Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 195. Kapitel: Die Allgegenwart und Allmacht Jesu. Vom Wesen der Seele und vom Vorgang des Sehens.

   01] Hier dankten Mir alle voll Inbrunst für diese Belehrung.
   02] Und der Oberstadtrichter sagte: »Jetzt erst erkenne ich ganz und vollkommen, daß Du wahrhaft der Herr und Schöpfer aller materiellen und geistigen Welt bist! Ich hätte Dich wohl noch fragen mögen, wie es Dir möglich ist, auch in der Ferne durch die Macht Deines Willens zu wirken, während Du persönlich nun doch nur unter uns gegenwärtig bist.«
   03] Sagte Ich: »Dieser Mein Leib, der so wie der eurige aus Fleisch und Blut besteht und eigentlich dasjenige an Mir ist, was man den Sohn Gottes nennt, ist freilich bei euch nun hier und zu gleicher Zeit nirgend anderswo; aber die von Mir ausgehende Kraft des Gottesgeistes erfüllt die ganze Unendlichkeit und wirkt nach dem Grundwillen in Mir, und zwar in dem Augenblick, wo von Mir das 'Werde' ausgesprochen wird, was Ich freilich nicht laut auszusprechen vonnöten habe, sondern nur in Meinem Innersten. Und so ist alles, was du siehst, im Grunde des Grundes nichts anderes als Mein fester und unwandelbarer Wille.
   04] Diese Eigenschaft, von der dir schon der Geist deines Vaters eine ganz ordentliche (verläßliche) Kunde gegeben hat, haben auch alle reineren Geister - und ganz besonders Meine Engel, die Mir stets zu dienen in der vollsten Bereitschaft stehen - in einem vollkommeneren Grade als die minderen und noch unvollkommeneren Geister.
   05] Dieses kannst du nun freilich noch nicht vollkommen verstehen und einsehen, weil die Welt deine Seele noch gefangenhält; wenn aber deine Seele frei wird durch Meinen Geist in ihr, so wird diese dir nun sichtbare Welt für dich vergehen, das heißt, du wirst sie allzeit noch schauen können, so du das wollen wirst, aber ihre für dich jetzt allenthalben harte Materie und die in ihr wohnenden Kräfte werden dir nach keiner Seite hin irgend den geringsten Widerstand mehr bieten können. Du aber wirst dir aus deinem Innern selbst eine Welt erschaffen können, die für dich, solange dein Wille sie wird halten wollen, eine ebenso vollkommene Wohnunterlage bilden wird, wie da nun diese Meine Erde für deinen Leib eine Wohn- und Tätigkeitsunterlage bildet.
   06] Ein kleines Bild kann ich dir zeigen, wenn du dessen nach rechter Weise achtest, so wird dir das begreiflicher, was ich dir soeben gesagt habe. Du hast zum Beispiel in der Nacht einen so recht lebhaften Traum. Du bist in diesem Traume bei vollkommenem Bewußtsein und wirst dabei stets vollkommen inne, daß nur du es bist, der da träumt, und kein anderer an deiner Statt. Du hattest aber noch nie einen Traum, in welchem du keine Gegend, in der du dich befunden hast, gesehen hättest, wie auch Menschen, mit denen du oft Zwiesprache führtest, und das stets nach deiner Erkenntnis und Denkungsweise.
   07] Wo ist denn diese Gegend, in der du dich im Traume befunden hast, und wo und wer waren denn die Menschen, mit denen du gesprochen hast oder sonst etwas zu tun hattest? Siehe, nirgends anders - als in dir selbst!
   08] Wenn sich deine Seele im Leibesschlafe auf eine kurze Zeit zum größten Teil von den Leibesbanden frei fühlt, so kann sie nicht umhin, das in ihr Zugrundeliegende in der Form, wie es in ihr liegt, auch wie außer sich zu erblicken; und sei es dann, was es wolle, so sieht es die Seele in der vollen Wirklichkeit vor sich und ist dann ebenso in ihrer Gegend zu Hause wie im wachen Zustande auf dieser Erde.
   09] Daß sie aber auch mit Menschen im Traume zusammenkommen kann, und zwar teilweise mit noch lebenden und teilweise mit solchen, die schon verstorben sind, hat darin seinen Grund, weil eines jeden Menschen Seele gewisserart im kleinsten Maßstabe alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben, jetzt leben und noch leben werden, und so auch die ganze Geisterwelt abbildlich in sich faßt, gleich also wie ein Spiegel die äußeren Bilder in sich aufnimmt, ohne daß diese Bilder irgend Wirklichkeiten sind. Freilich ist der Spiegel nur ein sehr matter Vergleich, weil er an und für sich tot ist und daher nur die toten Formen der ihm gegenüberstehenden Dinge repräsentieren kann.
   10] Die Seele ist aber ein lebendiger Spiegel; daher kann sie die in ihr haftenden Bilder beleben und mit ihnen also umgehen und handeln, als wären sie reelle Wirklichkeit, und hat dabei den unberechenbaren Vorteil, daß sie sich durch diese in ihr belebten Bilder auch mit der leichtesten Mühe mit den wirklichen Bildern in Verkehr setzen kann.
   11] Solange die Seele zwar in dieser Welt noch lebt, bleibt in ihr dieses Vermögen noch unvollkommen, und sie weiß am Ende selbst nicht, was sie damit machen soll; wenn sie aber einmal von dieser Welt gänzlich befreit ist, so wird sie dessen schon in einem immer höheren Grade innewerden, was sie mit diesem Vermögen zu tun hat.
   12] Sie gleicht nun in der Hinsicht einem jungen Erben, der von seinem Vater viele Güter übernommen hat und im Anfange auch nicht weiß, erstens, wie die Güter aussehen, und zweitens, wozu er sie verwenden soll. Aber mit der Zeit wird er alle seine Güter kennenlernen und auch zur Erkenntnis gelangen, wozu sie zu verwenden sind, und was er zu tun hat, um sie alle sich zunutze zu machen.
   13] Und eben also wird es einer jeden nur einigermaßen vollkommeneren Seele ergehen, daß sie nach und nach stets mehr und mehr innewird, was in ihr zugrunde liegt, und wie sie das in ihr zugrunde Liegende zu verwenden hat.
   14] Du siehst aber mit deinen fleischlichen Augen die Gegenden und die Menschen dieser Erde, sowie auch alle andern toten und lebendigen Objekte, als wären sie wirklich außer dir; allein Ich sage es dir, daß alles das, was du siehst, du nur in dir selbst siehst. Deine Seele hat nur mit den Abbildern der äußeren Wirklichkeiten, die außer ihr sind, zu tun und nicht mit den Wirklichkeiten selbst. Erst dein Tastsinn hat mit den Wirklichkeiten zu tun.
   15] Du siehst in der Entfernung ein Gebirge; du siehst aber nicht das Gebirge selbst, sondern nur desselben Abbild durch dein fleischliches Auge, welches also eingerichtet ist, daß es die großen Wirklichkeitsbilder - oder Dinge, so du es lieber willst - in einem sehr verjüngten Maßstabe in sich aufnehmen und sie durch eine außerordentlich kunstvolle Leibeseinrichtung sogleich der Seele zur Beschauung vorstellen kann.
   16] Der Leib selbst sieht nichts, und würde der Leib etwas für sich sehen können, so benötigte sein Auge nicht einer so kunstvollen Einrichtung. Diese ist also nur der Seele wegen und nicht des Leibes selbst wegen da. Denn würdest du die Wirklichkeiten, wie sie aus Mir Selbst herausgestellt sind, in ihrer wahren Größe beschauen können, so würdest du mit einem kaum faustgroßen Steine in tausend Jahren nicht fertig werden; denn du würdest auf seiner Oberfläche allein schon so außerordentliche Wunderseltenheiten erschauen, von denen du dich in vielen Jahren nicht trennen könntest.
   17] In der Folge der Zeiten werden die Menschen eine Art Augenwaffen entdecken, durch die sie selbst die kleinsten Dinge in einem sehr vergrößerten Maße erblicken werden und sich darob über Meine Macht und Weisheit nicht genug werden verwundern können; sie werden es aber dennoch nie dahin bringen, einen noch so kleinen Gegenstand in jener wirklichen Größe zu erschauen, in der er von Mir ins Dasein gesetzt ist.
   18] Die kleinsten Tierchen, die dein Auge kaum erblickt, werden sie zwar durch derlei Waffen in einer solchen riesigen Größe erschauen können, wie du mit deinem Auge nun ein an und für sich wirklich großes Tier erschauen kannst; aber würden sie auch selbst das kleinste Tierchen in der riesigen Größe eines Elefanten erblicken, so wäre solch eine Vergrößerung auch noch nahezu ein völliges Nichts gegen die wirkliche und wahre Größe eines solchen Tierchens, in der es von Mir in die Welt hinausgestellt worden ist.
   19] Ich habe dir dieses darum gesagt, auf daß du leichter einsiehst, daß die Seele nichts außer sich, sondern alles nur in sich zur Beschauung bekommt, und zwar in dem Maße (Maßstab), wie sie es am leichtesten überschauen kann.
   20] So die Seele einmal mit ihrem Geiste vereinigt sein wird, so wird sie alles, so es sie freuen wird, in der wahren Größe beschauen können; doch sage Ich dir auch, daß selbst die vollkommensten Engel im Himmel davor eine ordentliche Scheu haben, die von Mir geschaffenen Dinge in ihrer wahren Größe zu beschauen und zu erkennen dabei Meine ewige und unendliche Überwiegenheit (Überlegenheit), in allem, was sie schauen, fühlen, denken und begreifen können. - Hast du, Mein lieber Freund, von dem dir Gesagten etwas verstanden?«


Home  |    Index Band 10  |   Werke Lorbers