Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 236

Der Charakter des Weltweisen und sein jenseitiges Unglück.

01] (Der Herr:) »So schlecht aber derartige Menschen auch notwendig sind, so ist aus ihnen dennoch eher ein vollkommener Mensch zu machen als aus einem echten Weltweisen. Die Weltweisen haben zwar in mancher Hinsicht das heißt auf einen Punkt hingezielt, meistens auf den selbstsüchtigen - einen recht scharfen Verstand, und das auf Grund dessen, weil die Pyramidalgehirntäfelchen sich zum wenigsten in der Mitte des Gehirns bei jedem Menschen teil- und zeilenweise erhalten, und das macht, daß viele Weltweise in einem gegenseitigen Rathalten mitunter, aber nur für rein irdische Zwecke, irgend etwas Besonderes herausbringen; aber alles Innere, Tiefere - Geistige bleibt ihnen dennoch fremd. Denn zwischen den Vorteilen der Welt und jenen ewig dauernden des Geistes und der Seele bleibt eine unübersteigbare Kluft, über die ewig nimmer auch der schärfste Weltverstand je eine Brücke finden wird.
02] Und seht, das liegt alles in der Grundverdorbenheit des menschlichen Gehirnbaues schon im Mutterleibe und darauf in der nahe noch schlechteren Erziehung des Herzens und des Gemüts; denn würde wenigstens nach der Geburt eine rechte Erziehung des Herzens und des Gemütes erfolgen, so würde durch diese das im Mutterleibe verdorbene Gehirn zum größten Teile wieder zurechtgebracht werden, und die Menschen könnten in der Folge zu so mancher Helle und Lebenskraft gelangen, und durch eine fortgesetzte rechte Demut und wahre Herzensgüte würde sich, freilich nach Jahren, das Verlorene wieder ganz finden oder ersetzen lassen.
03] Denn wer da sät auf ein gutes Erdreich, bei dem kann die Ernte nicht unterm Wege bleiben; aber so in das ohnehin ganz magere und schlechte Erdreich weder ein Dünger und noch weniger je ein Same der vollen Wahrheit des Lebens gestreuet wird, wie und von woher soll da eine Frucht oder gar eine reichliche Lebensernte zu erwarten sein?
04] Ja, die Weltmenschen verstehen es wohl recht, den materiellen Boden der Erde gleich den Schweinen und Schermäusen zu durchwühlen und mit allerlei Früchten zu bebauen. Sie machen bedeutende Ernten, füllen ihre Scheuern und Getreidekästen bis obenan und werden darauf voll Stolzes und Hochmutes und darum desto härter und gefühlloser gegen die arme Menschheit, welcher die zu große Habgier der Weltreichen und darum Mächtigen keine Spanne breit Erdreichs zum sich selbst erhaltenden Eigentume zukommen ließ.
05] Also das verstehen die Weltmenschen ganz vortrefflich; aber das Erdreich des Geistes, des ewigen Lebens, lassen sie gleichfort brachliegen und kümmern sich wenig darum. Ob darauf Dornen oder Disteln wuchern, das kümmert sie wenig oder nichts, und es wird darum begreiflich, wie und warum die Menschen dieser Erde anstatt besser stets schlechter und elender werden. Wenn sie sich nur prachtvolle Paläste erbauen können, liegen auf weichen Betten, und sie haben, um ihren Bauch mit den besten Leckerbissen zu stopfen und ihre Haut zu bekleiden mit weichen, königlichen Kleidern, dann haben sie genug und sind zufrieden; denn sie haben ja das, was ihr selbstsüchtigstes Fleischleben nur immer verlangen kann durch die kurze Zeit ihres irdischen Lebens.
06] Wenn aber dann kommt der stark hinkende Bote, die böse Krankheit und ihr folgend, der Tod, dann geht ihre verkümmerte Seele von einer großen Angst in eine stets noch größere, endlich in die volle Verzweiflung, Ohnmacht und endlich gar in den Tod über, und lachende Erben teilen sich dann in die hinterlassenen großen Schätze und Überflüsse des verstorbenen Weltnarren. Und was hat dieser dann jenseits? Nichts als in jeder Hinsicht die größte Armut, die größte Not und das größte, für diese Welt unbeschreibbare Elend, und nicht etwa nur so auf eine kurze Zeit, sondern auf für eure Begriffe undenkbar lange Zeiten, die ihr ganz sicher mit dem Begriffe 'ewig' bezeichnen könnet, was aber auch ganz natürlich ist; denn woher soll eine Seele, die nie für etwas anderes gesorgt und gearbeitet hat als nur für ihren Leib, die Mittel nehmen, um sich zu vollenden in einer Welt, die in nichts anderem bestehen kann und darf als nur in dem, was eine Seele in sich hat und dann durch ihren geistigen Außenlebenslichtäther in eine sie umgebende Wohnwelt umgestaltet.
07] In solch einer Welt sollte ihre neue, liebtätigste Wirtschaft in ihrem höchst eigenen Geisterreiche beginnen. Wie soll aber das möglich sein, wenn ihr Gemüt, respektive Herz, verhärtet und unempfindsam ist, stets tiefer in einen sich selbst bedauernden Ärger versinkt, Zorn und Rache brütet, und wenn in ihr der Geist wie völlig tot, taub, stumm und blind ist und somit der Seele Gehirntäfelchen nimmer beschauen und in den hellen Augenschein nehmen kann?
08] Und würde ein solcher himmlischer Geist, so es möglich wäre, sich in der total verkümmerten Seele auch aufrichten, um zu beschauen und zu befühlen, was alles im Gehirne der Seele für Dinge vorhanden sind, um ihr daraus ein neues Wohn- und Wirkungsreich schaffen zu helfen, so würde er im Gehirne der Seele dennoch nichts finden, woraus er selbst, ihr helfend, das zu bewerkstelligen vermöchte. Denn von all dem Materiellen, was die Seele in dieser Welt in ihr total verdorbenes Fleischgehirn aufgenommen hatte, konnte unmöglich etwas in ihr eigenes geistiges Gehirn gelangen, weil ihr für solch eine Übertragung das Hauptlebensmittel, das Licht aus der Lebensliebesflamme zu Gott und daraus zum Nächsten, gänzlich fehlte!«


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