Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 193. Kapitel: Über den Ernst Jesu.

   01] Nun kam ein Fremder zu Mir und sagte: »Herr und Meister, kannst du jede Krankheit der Menschen also heilen, wie du nun die des jungen Ägypters geheilt hast, und von wem hast du diese wunderbare Art, die Krankheiten zu heilen, gelernt?«
   02] Sagte Ich: »Höre, du neugieriger Araber, Mir ist kein Ding unmöglich, und was Ich habe, das habe Ich von Meinem Vater im Himmel! Diesen Vater aber kennt niemand denn allein Ich, und Mich kennt auch niemand also ganz, wie Mich da kennt Mein Vater! - Mit dem begnüge dich, und frage Mich um nichts Weiteres, denn du und dein Stamm seid noch ferne vom Gottesreich! Denn euer Himmel sind eure Weiber und Sklavinnen; und die solchen Himmel für den Himmel preisen, die sind noch ferne von Mir und Meinem Vater!«
   03] Auf diese Worte schwieg der Araber und fragte Mich um nichts Weiteres.
   04] Als die anwesenden Essäer aber merkten, wie Ich den Araber so ganz kurz abgefertigt hatte, da dachten sie, ob Ich etwa nicht wohl gelaunt wäre, und ob Mich etwa jemand beleidigt habe.
   05] Ich aber sagte zu ihnen: »Wie möget ihr solches von Mir denken, da ihr Mich nun doch kennet? Ich bin nicht wie ein schwacher, mit allerlei Leidenschaften behafteter Mensch, sondern Ich bin in diese Welt gekommen, um allen Menschen zu helfen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln werden; und so bin Ich nun, wie Ich war, bevor noch diese Erde erschaffen war, und liebe auch die Menschen, die Mich noch nicht kennen und auch noch nie erkannt haben, und es soll zur rechten Zeit auch ihnen das Evangelium gepredigt werden. Wer sich danach kehren wird, der wird das ewige Leben überkommen; wer aber das Evangelium nicht annehmen wird, der wird verbleiben im alten Gerichte und im alten Tode.
   06] Sorget sonach in der Folge, daß auch die vielen Toten, die zu euch kommen und bei euch allerlei Hilfe suchen, Meine Lehre überkommen und im Geiste erwachen und lebendig werden mögen, und ihr werdet ihnen dadurch wahrhaft helfen! Ich will aber, daß alle Menschen selig werden sollen! Und so Ich das will und auch darum in diese Welt gekommen bin, um allen Menschen das Tor zum ewigen Leben zu öffnen, so bin Ich nicht heute so und morgen anders, sondern stets gleich wie der Vater im Himmel, der in Mir ist, lebt, schafft, richtet und erhält.
   07] Da Ich es aber mit allen Menschen vollernstlich wohlwill, ohne Beschränkung ihres freien Willens, so kann Ich mit ihnen auch nicht tändeln und scherzen, sondern nur ernst verkehren und ihnen treu und wahr zeigen durch Lehre und Tat die Wege, auf denen sie zum ewigen und wahren Leben ihrer Seelen gelangen können, so sie es wollen.
   08] Wenn Ich aber in solchen Absichten zu den Menschen in diese Welt gekommen bin, wie sollte Ich dann dabei, gleich einem Menschen, jemals übel gelaunt sein, und wer kann Mich beleidigen? Wer Mich erkannt hat und an Mich glaubt und nach Meiner Lehre tut, der wird Mich sicher nicht beleidigen; wer Mich aber nicht erkannt hat oder nicht erkennen will, so er Mich auch erkennen könnte, der kann Mich nicht beleidigen, er beleidigt nur sich selbst, da er seinem eigenen Leben zum Feinde wird.
   09] Ich aber suche ja nur die seelisch und leiblich Kranken, um ihnen zu helfen, und nicht die Gesunden, die keiner Hilfe bedürfen. Welch einer Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit würde man den Arzt zeihen, der die Kranken darum haßte, verfolgte und züchtigte, weil sie eben Kranke sind?! Darum besinnet euch eines Besseren über Mich, und denket, daß Der, welcher nun also zu euch redet, ein wahrer und gerechter Arzt ist für Seele und Geist und im Notfalle auch für den Leib.«
   10] Als die Essäer das von Mir vernommen hatten, baten sie Mich um Vergebung darum, daß sie so gemein menschlich von Mir gedacht hatten.
   11] Und die Fremden sagten unter sich: »Das ist doch ein sonderbarer Wunderarzt! Der redet nicht wie irgend ein Mensch, sondern wie ein Gott! Den muß man wohl hören und sich nach seinen Worten richten!«
   12] Ich aber sagte zu den Essäern: »Warum bittet ihr Mich denn nun um Vergebung, so Ich es euch zuvor doch klar genug gezeigt habe, wie und warum Mich kein Mensch jemals beleidigen kann? Ich sage es euch: a Vergebet euch selbst eure Sünden und Dummheiten gegenseitig, erwecket eure Liebe zu Gott und zum Nächsten, so werden euch auch von Mir aus eure Sünden vergeben sein! (a mt.06,14; =mk.11,25; =lk.06,37; lk.11,04; jl.ev07.229,18*; jl.ev08.080,22)
   13] So aber jemand ein Narr, ein Blinder und ein Stummer ist, wird ihm das zu etwas nütze sein, so Ich zu ihm sagte: Ich vergebe dir deine Narrheit, dir deine Blindheit und dir deine Stummheit? Nein, das wird keinem zu etwas nütze sein; denn es wird dabei dennoch der Narr ein Narr, der Blinde ein Blinder und der Stumme ein Stummer verbleiben. So Ich aber den Narren von seinem Übel und den Blinden und den Stummen von ihrem Übel heile durch Wort, Rat und Tat, so wird allen dadurch wahrhaft geholfen sein.
   14] Wer demnach eine Torheit begeht, der erkenne die Torheit, lege sie ab und begehe sie nicht mehr, und sie wird ihm vergeben sein auch im Himmel; aber solange er das nicht tut und dennoch von Zeit zu Zeit Gott um die Vergebung seiner Sünden bittet, so werden sie ihm nicht vergeben werden eher, als bis er durch die volle Ablegung seiner alten Torheiten sich selbst seine Sünden vergeben hat. Ein jeder kehre daher zuerst vor seiner Tür, dann kann er auch zu seinem Nächsten gehen und zu ihm sagen: "Siehe, ich habe nun den Unflat von mir entfernt und bin mit mir in der Ordnung; lasse denn auch, daß ich selbst nun deine Hausflur reinige dadurch, daß ich alles dir zugefügte Unrecht auf die Weise gutmache, wie du es wünschest!" Ja, wenn die beiden Nachbarn also ihre Sache gutmachen und freundschaftlich schlichten, dann wird sie auch im Himmel gutgemacht und geschlichtet sein! Wenn aber nicht also, dann nützet den Himmel um die Vergebung seiner Sünden bitten nichts!«


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