Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 241

Die Frage nach dem Ursprung der Sünde.

01] Zugleich aber tritt auch der Oubratouvishar zu Mir und sagt: »Herr, Herr, wußten denn die weißen Brüder das ehedem nicht, was Du ihnen nun so weise erklärt hast? Bei uns, Dir alles Lob darum, wissen das sogar unsere Kinder; denn sie können sich alle inwendig beschauen und haben allzeit eine große Freude, wenn sie uns von ihren schönen Gärten, die sie in sich von Zeit zu Zeit beschauen, etwas erzählen können. Was haben denn diese weißen Brüder getan, daß sie solcher allerwichtigsten Anschauungen unfähig geworden sind? Wenn sie solcher allerwichtigsten Fähigkeiten bar sind, da sind sie ja eigentlich keine ordentlichen Menschen, sondern große Affen, wie sie bei uns vorkommen, nur um die Sprachfähigkeit vollkommener!
02] Wir alle haben große Augen gemacht, als Du da bei diesen Gehirnen mit Erklärungen zum Vorscheine kamst, die uns doch nahezu noch bekannter sind als unsere Wohnhütten daheim. Wir sind freilich im ganzen organischen Baue unseres Leibes nicht bewandert, aber unser Gehirn kennen wir von Punkt zu Punkte. Es sind bei uns wohl noch sehr viele Täfelchen leer, da wir nichts haben, sie alle vollzuzeichnen; aber die da angezeichnet sind, die stehen gerade also da, wie Du sie nun beim rechten Gehirne als ganz in Deiner Ordnung gezeigt und überhinreichend klar erklärt hast. Aber wissen möchte ich wahrlich, wie denn diese Menschen das in sich gar nicht wahrnehmen mögen, was uns Schwarzhäuten doch für immer klarst ersichtlich ist! Was haben sie denn so ganz eigentlich angestellt? Wer hat da zu solch einem Verderben den Grund gelegt? Einer muß da einmal einen schlechten Grund gelegt haben; aber wer, warum und bei welcher Gelegenheit?«
03] Sage Ich: »Wer da der eigentliche Urheber ist, danach forsche du nicht! Denn so manches liegt verborgen im Rate Gottes, was die Menschen auf dieser Erde nicht völlig auf den Grund zu wissen vonnöten haben! Wenn der Mensch nur weiß und erkennt, was zu tun ihm vor allem notwendig ist in Meiner Ordnung! Tut er das, wozu er die anweisenden Gesetze hat, gegeben aus den Himmeln, so wird bei ihm alles in der besten Ordnung sein; alles andere aber wird ein jeder Mensch, der Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst liebt und dadurch im Geiste wiedergeboren wird, vollkommen erfahren.
04] Es handelt sich nun bloß darum, ob alle die weißen Brüder das alles wohl verstanden haben, und daß der Mensch, so er in sich verspürt eine Leere, fragt, was ihm noch fremd ist, und es soll ihm dann solches so hell als möglich berichtet werden. Das ist nun vor allem nötig! Das aber, um was du gefragt hast, wird jedem noch früh genug bekannt werden, wenn er zur Wiedergeburt seines Geistes gelangen wird.«
05] Der Oubratouvishar ist damit ganz zufrieden und bespricht sich darauf in seiner Landeszunge mit den Seinen.
06] Es tritt aber nun auch einmal wieder Mathael hervor und sagt: »Herr, Du unser Leben, Du unsere Liebe, da Du das Fragen erlaubt hast, so bitte ich im Namen meines Schwiegervaters, meines lieben Weibes und im Namen meiner vier Gefährten, daß Du über einen kleinen dunklen Punkt in dieser Sache uns ein rechtes Licht verschaffen möchtest! Es ist das gewisserart eine Rechtsfrage, und ich glaube, daß diese Dir gegenüber ein jeder Mensch, so er zum Gebrauche seiner Vernunft gekommen ist, ganz bescheiden aufzustellen berechtigt ist. Ist ja doch der Mensch ursprünglich nicht sein, sondern nur Dein Werk, was mir alle Himmel ewig nie in Abrede stellen können!
07] Und so scheint mir denn besonders in der jenseitigen Führung der Geister oder eigentlich Seelen von sehr verdorbener Art bei Deinen Liebe- und Allmachtsmitteln der Weg doch ein wenig zu langwierig und zu hart zu sein! Es ist zwar wahr, daß Du uns auch in dieser Hinsicht schon gar vieles zur klarsten Rechtfertigung Deiner einmal von Ewigkeit her gefaßten und fest gestellten göttlichen Ordnung gesagt, gezeigt und erklärt hast; aber über alles das drängt sich mir denn doch noch diese wahre Rechtsfrage auf:
08] Kann der Apfel darum, so ihn ein Sturm vom Aste gerissen hat, oder kann ein zersplitterter Baum darum, daß er einem verderblichen Blitze zur Zielscheibe dienen mußte, oder kann das ruhige Meer darum, wenn es durch die Wut eines Orkans zu berghohen Wogen aufgestaucht wird?! Was kann die Klapperschlange darum, daß ihr Biß tötend ist?! Und die Tollkirsche hat sich nicht selbst das Gift gegeben! Es treibt überall ein Keil den andern, und es kann am Ende keiner darum, daß er getrieben wird!
09] Von einer hohen Felswand stürzte ein locker gewordenes großes und schweres Stück herab und machte zufällig bei einer zuunterst der Wand entlang weidenden Herde eine große Verheerung. Welcher Schuldige wird da den Schaden ersetzen? Wenn ich über einen Stein auf dem Wege in der Nacht gestolpert und endlich auch gefallen bin, wer ist da schuld daran gewesen, - die Nacht, der Stein, oder mein augenloser Fuß? Kurz und gut, es gibt da eine Menge der kitzlichsten Kreuz- und Querfragen, in denen allen eine wahre gegenseitige Verletzung des individuellen Urnaturrechtes mit Händen zu greifen ersichtlich wird! Von wem stammt sie prinzipiell?
10] Ein Gleiches entdeckte ich nun beim Menschen. Diese Schwarzen sind noch im vollen Besitze der urmenschlichen Eigenschaften, - wir Weißen haben davon keine Ahnung bis auf diesen Tag gehabt! Ja, warum denn nicht? Es heißt: wegen unserer seelischen Verdorbenheit, und die Seele wieder mußte verdorben werden, weil des Menschen Gehirn schon im Mutterleibe verdorben wurde und späterhin noch mehr durch eine ganz verkehrte Erziehung! Und ich muß da offen der vom Oubratouvishar gestellten Frage beipflichten und sage denn auch: Ja, ja, die Menschheit ist schlecht und verdorben im Grunde und Boden; wer aber hat sie ursprünglich verdorben, und wer hat sie verderben lassen? Infolge solcher Verdorbenheit können die Menschen nur etwas ganz Verkehrtes wollen und können darum nie besser, sondern nur stets schlechter und elender werden!«


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