Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 80. Kapitel: Die Salbung der Füße Jesu in Bethania durch Maria Magdalena.

   01] Hierauf wandte Ich Mich wieder zum Römer Markus und fragte ihn, ob er auch das verstanden habe.
   02] Sagte Markus: »Und ob ich es verstanden habe! Aber ich habe nun noch immer mit dem Monde als gewisserart einem Straforte für zu weltsüchtige Weltmenschen zu tun. Du hast es uns versprochen, daß Du noch etwas darüber uns erklären und zeigen wirst; darum bitten wir Dich denn nun, daß Du Dein Versprechen uns gegenüber auch erfüllen mögest.«
   03] Sagte Ich: »Das werde Ich auch tun; denn was Ich verheiße, das geht auch in Erfüllung, nur muß dazu auch die rechte Zeit kommen. Sieh, es ist nun noch Tag, weil die Sonne noch nicht untergegangen ist; lassen wir daher die Nacht kommen und die Sterne der Erde leuchten, dann wird sich so etwas euch besser erklären lassen als am hellen Tage, wo euer Auge noch mehr mit irdischen Bildern durchtrübt ist! Für jetzt aber wird sich schon noch etwas anderes auffinden lassen, worüber wir noch vor dem Abend einige Worte wechseln können; am Anfange des Abends aber wollen wir die gewissen Pharisäer und Schriftgelehrten besuchen und mit ihnen einige Worte tauschen.«
   04] Mit dem begnügte sich der Römer Markus, und wir nahmen wieder etwas Wein und Brot zu uns.
   05] Wir ruhten nun so bei einer halben Stunde lang, als ein Diener des Lazarus zu uns in den Saal kam und sagte, daß draußen ein gar schönes junges Weib mit ein paar Dienern angekommen sei und den sehnlichsten Wunsch habe, den Herrn zu sehen und zu sprechen. Solle sie hereingelassen werden, oder solle man ihr eine andere Wohnung anweisen.
   06] Sagte Ich: »Das angekommene Weib kenne Ich; darum lasset sie hereinkommen!«
   07] Mit dem entfernte sich der Diener, und Lazarus und die Jünger fragten Mich, was es für ein Weib sei.
   08] Und Ich sagte: »Ihr kennet die Maid Maria von Magdalon, die heute frühmorgens auch schon bei uns am Ölberge war. Diese hat daheim schnell ihre Haussachen geordnet und sich beeilt, hierher zu kommen; darum ärgere sich niemand von euch darob, daß sie nun hierher gekommen ist!«
   09] Als Ich diese Worte noch kaum ausgeredet hatte, da trat die Maid auch schon, wohlgekleidet und geschmückt, in den Saal, fiel Mir gleich zu Füßen, öffnete sogleich eine goldene Büchse, die mit der kostbarsten Nardussalbe gefüllt war, und salbte damit Meine Füße, denn dies war bei den vornehmsten Juden als eine der höchsten Ehrenbezeigungen von alters her gebräuchlich, so man jemandes Füße, wenn er von einem königlichen Hause abstammte, mit der Nardussalbe salbte. (a Lukas.07,37-38*; vgl. Johannes.12,03-08; Markus.14,03;  Vaterbriefe.470)
   10] Als aber Meine Jünger das merkten, sprachen sie untereinander: »Ist denn das Weib irrsinnig geworden? Die Salbe hätte mindestens um zweihundert Groschen verkauft werden können, welches Geld man dann unter die Armen hätte verteilen können, - und der Herr bedarf ja derlei weltlicher Ehrenbezeigungen nicht!«
   11] Ich aber sah die murrenden Jünger an und sagte: »Was kümmert und ärgert euch das denn schon wieder?! Arme werdet ihr stets unter euch haben, Mich aber nicht, wie Ich nun unter euch bin. Dies Weib aber hat nun ein gutes Werk an Mir getan, und wo dies Mein Evangelium gepredigt wird, da soll auch dieses Weibes und dieser Begebenheit wohl erwähnt werden! Ich bin doch schon lange unter euch, und ihr habt Mir zum Waschen Meiner Füße noch nie einen Krug reinen Wassers gereicht; dies Weib aber hat heute morgen schon Meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und ist nun wiedergekommen und hat Mir die Füße gesalbt. Wie mag euch dann das ärgern? So es aber geschrieben steht, daß Ich ein Sohn Davids sei, da gebührt Mir ja auch, daß jemand Mir diese königliche Ehre erweiset!«
   12] Auf diese Meine Worte sagte niemand irgend mehr etwas dagegen, und alle belobten das Weib und ihre Tat.
   13] Darauf aber erhob sich das Weib und wollte gehen.
   14] Ich aber sagte: »Nun bleibe du bei Mir; denn von nun an sollst auch du eine Zeugin Meiner Taten und Erbarmungen werden und bleiben!«
   15] Da blieb das Weib voll Freuden, und Lazarus bewirtete sie freundlichst und ließ auch ihre Diener bewirten. Und wir unterhielten uns dann bis nahe gen Abend, bei welcher Gelegenheit uns diese Maid so manches von ihren Erlebnissen treuherzig erzählte.
   16] Als das Weib uns aber bei einer Stunde lang ihre Erlebnisse in sittsamster Weise erzählte, da meinten einige der zu Mir bekehrten Pharisäer, daß sich so manches des von dem Weibe Erzählten für diese erhabene Gesellschaft nicht fein schicke; solches aber bemerkten sie eigentlich nur darum, weil in der ganz guten Erzählung des Weibes so manches ganz zart eingeflochten war, was auch sie sehr nahe anging.
   17] Ich aber belobte des Weibes Offenheit und Treuherzigkeit und sagte dann zu den Pharisäern und Schriftgelehrten: »Meine nun ein wenig aufgeregten Freunde! Ärgert euch darum ja nicht, daß nun durch den Mund dieses Weibes so manches an das Tageslicht vor Mir kam, woran auch ihr einen bedeutenden Schuldanteil an eurem Fleische traget! Wenn euch aber schon die Worte des Weibes, das niemandes Namen nannte, in eurem Gemüte beirren, warum beirrt euch denn nicht auch Meine Allwissenheit? Ich sage es euch: Jenseits im Reiche der Geister wird man euch das laut von den Dächern herab verkünden, was ihr auf dieser Welt noch so sehr zu verbergen suchtet; darum ist es besser, ein kleines Gericht noch in dieser Welt zu bestehen und sich eine leichte Demütigung gefallen zu lassen, als jenseits vor allen Engeln der Himmel zuschanden zu werden.
   18] Wer sich hier auf dieser Erde als ein besserer Mensch zeigen will, als er es der Wahrheit nach ist, in dem rastet noch ein heuchlerischer Sinn; mit diesem aber kann man ins Gottesreich noch nicht wohl gelangen. Wer aber vor Mir einst wird bestehen wollen, der muß sich auch der Welt so zeigen, wie er beschaffen ist, dann wird er auch vor Mir und Meinen Engeln kein weiteres Gericht mehr zu bestehen haben, so er sich in seinem Tun und Lassen gebessert hat.
   19] Sehet an dies Weib! Sie hat wahrlich viel gesündigt; weil sie aber voll Offenheit im Herzen ist und dabei auch viele Werke der Nächstenliebe ausgeübt hat, so ist ihr nun auch vieles vergeben, und sie ist Mir nun lieber denn so mancher Gerechte, der nie gesündigt hat. Denn der Gerechten wegen bin Ich nicht in diese Welt gekommen, sondern nur der reuigen Sünder wegen, gleichwie auch ein Arzt nur zu denen geht, die seiner bedürfen, und nicht zu den Gesunden, die des Arztes nicht bedürfen«.
   20] Auf diese Meine Worte sagten die ein wenig ärgerlich gewordenen Pharisäer und Schriftgelehrten nichts mehr und stellten sich mit dieser Zurechtweisung zufrieden.
   21] Darauf aber bat Mich das Weib, daß Ich mit ihr Geduld haben möchte, und sie werde auf das eifrigste bemüht sein, noch alles gutzumachen, was durch sie je irgend Sündiges verübt worden sei.
   22] Ich aber sagte liebfreundlich zu ihr: »Du hast wenig mehr gutzumachen; aber andere hätten an dir gar vieles gutzumachen! Aber da sage Ich dir: a Vergib allen, die an dir und gegen dich gesündigt haben, so wie auch Ich dir vergeben habe, und Ich werde dann auch denen vergeben ihre Sünden gegen dich! Nun aber iß und trink, und stärke deine Glieder!« (a  Matthäus.06,14; = Markus.11,25 Lukas.06,37Lukas.11,04;  ⇒  jl.ev07.229,18*;  jl.ev08.193,12)
   23] Sagte die Maid: »O Herr! Du allein bist für mich das beste Brot und der allerkräftigste und süßeste Wein aus den Himmeln; Du allein bist die rechte und wahrste Lebensstärkung meiner Seele und meines Leibes; sei nur Du mir gleichfort gnädig und barmherzig, und verlasse mich arme Sünderin nicht!«
   24] Sagte Ich: »Meine liebe Tochter, diese Worte hat dir dein Fleisch nicht gegeben, sondern der Geist der Liebe im Herzen deiner Seele!
   25] Ja, Ich bin ein wahres Brot aus den Himmeln und also auch ein wahrer Wein; wer dies Brot essen und den Wein trinken wird, den wird es ewig nicht hungern und nicht dürsten. Ich bin sonach eine rechte Speise und ein rechter Trank; wer Mich genießen wird im Geiste und in der Wahrheit, der wird den Tod nicht sehen, noch fühlen und schmecken. Aber darum iß und trink nun auch leiblich dieses irdische Brot und den irdischen Wein!«
   26] Darauf nahm die Maid erst Brot und aß und trank dazu auch etwas Wein.


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