Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 78. Kapitel: Rede des Hauptmanns vom rechten Gottsuchen.

   01] Sagte der eine der beiden: »Hoher Gebieter, wir sehen, daß du wahrlich mehr als vollkommen recht hast, und glücklich und selig ist ein jeder Mensch zu preisen, der deines festen Glaubens und deines lebendigen Vertrauens fähig ist; denn der erträgt alles Ungemach, das ihm auf dieser Erde irgend begegnen kann, sicher ganz leicht und ist stets voll Trostes in seinem Gemüte!
   02] Aber woher sollen wir solch einen Glauben und solch ein Vertrauen nehmen? Siehe, da oben auf dem breitesten Teil unserer Hauptstraße lagern unsere ersten Zeus- und Apollopriester, und unweit von ihnen ein paar Rabbis der Juden! Unsere Priester zeigen uns durch ihr Benehmen, wie wenig sie zu ihrem eigenen Heil auf die Götter halten, und ebenso zeigen auch die Judenpriester ihres einen und allein wahren Gottes, daß ihr Glaube und ihr Vertrauen auf Ihn nicht um ein Haar besser ist als das unserer Priester.
   03] Oh, sobald alle Gefahr vor einem allfälligen Nachsturm vorüber sein wird, da werden sie gleich auftreten und von den deshalb erzürnten Göttern scharf zu predigen anfangen, weil wir zu schwachen Glaubens an sie sind und ihnen viel zuwenig opfern; und so wir in unserem Unglauben und in der Vorenthaltung reicher Opfer in die Tempel der Götter verharren würden, so würden die Götter noch zorniger werden und dieses ganze Land zur Wüste. machen!
   04] Also werden sie vielleicht heute noch in ihren Tempeln zu heulen anfangen und hätten schon angefangen, so ihnen ein heiterer Morgen angedeutet hätte, daß da keine Wiederkehr des Sturmes zu besorgen sei; aber der sehr trübe und noch sehr unheimlich aussehende Morgen hält sie noch davon ab.
   05] Und desgleichen verhalten sich auch die etlichen Judengottespriester. Sie würden auch schon in ihrer Synagoge laut buß- und opferpredigen, wenn der sehr trübe und unheilvolle Morgen sie nicht davon abhielte, in ihre Synagoge zu treten und sicher nur zu ihrem Besten zu heulen anzufangen.
   06] Siehe, hoher Gebieter, wir sehen die schon sehr alt gewordenen Betrügereien unserer, wie der Judenpriester nur zu klar ein und erfahren es auch bei jeder nur ein wenig gefährlichen Gelegenheit, wie eben die Priester die ersten beim Fluchtergreifen sind und dadurch auch an den Tag legen, wie wenig Glauben und Vertrauen sie zu den von ihnen so hoch gepriesenen Göttern besitzen! So aber bei einem Kriegsheere einmal die Heerführer die Flucht vor dem Feinde ergreifen, - woher sollen dann ihre Krieger den Mut nehmen? So aber die Götter, beim Lichte des Verstandes betrachtet, für die Priester so gut wie gar nichts sind, - was sollen und was können sie dann für uns sein?
   07] Und so, hoher Gebieter, ist es für uns wohl sehr schwer, ja geradezu unmöglich, zu einem festen Glauben und Vertrauen an unsere Götter und ebensowenig an den einen Gott der Juden zu gelangen, und es ist uns daher unser alter Wahlspruch nicht zu verargen, laut dem sich ein jeder Mensch selbst helfen soll; und kann er das nicht, so lassen ihn die Götter und ebenso auch seine Nebenmenschen im Stich.
   08] Aber du, hoher Gebieter, hast ein gutes und wahres Wort zu uns geredet, und es muß am Ende denn doch einen solchen Gott geben, wie du Ihn uns bezeichnet hast! Aber wo ist Der? Wie kann man der Wahrheit gemäß den Weg zu Ihm finden?«
   09] Sagte der Hauptmann: »Das ist für einen Weltmenschen freilich nicht so leicht, wie sich das so mancher Weltkluge denken mag und sagt: "So es einen oder irgend mehrere Götter gibt, so müssen sie sich von uns Menschen auf eine leichte Art finden lassen, so sie von uns erkannt und verehrt werden wollen, wie das alle Priester den Menschen allenthalben zur strengsten Pflicht machen; und lassen sich die Götter von den Menschen nicht bald und leicht finden, so wollen sie entweder gar nicht erkannt und verehrt sein, oder sie bestehen gar nicht, und da ist alles Suchen eine vergebliche Mühe!"
   10] Ich aber sage es euch, daß dem nicht also ist! Denn erstens gibt es von Ewigkeit her nur einen, allein wahren Gott, und dieser Gott will von uns Menschen gesucht, gefunden, erkannt und durch die strenge Haltung Seiner Gebote, die Er zu unserem Heile gab, verehrt werden; und zweitens, weil es eben einen Gott gibt, den ein nur etwas tiefer forschender Mensch aus Seinen Werken schon ganz wohl wahrnehmen kann, so soll der Mensch voll wahrer Liebgier (Liebesverlangen) diesen Gott denn auch eifrigst suchen, aber nicht von heute bis morgen den leichtsinnigen Kindern gleich, sondern von Tag zu Tag mit stets zunehmendem Eifer und Fleiß und mit einer in der Liebe zu Ihm wachsenden Sehnsucht, und Gott wird sich von solch einem Sucher schon ebenso finden lassen, wie Er Sich von mir und schon von gar vielen hat finden lassen.
   11] Und hat Er Sich von einem oder auch mehreren Menschen, die Ihn auf eine rechte Art suchten, finden lassen, dann wird Er solchen treuen Suchern schon kundtun, was sie nach Seinem allerweisesten Willen fürder zu tun und wie sie zu leben haben, um in Seiner Liebe und Gnade zu verbleiben und von Ihm zum ewigen Leben der Seele erweckt zu werden.
   12] Ein solcher Mensch wird dann auch in seinem wahrhaft lebendigen Glauben und Vertrauen bei allen noch so gefahrdrohenden Vorkommnissen auf dieser materiellen Lebensprüfungswelt nicht schwach und wankend werden, sondern er wird alles in aller Geduld und in voller Ergebung in den ihm bekannten göttlichen Willen ohne viel Furcht und Angst ertragen und am Ende Gott für alles danken, weil er einsehen wird, daß Gott alle die Vorkommnisse in dieser Welt nur zum wahren Besten der Menschen verordnet hat. Wer denn Gott also gefunden hat, der hat wohl sicher seines Lebens höchsten und allerwertvollsten Schatz gefunden!
   13] Und weil das wohl der allerhöchste und wertvollste Menschenlebensschatz ist - was ihr nun wohl einsehen werdet -, so lohnt es sich wohl sicher der Mühe, solch einen Schatz auch mit dem höchsten Eifer und Ernst so lange zu suchen, bis man ihn gefunden hat.
   14] Wie mühen sich die Menschen ab im Jagen und Suchen nach irdischen, vergänglichen Schätzen und Gütern! Einer bohrt in die Berge, um Gold, Silber und Edelsteine zu finden; der andere taucht in die Tiefe des Meeres, um etwelche Perlen zu finden; ein dritter befährt auf einem gebrechlichen Schiffe das weite stürmische Meer, um in einem fremden Lande seine heimatliche Ware um einige wenige Pfennige teurer an den Mann zu bringen, - und so treibt der eine dies und der andere jenes, und es ist dabei keinem die Mühe zu sauer, wenn er durch sie nur irgendeinen vergänglichen Lebensvorteil erhaschen kann. Warum will man sich denn nicht auch im Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes diese Mühe nehmen, da man doch weiß, daß ihn zu allen Zeiten die Menschen, die ihn mit einem wahren Eifer suchten, auch treu und wahrhaft gefunden haben?«


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