Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 174. Kapitel: Bericht eines Verstorbenen über seine Erlebnisse im Jenseits.

   01] Hierauf fragte der Oberstadtrichter den Vater: »Wo ist denn der Ort, wo du dich aufhältst, und wie sieht er aus?«
   02] Sagte der Vater: »In unserem Reiche gibt es gar keinen Ort, von dem man sagen könnte: "Siehe hier, oder dort ist er, und so sieht er aus, und so ist er beschaffen!"; denn bei uns ist ein jeder der Ort, den er bewohnt, für sich selbst , und das Aussehen und die Beschaffenheit des Ortes entspricht in allem und jedem der inneren Beschaffenheit des Menschen.
   03] Ich bin nun nach irdischer Rechnung doch schon eine solche Zeit drüben, in der man doch etwas Besonderes sehen und erfahren kann; aber ich habe bis jetzt noch nichts gesehen, was dem irgend gleichkäme, was man in dieser Welt vom Jenseits geglaubt, gemeint und gefabelt hat. Ich suchte den Fluß Styx und seinen Schiffer Charon und fand keines von beiden. Ich hatte schon eine Weile Tartarusangst vor einer Furie oder vor den drei unerbittlichen Richtern Minos, Äakus und Rhadamantus - allein, nichts von allem dem! Ich wollte das Elysium aufsuchen, ging weit und breit wie in einer großen Sandsteppe umher, und siehe, es wollte sich auch kein Elysium finden lassen, - kurz, ich sah und fand außer mir nichts und niemanden außer mich selbst und den sehr lockeren Boden, auf dem ich mich befand.
   04] Etwa nach ein paar Jahren meines Suchens - nach diesirdischer Zeitrechnung -, in welcher Zeit ich noch immer diese endlose Sandsteppe nach allen Richtungen hin durchzog, entdeckte ich in einer ziemlich bedeutenden Ferne endlich doch jemanden, der sich ganz in demselben Zustande zu finden schien, in dem ich mich befand. Ich ging schnellen Schrittes auf diesen Jemand zu und war bald vollends bei ihm.
   05] Als ich zu ihm kam, fragte ich ihn sogleich, sagend: "Du scheinst dich eben auch in einem mir ähnlichen Zustande zu befinden! Unter den Füßen nichts als eine unendlich fortzudauern scheinende Fläche Sandes, über dem Haupte ein mehr dunkel- als lichtgraues Genebel, und man sieht sonst nichts als sich selbst und seine in den Sand eingedrückten Tritte. Es geht auch kein Wind, und von einem Wasser oder einem andern Objekte ist gar keine Rede. Bei (ungefähr) zwei Jahre irdischer Rechnung irre ich in dieser Sandwüste umher und finde auch nichts, davon man sich sättigen und einen allfälligen Durst stillen könnte. Ich weiß, daß ich das Zeitliche verlassen habe und als wahrlich arme Seele in dieser Wüste umherwandere, was mir schon wirklich im höchsten Grade unangenehm ist. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, hier in dieser sein sollenden Geister- oder Seelenwelt alles das aufzusuchen und aufzufinden, an das ich in der Welt so halbwegs geglaubt habe, aber nichts von allem - - -.
   06] Du bist nun nach zwei Jahren die erste mir ähnliche Erscheinung. Weißt du mir vielleicht zu sagen, was man hier tun und anfangen soll, um denn doch endlich einmal einen Ort zu finden, in welchem so halbwegs zu bestehen wäre? Denn ich bin des Suchens in dieser weiten Sandsteppe schon müde geworden und habe wahrlich keine Lust mehr, weitere Schritte vor- und rückwärts zu machen!"
   07] Darauf sagte der mir ähnlich Scheinende und sich in gleichen Zuständen Befindende: "Ja, mein Freund, wie dir, so geht es gar zahllos vielen in diesem Reiche, die das, was du suchst, schon viele Jahrhunderte lang suchen! Wenn du hier etwas finden willst, so mußt du es nicht so anstellen, wie auf der materiellen Welt, in der man alles nur außer sich sucht. Wer hier das tut, der findet ewig nichts! Denn hier gibt es außer ihm keinen Ort und keine Gegend mehr, und würde er diese auch auf allen Punkten des unendlichen Raumes irgend finden wollen.
   08] Du mußt also mit deinen Sinnen, mit deinem Trachten und Willen in dich selbst zurückgehen und in dir selbst zu suchen, zu denken und zu formen anfangen, dann erst wirst du einen Ort finden, der deinem Denken, Formen, Willen und deiner Liebe entsprechen wird! Daher tue, als sähest du diese Sandsteppe nicht, wie auch nicht das Graugenebel über dir, sondern begib dich in die Phantasie deines inneren Gemütes, so wird sich vor dir bald alles anders gestalten! Ich habe mich darum von dir finden lassen, um dir solches zu verkünden."
   09] Auf diese Worte verließ mich der Jemand plötzlich wieder (und ließ mich) auf meiner Sandsteppe stehen. Ich beherzigte seine Worte und fing an, in mich zu gehen und so recht lebhaft zu denken, und zeichnete mir in meiner Phantasie so gut es ging eine Gegend und einen Ort, - und siehe da, es währte gar nicht lange und ich ersah bald meine Phantasie vor mir tatsächlich ausgebreitet.
   10] Sie bestand in einem Tal, das von einem Bache durchfurcht war. Links und rechts befanden sich Wesen und auch Bäume und Sträucher, und in einiger Entfernung entdeckte ich auch einen Ort, bestehend aus niedrigen Bauernhütten, worauf es mir vorkam, daß ich diesem Orte näherkommen sollte.
   11] Ich dachte mir aber: "So ich wieder werde zu gehen anfangen, da werde ich am Ende alles wieder verlieren, was ich mir mühsam geschaffen habe! Ich werde dafür versuchen, mir in meiner nächsten Nähe nur eine solche Hütte zu formen, - diese will ich dann recht gern für immer bewohnen und behalten!"
   12] Ich dachte mir so etwas, und die Hütte stand auch bald da, umgeben mit einem Garten voller Obstbäume, womit ich vollkommen zufrieden war.
   13] Ich ging denn in die Hütte, um gewisserart in mir selbst zu erfahren, was sich da weiterhin ergeben werde. Als ich in die Hütte kam, fand ich sie vollkommen leer und fing wieder an, noch tiefer in mich zu gehen und zu denken, worauf bald aller Art Gerätschaften in dieser Hütte sich mir darzustellen anfingen: Stühle, Bänke, Tische und auch ein Ruhebett, ganz so, wie ich es mir gedacht hatte.
   14] Und ich dachte weiter: "Der Tisch wäre nun da; aber es gibt auf ihm noch kein Brot und keinen Wein und sonstige Speisen!"
   15] Wie ich daran lebhaft zu denken anfing, da befand sich auch bald des Brotes und Weines zur Genüge auf dem Tisch, und ich machte bei diesem Anblick nicht viel Säumens, griff bald nach dem Brote und so auch nach dem Weine, denn ich war schon sehr hungrig und durstig, - und siehe, ich fand mich bald darauf sehr gestärkt, und mit meinem Denken und Phantasieren fing es an, viel lebhafter und kräftiger zu gehen!«


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