich die Witterung auch über etwas kürzer oder länger ändern wird. Allein für dieses Jahr soll die Witterung noch etwas längerhin also verbleiben, wie sie jetzt ist.
   05] Die Kraniche, die da über uns kreisen, sind diesmal keine Witterungsveränderungspropheten, sondern ihre Seelen gewahren es auch, in wessen Nähe sie sich befinden, und sie bezeigen nun Dem eine Art Ehre und bringen Ihm gewisserart einen Morgengruß, weil sie in sich gewahr werden, daß Er auch ihr Schöpfer ist.
   06] Sehet, ein Hund, der seinen Herrn wohl kennt und ihm sehr zugetan ist, gewahrt auch die Nähe seines Herrn, läuft ihm zu und bezeigt ihm durch allerlei Sprünge, Mienen und Schmeicheleien, daß er seinen Herrn liebhat, und ihn wohl erkennt; einem Fremden aber läuft er nicht zu, und nähert sich einer seinem Herrn, so wird er vom Hunde ganz grimmig angefallen, und er folgt da niemandes Stimme als nur der seines Herrn. Wer sagt aber das dem Hunde, daß der eine Mensch sein Herr ist, und ein anderer nicht?
   07] Siehe, Mein lieber Freund Oberstadtrichter, das erkennt nicht das Fleisch des Hundes, sondern die schon auf einer etwas höheren Stufe der Intelligenz stehende Seele des Hundes! Wie aber?
   08] Sehet, der Mensch sowohl als auch die Tiere besitzen nach außen hin eine sie umgebende, zum Leben notwendige und mit ihrer Seele sehr verwandte Sphäre. Manche Menschen, die ganz einfach leben, nehmen oft auf Stunden lange hin wahr, daß sich ein ihnen bekannt gewesener, lange abwesender Freund ihnen nähert, und können sogar die Zeit bestimmen, in welcher dieser Freund bei ihnen eintreffen wird.
   09] Die Tiere besitzen oft in einem noch schärferen Grade das Vermögen, irgend etwas ihnen Feindliches oder Freundliches aus einer noch bedeutenden Entfernung zu wittern und wahrzunehmen. Hunde und Katzen haben dieses Vermögen in einem besonders hohen Grade. Daher magst du einen deiner Haushunde einige Tagereisen weit von dir entfernen lassen, allwo er dann freigelassen werden soll, und er wird in kurzer Zeit ohne alle Erd- und Wegkunde zu dir zurückkehren. Wer zeigt ihm denn den Weg, und nach was richtet er sich, daß er wieder zu dir kommt?
   10] Fürs erste zeigt ihm das deine weithin reichende Außenlebenssphäre, die er durch sein starkes Witterungsvermögen gar wohl als die deinige erkennt, obschon sie von zahllos vielen anderen durchkreuzt wird. Und zweitens: Was treibt ihn hernach zu dir? Nichts anderes als seine instinktmäßige Liebe und Treue zu dir. Daß er aber den Weg nicht verfehlt und gar wohl erkennt, ob er sich dir stets mehr und mehr nähert, das erkennt er aus dem stets minder oder mehr Dichterwerden der von dir gewisserart ausstrahlenden Außenlebenssphäre.
   11] Denn es verhält sich mit dieser, freilich in mehr seelischer Beziehung nur, wie mit dem Ausstrahlen eines Lichtes. Wo das Licht selbst sich befindet, da ist die Lichtausstrahlung auch am dichtesten, und je weiter und weiter vom Lichte entfernt, wird auch die Lichtausstrahlung immer dünner und schwächer, und in einer großen Entfernung wird man von einem angezündeten Lichte wohl kaum mehr etwas merken; besonders ein Mensch, der nicht ein sehr scharfes Auge hat, wird von der Ausstrahlung nichts mehr merken, wohl aber der, welcher ein scharfes Auge besitzt.
   12] Und so merken auch Menschen und Tiere in weite Entfernung hin die Ausstrahlungen sowohl ihnen befreundeter Menschen als auch von Tieren um so mehr, ein je schärferes Witterungsvermögen sie besitzen.
   13] Und siehe, Ich bin aber der Herr aller Kreatur in der ganzen Unendlichkeit und somit sicher auch der dieser Erde, - und siehe, so bezeigen Mir diese Kraniche, wie Ich dir schon gesagt habe, einen Morgengruß! Und damit du (es bestätigt) siehst, werden sich die Kraniche ganz in unserer nächsten Nähe befinden, und auf Meinen Wink werden sie sich dann in den Teich begeben, den Ich gestern für dich durch Meinen Raphael geschaffen habe, und werden dort auch ein Morgenmahl nehmen und sich mit einem Wasservorrat versehen, der zu ihrem Weiterfluge notwendig ist.«
   14] Als Ich dieses kaum ausgesprochen hatte, siehe, da ließen sich bei dreihundertvierzig Kraniche zur Erde nieder und bildeten um uns gewisserart ein Spalier und sahen nach Mir hin. Bald darauf winkte Ich diesen Tieren mit der Hand gegen den Teich hin, und sie erhoben sich und befanden sich alsbald im Teiche und zeigten durch ihr Geflüster, daß sie eine große Freude hatten über die für sie im Teiche vorhandene Kost und auch über das reine Wasser, mit dem sie sich ihre inneren Wasserbeutel füllten.
   15] Alle betrachteten dieses Naturspiel mit großem Wohlgefallen und priesen Meine Liebe, Weisheit und Macht.


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