Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 235

Das unverdorbene und das verdorbene Gehirn.

01] Fragt Cyrenius etwas verblüfft: »Herr, ist denn dies nur von Dir allmächtiger- und somit wunderbarerweise hierhergeschaffene Gehirn auch schon in einem Mutterleibe seiend verdorben worden durch die sinnlichwollüstigen Nachbeischläfe?«
02] Sage Ich: »Aber Freund, welch eine Frage von dir! Sagte Ich denn nicht ehedem, daß dieses alles nur also dargestellt wird, wie es in der Wirklichkeit vorkommt? Wem könnte es denn je beifallen, daß dieses hier nur der Belehrung wegen künstlich dargestellte Gehirn je im Ernste in einem Mutterleibe wäre verdorben worden?! Es sieht nur genau also aus, und darum sagte Ich: Dies Gehirn kam schon also zerrüttet, wie es sich zeigt, aus dem Mutterleibe! Das ist nur eine etwas bestimmtere Diktion des leichteren Verständnisses wegen und darum an sich nur eine nachgebildete Wirklichkeit, aber keine genitative (erbliche), wahre Realität! - Bist du nun im klaren?«
03] Sagt Cyrenius: »Herr, vergib mir meine große Dummheit; denn ich sehe sie nun schon ein!«
04] Sage Ich: »Das wußte Ich wohl, daß du es einsehen wirst; aber zu deiner nun höchst albernen Frage hatte dich so ein reminiszierender (erinnernder) Weltspritzer in dein Gehirn verleitet, und du kannst daraus ersehen, welch eine Weisheit alle sogenannte Weltklugheit einer nach Wahrheit lechzenden Seele bietet oder bieten kann!
05] Alle Fragen der Weltklugen sind an und für sich schon über alle die Maßen dumm; wie sieht es dann erst mit den Antworten aus, die andere Weltkluge den fragenden Weltklugen geben? So ihr Licht schon Nacht und Finsternis ist, wie sehr Nacht und Finsternis wird dann erst ihre wirkliche Nacht und Finsternis sein!
06] Darum hütet euch vor aller Weisheit der Welt; denn Ich sage es euch, daß sie um vieles finsterer und böser ist als das, was die hochangesehene Weltweisheit Dummheit nennt! Denn einem Weltdummen ist leicht zu helfen, während einem so recht aus der Wurzel Weltweisen gar nicht mehr oder nur höchst schwer zu helfen ist. Ihr fragt läppischerweise, ob denn der eigentlichen Weltweisheit gar nicht mehr zu helfen wäre? Das liegt doch nun mit diesem zweiten, verdorbenen Gehirne klar am Tage vor euch!
07] Seht dies rechts aufgestellte urgeordnete und ganz unverdorbene Gehirn an! Welch eine Klarheit in seinen Gebilden! Alles Licht und Licht, und alle Formen, sowohl ihrer äußern Umfassung, wie auch ihrem innern organischen Gefüge nach, sind da in höchster Klarheit rein ausgebildet zu sehen! Welch klare Begriffe und Vorstellungen muß eine solche Seele von all den Dingen und Verhältnissen bekommen! Wie weise und wie in jeder Hinsicht lebenskräftig steht ein solcher Mensch da! Wer aus der Zahl der vielen Weltkinder kann sich mit ihm messen?! Was eine urgeordnete Seele alles vermag, das habt ihr früher an den Schwarzen zu beobachten Gelegenheit gehabt!
08] Nun aber haben wir ein verdorbenes Gehirn vor uns und werden es schauen, wie dieses durch eine nachträgliche, allerschlechteste und verkehrteste Erziehung noch mehr verdorben wird, und ihr werdet daraus mehr denn klar doch wohl ersehen können, wie gänzlich frucht- und weisheitslos so eine Weltweisheit gegenüber der wahren, himmlisch geordneten Weisheit sich ausnimmt! Sehet an nun dieses wahre Chaos von einem Gehirne! Nirgends ein geordneter Zusammenhang; hie und da nur ein verkrüppeltes Gehirnpyramidchen! Die ganze Geschichte sieht lange eher einem Schotterhaufen denn irgendeinem Gehirne gleich!
09] Eine solche Gestalt bekommt das Gehirn schon im Mutterleibe! Was soll aus einem Menschen in der Folge werden, welche Fortschritte wird er in der wahren Lebensschule machen mit solch einem Gehirne?! Ja, wenn man es noch beließe und finge mit einer sorgfältigen Bildung des Gemütes an bei zehn Jahre lang! Aber wo bleibt die Gemütsbildung?! Es wird ihrer gar nie mehr gedacht, in den höherstehenden Volksklassen schon gar nicht! Die untere Volksklasse aber weiß ohnehin weder von einer Seelen- noch Lebensbildung irgend etwas Besseres mehr als die lieben Tiere der Wälder, und ihre Eigenschaften gleichen vollkommen jenen Urbewohnern der Wälder, die vom Raube und Blute anderer sanfterer Tiere sich ernähren und leben.«


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