Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 80. Kapitel: Nachwehen des Sturmes und Erdbebens.

   01] Als wir auf dem besagten Hügel uns befanden, da sahen wir gen Osten, in der Ferne von etlichen Stunden Weges, an mehreren Stellen Rauch dem Erdboden entsteigen, und hie und da schlug auch eine Flamme empor, aber nur auf Momente, und hielt nicht an also wie der Rauch.
   02] Wir betrachteten diese Naturszene eine zeitlang.
   03] Als wir uns daran gewisserart satt geschaut hatten, da trat der Hauptmann zu Mir und sagte: »O Herr und Meister, siehe, die gewissen Naturgeister haben noch keine Ruhe, und nach meiner schon zu öfteren Malen gemachten Erfahrung dauern die Rauch- und Feuerszenen nach einem solchen Sturm, wie wir ihn in dieser Nacht erlebt haben, oft noch mehrere Tage und öfter gar etliche Wochen, und man merkt dabei auch von Zeit zu Zeit, recht wohl wahrnehmbare Erdschwebungen, die durchaus nicht geeignet sind, irgendein schwaches Menschengemüt heiter zu stimmen. Warum müssen denn die gewissen Nachwehen eines Hauptsturmes so lange fortdauern?«
   04] Sagte Ich: »Freund, du hast in Pella, wo du eigentlich residierst, einen ziemlich bedeutenden Fischteich, den du mit vielen Kosten hast anlegen lassen! So du in diesem Teiche gute und gesunde Fische ziehen willst, so mußt du ihn von Zeit zu Zeit von seinem Schlamme reinigen lassen. Zu dem Behufe aber mußt du ihn zuvor völlig entwässern lassen. Wenn der Hauptschlauch des Teiches geöffnet wird, so stürzt anfangs auch das Wasser gar gewaltig aus dem Teiche durch den geöffneten Abzugsschlauch; nach und nach aber fließt es gemächlicher, und gegen das Ende siehst du das Wasser nur mehr tropfenweise aus dem Schlauche rinnen, und du kannst dann schon mit der Reinigung deines Teiches anfangen. Ja, warum hast denn du bei deinem Teiche nicht einen derartigen Entwässerungsschlauch angebracht, bei dessen Öffnung des Teiches Gesamtwasser in einem Moment entweichen könnte?
   05] Siehe, Freund, es geschieht denn alles in der Welt in einer gewissen weiligen (zeitlichen) Ordnung, und nichts kann ohne diese geschehen; und geschieht schon hie und da etwas nicht völlig in der guten weiligen Ordnung, so hat das stets eine verhältnismäßige Zerstörung zur Folge.
   06] Beachtet aber schon ihr kurzsichtigen Menschen eine gewisse Ordnung bei euren Handlungen und Arbeiten zur sicheren Erreichung derjenigen Zwecke, die ihr euch vorgesteckt habt, und saget, daß eine schnelle und schluderige Arbeit zu nichts tauge, - sollte Gott als der ewige Werkmeister Seiner großen Werke etwa minder weise und klug sein denn ihr Menschen? Laß daher nur alles also geschehen, wie es eben geschieht, und es ist schon recht also!«
   07] Mit dem begnügte sich der Hauptmann und dankte Mir für diese Belehrung.
   08] Es hatten aber diese Meine Worte auch die beiden Nachbarn unseres Wirtes mit großer Aufmerksamkeit angehört und sagten zum Wirte: »Du, dieser Galiläer scheint noch um vieles weiser zu sein denn unser Hauptmann! Wir verstanden zwar nicht, um was es sich da eigentlich gehandelt hat, aber so viel ist uns da klar geworden, daß dem Hauptmanne, der den einen, alleinwahren Gott sicher gar wohl kennt, diese lästige Naturszene etwas zu lange dauert; doch dieser Galiläer hat ihm durch ein gar köstliches Beispiel die Ordnung gezeigt, die Gott bei all Seinem Handeln stets beachtet und warum. Und siehe, der Hauptmann dankte dem weisen Galiläer sehr für diese Belehrung!
   09] Was aber muß dieser Galiläer etwa doch Weiteres noch sein? Denn unser Hauptmann, obschon sonst ein überaus guter und rechtlicher Mann, sagt nicht leichtlich zu jemandem und schon am allerwenigsten zu einem Juden "Herr und Meister"! Wie gibt er denn diesem solch eine Ehre?«
   10] Sagte der Wirt: »Das sehet ihr nun freilich noch gar nicht ein; aber es wird wahrscheinlich nun ehestens ein Moment kommen, in dem ihr das einsehen werdet.«
   11] Diese Worte machten die beiden Nachbarn des Wirtes noch um vieles neugieriger, wer und was Ich denn eigentlich wäre. Aber sie getrauten sich weder den Hauptmann und noch weniger Mich darum zu fragen.
   12] Es begann aber ein ziemlich heftiger Wind von Osten her zu wehen, und es währte nicht lange, so bekamen wir den stark nach Schwefel und Erdpech riechenden Rauch zu verkosten, und der Hauptmann, seine Tochter und seine Unterdiener, wie auch einige Meiner Jünger, denen der Rauch widrig war, baten Mich, daß Ich solchem Winde gebieten möchte, den bösen Schwefel-und Erdpechdampf auf eine andere Seite zu tragen, wo es keine Menschen gäbe, oder wir möchten uns in die Herberge zurückziehen, um hier nicht zu ersticken.
   13] Sagte Ich: »Da sehet nur gegen die Stadt zurück, wie sich eine Masse von Neugierigen herausdrängt, um da zu schauen und zu lauschen, was wir hier täten! Und voran haben sich die Heidenpriester und auch die beiden Rabbis und mit ihnen einige Juden, die uns bei unserer Ankunft anhielten, gestellt; diese sind mir widriger denn dieser von Osten hergetriebene Schwefel- und Erdpechdampf.
   14] Darum eben habe Ich den Wind kommen lassen, auf daß er die lästigen Horcher und Lauscher uns vom Halse schaffe. Sehet, wie sie sich schon umzukehren und wieder in die Stadt zurückzuziehen anfangen, da sie befürchten, daß die Sache noch ärger werden könnte! Sie werden sich auch zum größten Teil in der Stadt in ihre Häuser begeben, und wir haben dann einen freieren Spielraum für unser Tun.«
   15] Es umstanden aber den Hügel auch einige Bewohner der Stadt, die gleich mit uns herausgezogen waren, und der Hauptmann wollte ihnen durch einen Unterdiener scharf andeuten lassen, daß auch sie sich in die Stadt zurückziehen sollten.
   16] Ich aber sagte zum Hauptmanne: »Das sind bessere Seelen; die sollen als Zeugen für die andern nur hier verbleiben!«
   17] Das war denn auch dem Hauptmann ganz recht, und die den Hügel unten Umlagernden blieben.
   18] Aber die beiden Nachbarn unseres Wirtes wurden nun immer stutziger und sagten zu ihm: »Höre du, Freund, das ist ja doch ein höchst sonderbarer Mann! Dem Winde hat er gewisserart geboten, den bösriechenden Dampf von Osten hierher zu treiben, auf daß er die lästigen, ordentlich haufenweise zu uns herausströmenden Gäste zurücktreibe; und als nun der Hauptmann auch die um diesen Hügel lagernden uns wohlbekannt zwar armen, aber wirklich ehrlichen Seelen abschaffen wollte, so ließ das dieser Mann nicht angehen, und der sonst niemals nachgiebige Hauptmann gehorchte ihm aufs Wort!
   19] Zugleich kennt er schon von weitem den Charakter der Menschen und behält die Guten und treibt wunderbar von sich die uns auch nur zu gut bekannten argen Menschen, die außer sich selbst noch niemandem je eine Wohltat erwiesen haben.
   20] Wahrlich, ein sonderbarer Mann, dieser Galiläer! Der muß Gott freilich wohl noch um vieles besser und näher kennen denn unser sonst überaus weiser Hauptmann. Na, wir sind doch höchst neugierig, was da noch herauskommen wird!«
   21] Sagte der Wirt: »Denket an das, was euch dieser Mann in der Stadt außerhalb der Herberge gesagt hat, und ihr werdet den Punkt, auf dem ihr euch nun befindet, bald näher und heller kennenlernen!«


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