Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 242

Scheinbare Ungerechtigkeiten der Seelenführung im Diesseits und Jenseits.

01] (Mathael:) »Nun, auf dieser Welt tut es sich für manchen noch so ziemlich! Er macht sich irgendein Paradieslein, so gut er's nur kann und mag. Freilich müssen andere zu Tausenden dafür mehr leiden, und das darum, weil sie sicher nicht so gut verstanden haben, sich ein Paradieslein zu schaffen, wie der eine Pfiffige! Diese werden darum vor Neid und Zorn in ihrer Seele zerstört und jener Paradiesleinbesitzer vor lauter Wollust und Üppigkeit! Die ersten sind verdammt vor lauter Not und Elend - und der Reiche wegen seines Wohllebens!
02] Lassen wir aber die diesseitigen Verhältnisse, denn sie seien die Frucht der nun gründlichst bekannten Seelenverdorbenheit, und wenden uns zu den allerschaudererregendsten Folgen im einstigen großen Jenseits! Die Haare sträuben sich, nur daran ernstlich zu denken, in welch einen überscheußlich erbärmlichsten Zustand solch eine so oder so verdorbene Seele gerät! Welcher Fluch kann zu solch einer Darstellung einem menschlichen Munde die gehörig gefärbten Worte leihen?! Nur die größten Qualen des Zornfeuers in der Seele selbst können sie auf dem Wege einer namenlos bösen Witzigung in einen etwas erträglicheren Zustand bringen, wozu allzeit gleich so ein bißchen was von einer Ewigkeit, der Zeitendauer nach, erfordert wird! Wie gar viele Seelen werden sonach von jetzt an in Myriaden von Erdjahren gerade so erst recht ins tiefste und schauderhafteste Elend gelangen, um erst wieder nach abermaligen Myriaden von Erdjahren sich gerade etwa um ein Haar freier und somit erträglicher zu befinden!
03] Herr, ich stelle das genau nach Deinen Worten auf und setze nichts hinzu, nehme aber auch nichts hinweg! Wenn ich nun einerseits Deine Allmacht, Güte und Liebe betrachte und anderseits die gewisse prinzipiell unverschuldete Verdorbenheit einer jeden elenden Seele und die nahe ewig dauernden Folgen der haarsträubendsten Art und am Ende aller der unbeschreiblichsten Qualen einen Seligkeitshimmel, der kaum um ein Haar besser als ein ganz wohlbestellter Sklavenstand auf dieser lieben Mutter Erde aussieht, da muß ich trotz aller der Gnaden, die Du, o Herr, mir erteilet hast, Dir offen bekennen, daß ich das mit meiner Vernunft höchst sonderbar finde und als Mensch, begabt mit einem fühlenden Gemüte, eine Ungerechtigkeit darin entdecke, gegen welche alle die von den Menschen begangenen größten und himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten eine barste Null sind. Und ich bedanke mich ganz gehorsamst für ein solches Dasein, möge es am Ende hinauslaufen, wohin es wolle!
04] Es ist schon ganz richtig von Dir, o Herr, gezeigt, wie ein jeder Mensch, um vor Deiner nackten Gottheit bestehen zu können, sich selbst wesenhaft gestalten muß, und wie Du ihm dazu nur die Gelegenheit und sonst nichts bieten kannst. Kurz, das alles sehen wir nun ganz gut ein, und es bedarf dafür kein erklärend Wort mehr. Aber daß Menschenseelen, die schon seit mehr denn tausend Jahren auf die gleiche Weise eingefleischt und sodann auf dieselbe Weise erzogen werden, wie sie leider nun besteht, im Jenseits darob nahezu ewig leiden sollen, um nur um ein Haar besser zu werden, das kommt mir in jedem Falle sehr hart vor! Du lehrtest uns selbst, mild, sanft und nachsichtig mit kranken Seelen zu verfahren! Ist aber eine kranke Seele hier auf dieser Welt nicht genesen, sondern tritt als noch durch und durch krank ins große Jenseits hinüber, - so ihr da kein Funke irgendeiner Liebe und Milde mehr erwiesen und erzeiget werden kann oder darf, da meine ich denn doch, daß auch hier Gnade und Liebe an die Stelle der zu strengen Ordnung und Gerechtigkeit treten könnten!
05] Ich will es ja recht gerne zugeben, daß ein vollendetes Leben der Seele, mit dem Geiste aus Gott vereint, aller Güter höchstes ist; aber die Erfahrung lehrt daneben doch auch wieder, daß ein Gut dadurch viel an seinem Werte verliert, so man es irgend zu lange und mit großen Beschwerlichkeiten suchen muß.
06] Jemand wollte sich ein Weib nehmen. Er kennt schon die Erwählte seines Herzens. Als er aber um deren Hand bittet, so werden ihm da Bedingungen gemacht, die er alle erst in tausend Jahren vollkommen lösen könnte, und die damit verbundenen Beschwerden sind von nahezu unbesiegbarer Art! Ja, ist es denn da ein etwa gar zu großes Wunder, wenn so ein Mensch am Ende gar kein Begehren nach dem Besitze des gewählten vornehmen Weibes mehr in seinem Herzen trägt und sich schon lange mit einer Maid ganz geringen Herkommens verheiratet hat, zu deren Gewinnung ihm ganz erträgliche und leicht zu erfüllende Bedingungen gestellt wurden?
07] Darin, o Herr, also besteht mein hoffentlich ganz wohl begründeter Anstand und vielleicht eine Schwäche meines Herzens! Ich fragte Dich darum, weil Du uns alle Selbst aufgefordert hast, über etwas noch Unverstandenes zu fragen! So es Dir genehm wäre, könntest Du mich darin wohl mit Deiner Gnade erleuchten?«
07], o Herr, also besteht mein hoffentlich ganz wohl begründeter Anstand und vielleicht eine Schwäche meines Herzens! Ich fragte Dich darum, weil Du uns alle Selbst aufgefordert hast, über etwas noch Unverstandenes zu fragen! So es Dir genehm wäre, könntest Du mich darin wohl mit Deiner Gnade erleuchten?«


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