Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 173. Kapitel: Eine Geistererscheinung.

   01] Und der Oberstadtrichter sagte: »So lasse mich meinen Vater sehen und sprechen, der schon vor zwölf Jahren verstorben ist und ich um ihn auch sehr viel getrauert habe, weil er mir ein überaus lieber und biederer Vater war!«
   02] Sagte Ich zum Oberstadtrichter: »Dir geschehe nach deinem Wunsche!«
   03] Und siehe da, in demselben Augenblick stand der Vater des Oberstadtrichters, allen Anwesenden sichtbar, im Gastzimmer.
   04] Und der Sohn erkannte ihn auch alsogleich und sagte zu ihm: »Also lebst du wirklich nach dem Tode deines Leibes fort?«
   05] Sagte der Vater: »Du glaubst wohl nun, weil ich dir also zu erscheinen durch die Macht Dessen, der bei dir ist, genötigt worden bin, und du siehst mich nun, weil dir Dieser deine innere Sehe eröffnet hat; warum glaubtest denn du deiner noch lebenden Mutter und deinen drei Geschwistern nicht, die mich bald nach meinem Hintritt gesehen und gesprochen haben und ich ihnen mit kurzen Worten eröffnete, daß es mit dem Leben der Seele nach dem Tode des Leibes ganz anders aussieht, als die Menschen in diesem kurzen Erdenleben davon, so oder so, urteilen?
   06] Am übelsten für diese kurze Lebenszeit sind diejenigen daran, die an ein Fortleben der Seele nach dem Abfalle des Leibes gar nicht glauben; denn sie behalten den Glauben, den sie von hier mitgenommen haben, jenseits noch lange fort und erwarten noch immer die ewige Vernichtung, die aber nimmer erfolgen kann und will.
   07] Und infolge solch ihres Irrglaubens sind sie auch faul und träge, für ihr jenseitiges Weiterkommen etwas zu unternehmen, und so leben sie jenseits noch - wie ich solches schon erfahren habe - oft ein paar tausend Jahre hindurch und lassen sich von ihrem unsinnigen Glauben selbst durch die lichtesten Geister nicht abwendig machen. Siehe daher du, mein Sohn, zu, daß du nicht in einem solchen Irrglauben aus der Welt scheidest!«
   08] Hierauf sagte der Oberstadtrichter: »Wahrlich, Vater, du bist es! Denn du hast nun dieselben Worte zu mir gesprochen, welche du zu der Mutter und meinen Geschwistern gesprochen hast, die ich mir denn auch aufgezeichnet habe und noch als ein Heiligtum bei mir aufbewahre, obschon ich an sie bis jetzt nur einen kleinen Glauben hatte. Ich wollte dich auch selbst sehen und sprechen, aber mir wollte dieses Glück nicht zuteil werden.«
   09] Darauf sagte zu ihm der Vater: »Wie hätte denn dieses auch geschehen können? Denn wie oft ich auch zu dir kam, warst du nie zu Hause und hattest immer zu tun in der Außenwelt und ihrem Lichte, und da ist es für uns unmöglich, jemandem zu erscheinen und ihn zu belehren; denn wir sind nun in unserem Sein nicht mehr die Erscheinung, bewirkt durch eine andere Kraft, und sind demnach die Kraft selbst, die innerlich in allen Elementen wirkt, die der sinnliche Mensch wohl erschauen kann, - aber die wirkende Kraft, als das eigentliche, wahre Sein in sich selbst, kann ein äußerer, dir gleicher Weltmensch ebensowenig erschauen wie jede andere in der materiellen Welt wirkende Kraft, - er müßte denn nur in sein wahres Sein in sich zurückkehren, dadurch seine innere Sehe erschließen, und er würde dann auch des wahren Seins der wirkenden Kräfte gewahr werden, sie in ihrem wahren Sein beschauen und sich mit ihnen auch in Verkehr setzen können!«


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