Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 225. Kapitel: Jesus über rechte und übertriebene Sparsamkeit.

   01] Es fragte Mich aber hierauf der Wirt: »Herr und Meister, wie sieht es denn mit der gepriesenen Tugend der Sparsamkeit aus, die auch zu den Hauptlebensgrundsätzen der Römer gehört? Denn es heißt: "Wer in der Jugend spart, der braucht im Alter nicht zu darben!", und dieser Lebensgrundsatz ist auch bei den Juden beinahe häufiger als unter den Römern anzutreffen.«
   02] Sagte Ich darauf: »Bei den Römern aber gibt es auch noch einen anderen Lebensgrundsatz, und der lautet: "In medio beati!" oder: "Golden ist die Mittelstraße!" Ich sage dir, daß eine rechte Sparsamkeit so lange eine Tugend ist, als sie sich nicht zu einem sehr hohen Grade versteigt, und solange nicht einer oder der andere Nebenmensch an der Seite eines zu Sparsamen mehr oder weniger benachteiligt wird; denn wenn bei der Sparsamkeit der letztere Fall eintritt, so hört sie auf, eine Tugend zu sein, geht leicht in den Geiz über und wird somit ein Laster.
   03] Daher ist mir so mancher, freilich nicht übertrieben mit seinen Gütern verschwenderische Mensch lieber als ein zu sparsamer; denn der verschwenderische Mensch läßt auch seinen Nebenmenschen etwas zukommen, und das Schlimme an ihm ist nur die oft zu unkluge Verschwendung seiner Erdengüter; denn dadurch stiftet er nichts Gutes, sondern mehr Schlimmes.
   04] Der sehr sparsame Mensch aber läßt am Ende schon gar niemandem mehr etwas Gutes zukommen, scharrt alles für sich zusammen unter dem Titel, daß man für sein Haus und seine Familie sorgen müsse. Ich aber sage dir: Das Feuer deiner Liebe zu deiner Familie sei gleich einem Lichte, das man in der Nacht anzündet; aber deine Liebe zu den Kindern anderer, armer Eltern sei gleich wie ein großer Feuerbrand, durch den weithin eine große Gegend erleuchtet wird!
   05] Wer das von Mir nun Ausgesprochene bei seiner haushälterischen Sparsamkeit beachtet, der wird von Mir aus in allem Glück und Segen in der Fülle haben, und solch ein Glück und solch ein Segen werden auch fortan bei seinem Hause und bei seiner Familie verbleiben, - wer aber diesen Meinen ausgesprochenen Lebensgrundsatz nicht beachten wird, der wird es erleben, daß seine Kinder und Angehörigen das von ihm mühsam Ersparte nur zu bald und zumeist auf die liederlichste Weise vergeuden werden und darauf bald mit allerlei Not und Elend zu kämpfen bekommen. Daher tue du alles nach Meiner Lehre klug und weise, und bedenke bei allem wohl die Folgen und das Ende deiner Handlung!«
   06] Sagte darauf der Wirt: »O Herr und Meister, ich danke Dir aus dem tiefsten Grunde meines Herzens für diese höchst weise Belehrung, und ich habe über sie um so mehr Freude, weil sie auch schon aus meiner Jugendzeit teilweise zu meinen Lebensgrundsätzen gehörte und für die Folge noch immer mehr und mehr gehören wird.«
   07] Sagte hierauf auch der Oberstadtrichter: »Herr und Meister, das werde auch ich mir tief ins Herz einprägen und werde das auch befolgen, daß meine Liebe zu diesem meinem Weibe und meinen Kindern zu einem wahren Lichte werden soll; aber mit meiner Liebe zu den Kindern anderer, armer Eltern will ich eine ganze Stadt in Flammen setzen, und das Licht des Brandes soll alles weit und breit hin erhellen! - Ist es also recht, Herr und Meister?«
   08] Sagte Ich: »Das wirst du aus deinem Handeln nach Meinem Worte gar wohl erkennen; darum handle und lebe!«


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