Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 196. Kapitel: Jesu Bild von der geistigen Entwicklung des Menschen.

   01] Sagte der Oberstadtrichter: »Herr und Meister, mir kommt es vor, als hätte sich in mir alles auszudehnen angefangen, und ich erschaue die große Wahrheit solcher Deiner Belehrungen wie die Gegenstände dieser Erde wie in einem Morgendämmerlichte; aber da liegt noch viel Nebel in den tieferen Regionen, und ich werde denn wohl warten müssen, bis des Geistes Sonne in mir aufgehen wird. Daß in Dir eine unendliche Größe selbst in dem Kleinsten Deiner Kreaturen vorhanden sein muß, das beweist mehr als hinreichend Deine Belehrung; denn keines Menschen Phantasie und Einbildungskraft könnte sich je so hoch und so tief schwingen, um uns Menschen solche Bilder vorzustellen, die nur aus der endlosen Weisheit und Machtfülle des einen und allein wahren Schöpfers aller Dinge ihren Ursprung nehmen können.«
   02] Hierauf sagten alle Anwesenden: »Herr und Meister, wir fühlen uns wie ganz vernichtet vor Deiner Größe, die Du uns durch Deine Worte nur so ein wenig und für Dich wohl mit der größten Leichtigkeit gezeigt hast! Was wird aus uns erst werden, so wir Dich in der Folge stets vollkommener werden kennenlernen?!«
   03] Sagte Ich: »Es wird aus euch das, was aus einem Senfkörnlein wird, das ein ganz kleiner Same ist, so es ins befruchtende und belebende Erdreich gelegt wird. Es wird bald darauf erwachsen zur Größe eines förmlichen Baumes, unter dessen Zweigen sogar die Vögel des Himmels ihre Wohnung nehmen werden. Und dieses Senfkörnlein wird sich dann in seiner Frucht nach und nach auch bis ins Unendliche zu vermehren imstande sein, eine Eigenschaft, die nicht nur dem Senfkörnlein, sondern auch allen andern Samenkörnern innewohnt.
   04] Ihr seid zwar jetzt auch noch ganz einfache Samenkörner. Meine an euch gerichtete Lehre ist das wohlgedüngte Erdreich, in das Ich euch Selbst säe, und so ihr die Lebenskraft aus dieser Lehre begierig in euch aufnehmet, so werdet ihr auch in Meinem Reiche eine endlos reichhaltige Frucht bringen; denn kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr gehört und kein Sinn empfunden, was die in Meinem Reiche zu erwarten haben, die an Mich glauben, Mich lieben und Meine leichten Gebote halten.
   05] Doch nun ist es auch schon um die Mitte des Tages geworden, und unsere Leiber bedürfen auch einer Stärkung. Daher siehe du, Mein lieber Wirt, daß wir des Weines und Brotes und auch der Fische in rechter Menge zum Genusse bekommen; denn nach dem Mittagsmahle werde Ich mit Meinen Jüngern euch wieder verlassen und Mich weiterhin begeben!«
   06] Auf diese Meine Worte war alles, was Ich verlangte, bald da, und wir hielten wohlgemut unser gutes Mittagsmahl.
   07] Nach dem Mittagsmahle, das etwa eine Stunde andauerte, baten Mich der Wirt und der Oberstadtrichter, sowie auch die drei Apollopriester, die zwei Pharisäer und andern etlichen Juden, die hier anwesend waren, daß Ich noch bis zum nächsten Morgen unter ihnen verweilen möchte.
   08] Ich aber fragte Meine Jünger und sagte: »So ihr wollet, da können wir schon bis zum Morgen hier verweilen!«
   09] Sagten die Jünger: »O Herr, Du weißt es ja ohnehin, daß uns alles recht ist, was Dir recht ist, und so bleiben wir nach dem Wunsche dieser Deiner neuen lieben Freunde hier; denn es ist schon ohnehin mehr denn eine Stunde nach dem Mittage, und wir dürften etwa kaum von da weiter gegen Süden einen Ort mehr erreichen.«
   10] Sagte darauf der Oberstadtrichter: »O Herr und Meister, in dieser Hinsicht haben Deine Jünger wahr gesprochen; denn von hier bis zur nächsten Stadt, die von hier stark südöstlich liegt an den Quellen des Arnonbaches, ist mehr denn eine gute Tagereise, und zwischen hier und dort bestehen hie und da nur einzelne, äußerst dürftige Hirtenhütten.«
   11] Sagte Ich: »Was die Entfernung betrifft, so wäre es Mir wohl möglich, samt Meinen Jüngern jene Stadt zu erreichen; aber da ihr in euren Herzen wünschet, Mich noch bis zum Morgen unter euch zu haben, so will Ich denn auch eurem Wunsche und Willen nachkommen, und Ich bleibe denn bis zum Morgen bei euch.
   12] Es ist aber der Nachmittag ganz schön und rein; daher lasset uns diese Tageszeit im Freien zubringen, und zwar abermals auf dem Berge Nebo! Und so wollen wir uns denn auch alsbald dahin begeben!«


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