Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 257

Die Allwissenheit Gottes.

01] Sagen Mathael und mehrere andere: »O Herr, nun wohl, nun sind wir vollends im klaren und wüßten kaum noch, um was Weiteres wir Dich noch fragen könnten oder sollten! Herr, frage Du nun uns um Verschiedenes; denn Du wirst es am besten wissen, wo es uns noch irgend abgeht!«
02] Sage Ich: »Das ist wohl etwas Ungeschicktes, so Ich euch eigentlich fragete um irgend etwas also, als müßte Ich solches erst von euch erfahren, da Ich doch alles weiß und sehe, was da vorgeht in euch! Ja, sogar eure geheimsten Gedanken, um die ihr kaum wisset, sind Mir, wie euch die Sonne am Himmel, klarst ersichtlich, und Ich sollte euch da noch um etwas fragen, als wüßte Ich's zuvor nicht?! Wäre das nicht ungeschickt oder zum wenigsten eine unnütze, zeitvergeuderische Mund- und Zungenwetzerei?!«
03] Sagt hier der danebenstehende Schwarze: »Herr, das kommt mir nicht folgerichtig vor; denn meines Wissens hast Du nun vor einer kurzen Zeit doch Selbst Deine weißen Jünger gefragt, ob sie dies oder jenes wohl verstanden haben! Das ist ja doch auch eine Frage, mittels welcher man von jemandem etwas erfahren will, von dem man früher noch nicht die rechte Aufhellung erhalten hatte! Warum fragtest Du da die Jünger? Wüßtest Du denn nicht, ob sie Deine großen und weisesten Enthüllungen wohl verstanden oder auch nicht verstanden haben?«
04] Sage Ich: »O du Mein schätzbarer schwarzer Freund! In bezug auf das Fragen erkundigt man sich lange nicht allzeit nur um das, was man zuvor etwa selbst nicht weiß, sondern man fragt gar oft, und das aus gutem Grunde, prüfend, um durch die Frage seinen Nebenmenschen zum Nachdenken zu bewegen.
05] So fragt ein Lehrer seine Schüler um Dinge aus, die er auch ohne die Antwort der kleinen Jünger zuvor gar gut weiß und wissen muß. Und der Richter fragt den Sünder am Gesetze, was er verschuldet habe, nicht etwa, um nun erst zu erfahren, was dieser wider das Gesetz getan hat - darum weiß der Richter schon lange! -, sondern er will von dem Inquisiten nur das Eigengeständnis und züchtigt den verschmitzten Sünder, wenn er beharrlich alles das ableugnet, von dem der Richter durch die gleichen Aussagen mehrerer Zeugen schon lange in die hellste Überzeugung gelangt ist!
06] Und so kann auch wohl Ich, als ein rechtester Lehrer und als ein allergerechtester Richter, an euch Menschen allzeit Fragen stellen, nicht etwa, um von euch etwas zu erfahren, das Ich zuvor etwa nicht gewußt hätte, sondern um euch dadurch zum Nachdenken und Sichselbstprüfen zu nötigen! Also in der Art kann Ich wohl jedermann fragen; aber so Ich jemanden von euch also fragen würde, als wollte Ich Mich überzeugen, ob dieser oder jener von den Jüngern Meine Lehre wohl verstanden hätte oder nicht, so wäre das von Mir aus ein eitles und ungeschicktes Fragen, da Ich das auch ohne alle Fragen als Gott ohnehin schon seit Ewigkeiten her habe wissen können, wer und wie er Mich in dieser Zeit auf dieser Erde wohl verstehen wird! Bist du nun darüber auch im hellen!«
07] Sagt der Schwarze: »Ja Herr, und ich bitte Dich um Vergebung darum, daß ich nun Dich, o Herr, mit meiner höchst ungeschickten Frage belästigt habe! In der Folge werde ich so etwas sicher nicht mehr tun, wenn es mir vergönnt sein sollte, mich mit den Meinigen noch länger in Deiner heiligen Nähe aufhalten zu dürfen!«
08] Sage Ich: »Solange du willst, kannst du dich bei Mir aufhalten und auch fragen! Wenn du noch irgend etwas hast, was dir nicht helle genug ist, da hast du, so wie jeder andere, das freie und volle Recht zu fragen! Denn nun gebe Ich Mich ganz offen an diesem Orte; späterhin wird eine Zeit kommen, in der Ich auf eine Zeitlang von niemandem eine Frage anhören werde. Es ist in dir noch etwas Lückenhaftes; erforsche dich und frage, und es soll dir auch darin Licht werden!«
09] Sagt der Schwarze: »O Herr, da bedarf es nicht, daß ich mich lange erforschete; denn meine Lücken kenne ich schon seit langem! Und siehe, es ist das eine Hauptlücke, daß ich mir Gottes Allwissenheit am allerwenigsten erklären kann! Wie kannst Du denn gar so um alles in der ganzen Unendlichkeit wissen?«
10] Sage Ich: »Ja, wenn du das nun noch nicht verstehst, so hast du ehedem eben Meine Enthüllungen vom Außenlebensäther des Geistes nicht tief genug aufgefaßt! Das wirst du doch begriffen haben, wie der ewige Schöpfungsraum ewig und unendlich ist, und wie er mit nichts anderem erfüllt ist als nach allen Seiten ewig fort und fort mit Meinem Geiste, welcher da ist pur Liebe, also Leben, Licht, Weisheit, klarstes Selbstbewußtsein, ein bestimmtestes Fühlen, Gewahrwerden, Schauen, Hören, Denken, Wollen und Wirken.
11] In Mir ist zwar dieses ganz einen und ewig gleichen Geistes Brennpunkt, der aber eins ist mit seinem unendlich großen und alle Unendlichkeit erfüllenden Außenlebensäther, der bei Mir mit dem Hauptlebensbrennpunkte stets mit allem, was er faßt, in der innigsten Verbindung steht. Dieser Mein Außenlebensäther aber durchdringt alles und umfaßt alles in der ganzen, ewigen Unendlichkeit und sieht, hört, fühlt, denkt, will und wirkt überall auf eine und ganz dieselbe Weise.
12] Auf eine gewisse Ferne vermag das ja deine Seele auch, und es würde jemandem schwer sein, in deiner Nähe einen bösen Gedanken zu fassen, ohne daß du solchen sogleich erkennetest. Wie du solches aber vermagst mittels der kräftigen Außenlebenssphäre deiner Seele, die mit ihr stets im innigsten Verbande steht und somit dein klares Ich weit über dich hinaus ausbreitet, also ist es auch bei Meinem Geistesaußenlebensäther der Fall, nur mit dem Unterschiede, daß deiner Seele Außenlebenssphäre nur auf einen gewissen Raum beschränkt ist, weil sie als Substanz, wegen der Verschiedenheit der ihr begegnenden fremden Elemente, sich nicht weiter ausbreiten kann.
13] Des Geistes Außenlebensäther aber kann ewig auf keine fremden Elemente stoßen, weil im Grunde alles er selbst ist; und so kann er auch allerfreiest und ungehindertst endlos über alles alles sehen, fühlen, alles hören und bestens verstehen. Und siehe, darauf basiert denn ganz klar und leicht faßlich die dir so schwer begreifliche Allwissenheit Gottes! Sage, bist du nun darüber im klaren?«


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