Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 258

Die Sprache der Tiere.

01] Sagt der Schwarze mit ganz aufgeheitertem Gesichte: »Ja, ja, ja, - nun sehe ich auch das völlig ein und glaube, daneben nun noch so manches einzusehen, was ich früher auch nie so recht klar eingesehen habe! So verstehen wir offenbar die Sprache der Tiere ganz und gar, und wer sich die Mühe geben will, die wenigen Laute der Tiere nach der Art der inneren Empfindung und der naturseelischen Intelligenz zu modulieren wozu freilich eine kleine Übung erforderlich ist -, der kann mit den Tieren wie mit den Menschen ganz förmlich reden und von ihnen so manches erfahren, was in vollem Ernste oft von keiner geringen Bedeutung ist. Ich habe selbst mich versucht, habe es aber dennoch nie zu einer allen Tieren verständlichen Sprache bringen können, weil meine Organe nicht danach eingerichtet waren und auch jetzt nicht eingerichtet sind; aber verstehen kann ich alles, was irgendein Tier mit seinesgleichen abmacht.
02] So habe ich einmal daheim zwei Ichneumone ganz deutlich am Nil in meiner von ihnen unbemerkten Nähe folgendes miteinander abmachen hören: Das wohlkennbare Männchen sagte zum Weibchen: "Du, mir wird bange um unsere Kinder, die eine Tagereise von hier am Unterstrome Jagd nach des Mokel (Krokodil) Eiern machen! Ich fürchte, daß unser ältester Sohn, wenn er am Ufer träge und voll angefressen ruhen wird, von einem bösen Aar gepackt, in die Luft getragen und darauf auf einem Felsen jämmerlich zerfleischt und bis auf die Beine aufgezehrt wird! Wenn wir beide sehr behende eilen, so könnten wir diesem Unglücke noch vorbeugen! Gegen Abend kommen die Löwen und Panther zum Nil zur Tränke, da wäre die Reise für uns gefährlich; verlassen wir aber nun schnell diesen Platz, an dem ohnehin nicht viel zu gewinnen ist, so haben wir keine Gefahr auf der weiten Reise dahin zu bestehen, und wir retten unsern ältesten Sohn!" Da richtete sich das Weiblein auf und sagte nichts als: "So eilen wir denn in der uns gewohnten Hast!" Und als das Weibchen das aussprach, da ging es gleich pfeilschnell über Stock und Stein dem Nil entlang.
03] Nach etwa vierzehn Tagen kam ich wieder an jene Stelle, weil ich in mir wahrnahm, daß sich dort nun eine ganze Ichneumonfamilie aufhalte. Ich eilte leisen Trittes hinzu und fand sieben Ichneumone auf einer Sandbank sich herumtummeln und miteinander schäkern und sich gegenseitig freundlich necken. Diesmal aber nahm ich auch meinen Diener mit, weil er ganz besonders gut mit vielen Tierarten zu reden verstand.
04] Als wir beide uns ganz ruhig und still hinter einem Busche der Stelle am Strome nahten und ihr Geschwätze ganz gut vernehmen konnten, da sagte das mir recht wohl bekannte Weibchen zu ihrem Männchen: "Du, sieh dich um nach jenem Busche; hinter ihm lauern zwei Menschen! Fliehen wir; denn diesen ist nie und nimmer zu trauen!< Darauf schnupperte das Männchen etliche Male gegen uns beide herüber und sagte darauf zum Weibchen: >Sei ruhig, Weiblein! Diese beiden kenne ich; das sind keine bösen Menschen, und sie werden uns schon am wenigsten irgendein Leid zufügen. Sie verstehen uns, und einer könnte sogar reden mit uns, so er wollte. Wir werden uns mit ihnen noch recht gut unterhalten, und sie werden uns dann Milch und Brot zu essen geben!"
05] Auf das ward das Weibchen ruhig und fing an, freudenvoll wieder herumzuhüpfen und -zutanzen; denn es hatte eine große Freude daran, seinen in großer Gefahr schwebenden Sohn gerettet zu haben. Der Sohn aber war auch ein ganz besonders wohlgestaltetes Tier und verriet eine Art von Selbstgefühl, was man in unserer menschlich moralischen Sphäre Stolz nennen könnte.
06] Mein Führer meinte, daß wir uns nun dieser muntern Gesellschaft der Ichneumone ohne Bedenken ganz ruhig nähern könnten und sie würden nicht fliehen vor uns. Wir taten das, und siehe, das alte Männchen erwies uns sogar eine Art Höflichkeit und wies uns einen ganz bequemen Platz zum Zuschauen an, sagte aber, die Sandbank möchten wir nicht betreten, weil in ihr viele Mokeleier verscharrt wären und er nun beschäftigt sei, seine Jungen im Aufsuchen dieser bösen Eier zu üben.
07] Wir taten das, und mein Diener gab dem Männchen die volle Versicherung, daß er und seine Gesellschaft nicht nur nichts zu befürchten hätten, sondern daß wir sie die ganze Zeit ihres dasigen Aufenthaltes reichlich mit Milch und Milchbrot (Käse) versehen würden. Da sagte das Männlein: 2Das wird sehr gut sein, und ich werde dir darum den Strom von allen Mokeleiern reinigen. Aber warte mit deiner Wohltat noch zwei volle Tage; denn meine Jungen müssen zuvor durch Hunger genötigt werden, Mokeleier zu vertilgen, dann erst wird am dritten Tage der süßschmeckende Lohn am rechten Platze sein!"
08] Darauf fragte der Diener das Männchen abermals, wie denn in diese Gegend Mokeleier verpflanzt würden, da man in diesem Stromgebiete doch noch nie eine Mokel gesehen habe. Da sagte das Männchen: "Die Mokel sind ganz gescheit und sehr naturkundig. Sie wissen es aus ihrer Natur und Erfahrung, daß ihre Eier in diesen Hochgebieten des Stromes besser und gesünder gedeihen als in des Stromes Niedergebieten. Daher schleichen sie gleich nach der Regenzeit in den Nächten schwimmend hierher und noch etliche Tagereisen weiter von hier aufwärts bis in das Gebiet der harten Wasser des Stromes und verscharren da eine Unzahl Eier in den warmen Sand. Sind sie mit dieser Arbeit gerade in der Zeit fertig, in welcher ihr großen Menschen euch vor Schlamm den Ufern des Stromes samt uns nicht leichtlich nahen könnet, so begeben sie sich eben wieder zur Nachtzeit schwimmend nach den Unterlanden, wo es reiche Herden gibt, auf die sie zur Nachtzeit eine stets sehr erfolgreiche Jagd machen können. Wenn aber die Jungen hier ausgebrütet werden, so steigen sie auch sogleich dem Wasser zu und schwimmen ganz bequem dorthin, wo ihre Alten sich gewöhnlich aufhalten. Dort finden sie auch gleich Nahrung und gedeihen sehr schnell. Da wir aber wohl wissen, wo sich ihre kräftigsten Eier befinden, so ziehen wir denselben nach, suchen sie nach Möglichkeit zu vernichten und nähren uns von dieser unseren Gaumen sehr wohlschmeckenden Kost. Nur mit dem Auffinden geht es im Anfange etwas schlecht, und dazu belästigen uns oft noch ein paar Feinde; der eine ist ein mächtiger Bewohner der Luft, der Aar, und der zweite ist die verwünschte Klapperschlange. Aber wenn wir unser mehrere beisammen sind, da mögen uns beide nichts anhaben. - Nun aber gebet acht, wie wir die Eier suchen, finden und sogleich auch vernichten werden!"
09] Hierauf sprang das Männchen von uns und quitscherte fürs menschliche Ohr einige eintönige, unartikulierte Laute, deren Sinn ich nicht sehr genau verstand; aber mein feinhöriger Diener sagte, daß das Männchen nun den Befehl zum Aufsuchen der Eier gegeben habe. Und richtig, die Tierchen fingen an, in den Sand hineinzuschnippern, und sowie sie eine Stelle fanden, an der sich im Sande eine Lage Eier befand, gaben sie einen ganz eigenen Laut von sich, gruben sich höchst schnell in den Sand hinein und stellten die Eier frei, worauf es dann gleich ans Vertilgen der vorgefundenen Beute ging. Sie verzehrten aber nur die kleineren; die großen zerbissen sie wohl, warfen sie dann aber höchst behende mit den Vorderpfoten ins Wasser. Darauf aber ging die Jagd gleich wieder von neuem an.


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