Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 216

Vom Einfluß des menschlichen Charakters auf die Haustiere.

01] (Der Herr:) »Denket euch nun eine Menschenseele in ihrer ursprünglichen Unverdorbenheit als eine wahre Sonne unter allen den auch verschiedenartig beseelten und belebten Kreaturen, die sich alle der Menschenseele unterzuordnen haben, weil sie aus ihrer Außenlebenssphäre, wenn diese, gleich der Seele, in aller Ordnung ist, geistiges Lebenslicht und geistige Lebenswärme zur Vegetation ihrer weiter aufsteigenden Seelenlebenssphäre aufnehmen und dadurch sanft, duldsam und gehorsam gezeihet werden. Denn die Seelen der Pflanzen wie der Tiere haben ja die euch freilich noch sehr unbekannte Bestimmung, einst selbst zu Menschenseelen zu werden.
02] Die Pflanzen und noch mehr die Tiere sind nichts als nach Meiner Weisheit und Einsicht taugliche Vorgefäße zur Ansammlung und sukzessiven Ausbildung und Sich-Ergreifung der im unermeßlichen Schöpfungsraume - ihr könnet sagen - allgemeinen Naturseelenlebenskraft, aus der auch eure Seelen - ob ursprünglich auf dieser oder auch auf einer andern Erdenwelt, was nahe eins ist, herangebildet - herstammen. Diese Tierseelen empfinden einer ordentlichen Menschenseele Ausströmung und die daraus gebildete Sphäre des Außenlebenslichtes und der Außenlebenswärme.
03] In dieser vollkommenen Außenlebenssphäre gedeihen die Tiere, wie die Planeten im Lichte und in der Wärme der Sonne, und nicht eines Tieres Seele vermag sich da gegen den Willen einer vollkommenen Menschenseele zu erheben, sondern kreist bescheiden um diese wie ein Planet um die Sonne und bildet sich in solch geistigem Lichte und in dessen Wärme ganz vortrefflich für einen weiteren Übergang in die höhere Stufe aus.
04] Um das noch praktischer einzusehen, wollen wir bloß einige Haustiere und ihre Besitzer einer näheren Betrachtung unterziehen! Höret! Begeben wir uns zu einem hartherzigen und stolzen Besitzer hin und besehen im Geiste alle seine Haustiere! Seine Haushunde sind böser und wilder als die Wölfe der Wälder, seine Rinder scheu und zum Schrecken oft ganz gefährlich wild. Seine Schafe und Ziegen fliehen vor jeder Menschengestalt und lassen sich schwer fangen. Durch den Garten seiner Schweine, die er des Fettes wegen hegt, ist nicht ratsam zu gehen, um von deren völliger Wildheit nicht mörderisch angefallen zu werden. Die Hühner und anderes Hausgeflügel sind ebenfalls scheu und lassen sich schwer fangen. Auch mit seinen Eseln, Pferden, Kamelen und Zugochsen ist nicht ein sehr vertraulicher Umgang zu pflegen; denn da bemerkt man höchst wenig von irgendeiner Tierkultur. Nur durch ein immerwährendes wildes Geschrei und Gefluche und durch ein fortwährendes Schlagen, Stoßen und Stechen können sie zu für sie bestimmte Zugarbeiten verwendet werden, und da geschieht zumeist schier irgendein Unglück dabei!
05] Ja, warum sind denn bei unserem harten und stolzen Besitzer die Haustiere gar so roh und wild und so sehr ungeschmeidig? - Die Seele des Besitzers ist für sie eine in höchster Unordnung sich befindende Lebenssonne! Seine Diener und Knechte sind endlich bald wie ihr Herr, also auch schon von weitem keine Lebenssonnen für die eiskalt gewordenen Seelen ihrer ihnen zur Hut und Leitung übergebenen Tiere! Da schreit, flucht und schlägt ein jeder zu, was er nur kann! Wie sollten solch eines Besitzers Tiere in jener wohltuenden Verfassung sein, von der man sagen könnte, daß sie in der Ordnung sei?!
06] Gehen wir nun aber zu einem so echt altpatriarchalisch guten und weisen Besitzer von vielen und großen Herden und beobachten wir seine Haustiere! Welch ein kaum glaublicher Unterschied! Weder Rinder noch Schafe verlassen ihren guten Hirten! Nur ein einziger Ruf von ihm, und sie laufen in aller Hast zu ihm, umringen ihn und horchen förmlich mit einer sichtlichen Aufmerksamkeit, ob er ihnen etwas sagen werde! Und tut er das, so gehorchen sie und fügen sich wundersam dem Willen des guten Hirten, an dessen Seelenlichte sie sich nun wieder erquickt haben.
07] Das Kamel versteht seines guten Leiters leisesten Wink, und das mutige Pferd wird nicht scheu unter dem Sattel seines Reiters. Kurz und gut, alle Haustiere eines sanften und guten Hausherrn sind sanft, fügsam und hören auf die Stimme ihrer Hüter und ihres Herrn, und man merkt bei allen Tieren ebensoleicht eine gewisse Sanftmut, wie man es den edlen Bäumen auf den ersten Blick ankennt, daß sie edle Früchte tragen; denn da sind der Stamm, die Äste und das Laub ganz sanft gerundet, glatt und ohne scharfe Spitzen und Stacheln, und die Frucht hat einen lieblichen Geschmack.
08] Der Grund von allem dem sind, wie gesagt, eine oder mehrere gesunde, unverdorbene Seelen, aus deren lichter Wesenheit sich nach außen hin eine seelische Lichtsphäre ausbreitet, die alles das in sich enthält, was die Seele als Lebenselement in sich faßt, als: Liebe, Glauben, Vertrauen, Erkennen, Wollen und Gelingen.«


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