Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 237

Die Folgen eines geistig finsteren Gehirns.

01] (Der Herr:) »Oder gebet ihr einen noch so hellen Spiegel in einen total finstern Keller, ob sich wohl die im Keller befindlichen Gegenstände darauf abbilden werden? Ihr werdet, als mit eurem Keller ganz vertraut, mit eurem Tastsinne die darin befindlichen Gegenstände nach ihrer Art wahrnehmen und zur Not auch ohne ein Licht erkennen; aber einen Spiegel werdet ihr umsonst in dem finstern Keller aufstellen, denn der wird euch ohne Licht nie ein feines Abbild von den Kellerdingen für eure Augen liefern.
02] Also ist es auch bei einem Menschen mit einem weltgebildeten, verdorbenen und finsteren Gehirne der Fall. Von dem aus geht kein die entsprechenden geistigen Formen in sich tragender Lichtstrahl aus dem finstern materiellen Gehirne in das seelische, also schon geistige Gehirn über, und die gänzlich verkümmerten Gehirntäfelchen der Seele bleiben in sich selbst finster und leer; dränge dann auch des Geistes Licht auf die Täfelchen, so würde das dem Geiste und der Seele ebensoviel nützen, als so da jemand stellte ein Licht in ein vollkommen leeres, nur allein mit Kalk übertünchtes Gemach.
03] Was wird er darin erschauen? Nichts als die leeren Wände! Welche Studien wird er wohl darin vornehmen? Sicher keine anderen als die der verzweiflungsvollen Langweile! Und den Sinn fassend, wird er sich selbst zurufen: "Hinaus mit dir und deinem Lichte aus dieser leeren Kammer; denn da ist nichts! Dahin mit dem Lichte, allwo es etwas zu beleuchten gibt! Mit dem Lichte soll etwas gewirkt werden, warum damit die leeren vier Wände erhellen, die, lichtvoll wie lichtlos, leer dastehen?!"
04] Wenn des Geistes Augenlicht in der Seele Gehirntäfelchen blickt, und sie sind leer, dann dringt kein Licht eines Geistesauges mehr hinein, und es bleibt darin finster gleich schon so gut wie nahe für ewig! Wenn aber unwiderlegbar also und nicht anders, woher soll dann jenseits eine Seele das Baumaterial zur Erbauung einer für sie bewohnbaren Welt hernehmen? Wie wird sie das anfangen? Ihr meinet, daß Ich auch solch einer armen Seele werde helfen können? O ja, aber ewig nie durch eine Art schwachen, menschlichen, zu unzeitigen Erbarmens, sondern nur nach Meiner ewig unwandelbaren Ordnung, die aber bekanntlich überlange, langmütige und der höchsten Geduld volle Arme hat!
05] Erst infolge der den höchsten Kulminationspunkt erreicht habenden höchsten Not, in der die Seele durch den mächtigen Druck aller Verzweiflung in eine Art Glühleuchten übergehen wird, werden aus der höchsten Angst ihres Herzens, also aus ihrem beklommensten Gemüte wie aus einer verzehrenden Feueresse Glühfünklein in ihr Gehirn aufsteigen, und es werden sich daraus Dämmerbilder ihrer Not, ihrer Qual, ihrer Pein, ihrer Schmerzen, ihres Elends, ihrer Ohnmacht, ihrer Verlassenheit in ihre Gehirntäfelchen einprägen; dann erst wird sie selbst wieder zu einigen magersten Ideen gelangen und nach langen Zeiten imstande sein, anzufangen, aus solchen höchst kläglichen Bildern sich eine höchst magere Wohnwelt aus sich anzulegen!
06] Um solch einen Besitz aber wird sie sicher wohl niemand beneiden, und es wird abermals höchst lange hergehen, bis so eine Seele aus sich eine Verbesserung ihrer Zustands- Wohnwelt bewirken wird. Dazu werden lauter Gewaltmittel zur tätigen Belebung ihres Gemüts von neuem nötig sein! Erst aus den vielen und vielen Notständen wird solch eine Seele zu einer Copia (Abschrift) von wenigstens lauter höchst traurig aussehenden Begriffen in ihr über sich selbst gelangen und wird sich daraus also auf ihrem Grund und Boden Wege zu ordnen anfangen, auf denen sie nicht so leicht mehr in die allerhöchste Not und Verzweiflung geraten könnte!
07] Nun, das könnte man dann schon mit Fug und Recht ein Kapital und eine eigene Ernte nennen; aber welch eine Beschränktheit noch darin, welche Magerkeit und welch eine Unbehilflichkeit!
08] Wenn jemand unmündige Kinder in einem dichten Walde aussetzete, so wäre ein möglicher Fall, daß eines oder das andere aufkäme im Walde. Nehmen wir an, es kämen ein Männlein und ein Weiblein davon, weil sie gerade unter einem Feigenbaum ausgesetzt wurden, dessen Früchte, ihnen in den Schoß fallend, sie anfänglich ernährten bis zu einem gewissen Alter, in welchem sie, als ganz verwildert, sich dann auch eine andere Kost zu suchen anfangen würden! Sie wüchsen nun auf, erreichten ein mannbares Alter, zeugeten Kinder, und es würde aus ihnen in ein paar Jahrhunderten ein Volk; das aber bliebe ohne Unterricht und ohne Offenbarung von oben!
09] Gehe hin zu solch einem Volke und erkundige dich nach seiner Bildung, und du wirst dich überzeugen, daß du statt Menschen Tiere antreffen wirst, die viel wilder und reißender sind als alle Tiger, Hyänen, Wölfe und Bären! Du wirst unter ihnen keine Sprache, sondern nur eine Nachahmung von allerlei Naturlauten antreffen, mit denen sie sich nur ihre Gier und ihren allerrohesten Willen mitteilen. Sie werden die fremden Menschen, Tiere und Früchte roh auffressen - und bei großem Hunger auch sich selbst. Ihre Beschäftigung wird in einer beständigen Jagd nach Nahrung bestehen.
10] Erst wieder nach ein paar Jahrhunderten wenn sie ihre ländergroßen Urwälder überschritten haben und an irgendein gebildetes Volk gestoßen sind, von dem sie zurückgetrieben und etliche von ihnen gefangen und einer Bildung übergeben wurden, und sage, nach öfter wiederholten solchen Fällen und nach der Rückkunft der gewitzigten und einiger zwar gefangen gewesener, aber nun mit einiger Bildung versehenen Landsleute wird der ganze Stamm mit der Zeit zu einiger Bildung gelangen, die aber freilich von einer rein geistig menschlichen Bildung himmelweit entfernt sein wird!
11] Wie lange wird so ein Volk darauf aber noch zu tun haben, bis es nur wenigstens eure äußere, weltliche Kultur erreicht haben wird, und wie lange bis zu eurer nunmaligen geistigen, das heißt, auf dem bloß sich selbst überlassenen Naturwege!«


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