Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 79. Kapitel: Die guten Vorsätze des Nachbarn.

   01] Sagte abermals der eine der beiden Nachbarn: »Ja, hoher Gebieter, du hast ganz vollkommen recht in deiner ganzen, liebevollen Rede, die ein wahrer Leitfaden zum Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes ist, und wir werden diesen auch danach zu suchen anfangen, indem sich schon jetzt eine gewisse Zuversicht in uns dahin kundgibt, daß wir nicht vergeblich suchen werden.
   02] Aber bis jetzt war das noch nie möglich; denn auf der einen Seite saßen uns unsere Priester im Genick, und auf der andern hatten wir die Gelegenheit, das Judentum zu beobachten und fanden mit höchst wenig Theosophie einen noch größeren Wust des Aberglaubens aller Art und Gattung denn bei uns. Wir haben daher den Mittelweg eingeschlagen, beobachteten die Natur, fanden in ihr Gesetze und lebten für uns nach ihnen, obschon wir das Äußere unseres Götterkults der Staatsgesetze wegen, freilich stets nur mit einem Widerwillen, mitmachten.
   03] Also war es denn für uns, wie für viele andere, die ganz unseres Sinnes sind, wie gesagt, bis jetzt völlig unmöglich, den allerhöchsten und wertvollsten Lebensschatz irgend zu suchen anzufangen. Was man nicht zu suchen anfangen kann, weil einem alle dazu erforderlichen Mittel fehlen, das kann man auch niemals finden.
   04] Jetzt aber haben wir durch deine große Güte und wahre Gnade ein Mittel, das sicher ganz untrüglich ist, erhalten und werden nach desselben Weisung auch den höchsten Lebensschatz zu suchen anfangen und nicht eher rasten, bis wir ihn werden gefunden haben; denn da lohnt es sich der Mühe, solch einen Schatz zu suchen, von dessen Besitz das ewige Fortleben der Seele abhängt.«
   05] Sagte nun Ich: »Wisset: Ein vollkommen ernstlicher Wille zu einer Arbeit, durch die ein höchster und wahrhaft allerbester Lebenszweck erzielt werden kann, ist an und für sich schon so gut wie das Werk selbst; denn das vollendete Werk in seiner vollsten Ausdehnung folgt auf den einmal gefaßten Willen um so rascher, je ernster der Wille dessen ist, der ein Werk zu realisieren beginnt. Euer Hauptmann hat euch schon den rechten Weg gezeigt und die rechten Mittel an die Hand gegeben.«
   06] Sagte der frühere Redner: »Freund, du scheinst auch schon den allerhöchsten Lebensschatz gefunden zu haben, da du ganz im Sinne unseres hohen Gebieters sprichst! Du bist deiner Kleidung nach ein Galiläer; auch die andern sind mehr Galiläer denn Judäer, und von den Galiläern wissen wir, daß sie keine besonderen Glaubenshelden sind. Allein, es macht das nichts; denn es kann ja auch unter den Galiläern Menschen geben, die den Weg zum Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes entdeckt, ihn zu suchen angefangen und auch gefunden haben. Wir haben denn eine große Freude an euch; denn da ihr alle in dieser wahren Schreckensnacht habt mögen in einem leicht zerstörbaren Hause übernachten, so dient uns das als ein Beweis, daß auch ihr, gleich unserm hohen Gebieter, den einen, allein wahren Gott gefunden habt, der euch wohl in allen Gefahren bestens, beschützen kann.«
   07] Sagte Ich: »Da hast du nun richtig geurteilt; aber hier auf diesem Platze können wir nicht viel Weiteres davon reden, da sich das Volk um uns stets mehr und mehr anzusammeln beginnt, - denn es hat den Hauptmann bemerkt und ist darum voll Neugier, was er hier am frühen Morgen etwa anordnen werde. Darum begeben wir uns außerhalb der Stadt auf einen freien Platz, von dem aus man eine bedeutende Fernsicht hat! Daselbst wird sich über unseren Gegenstand ein mehreres sprechen lassen.«
   08] Das war den beiden Nachbarn recht, und sie gingen samt ihren Angehörigen mit uns aus der Stadt hinaus, allwo ein ziemlicher Hügel sich befand, auf dem eine alte Ruine lag, die einst den Philistern als eine Feste diente.


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