Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 217

Die Vorteile der rechten Seelenbildung.

01] (Der Herr:) »Ist aber die Seele des Menschen in allerlei weltlich materielle Sorgen begraben, oder fängt sie an, sich darein zu begraben, dann trübt sie ihr Lichtwesen, und es wird am Ende ganz dunkel und finster. Da ist dann kein Vorrat von einer mächtigen Liebe mehr vorhanden, und die höchst geringe reicht kaum für sich aus; daher kommt die Eigenliebe, die an niemand andern mehr übergehen kann. Wo aber die Liebe so gering wird, wo soll da ein mächtiger Glaube und Wille herrühren, da der Glaube doch ist das Licht aus der Flamme der Liebe und der Wille die allwirkende Kraft des Lichtes?!
02] Wenn solche liebkargen Menschen am Ende in sich, wennschon ganz stumpf, nur wahrzunehmen anfingen, daß wegen der Schwäche ihrer Liebe ihnen nichts gelingen will und sie zumeist durch eine jede gemachte Rechnung einen Strich erblicken -woran sie selbst schuld sind, weil da keine Wirkung sein und entstehen kann, wo die dazu erforderliche Kraft mangelt, so könnte ihnen wohl noch geholfen werden; aber so werden sie nur zornig und voll Bitterkeit gegen jedes Gelingen bei andern Menschen.
03] Der Zorn aber ist zwar auch ein Leuchten, aber ein verderbliches. In solchem Höllenschimmer erschauen sie dann auch bald allerlei Trugmittel, mit denen sie sich in einen Wohlstand setzen könnten. Sie versuchen solche Mittel bald; sie mißlingen ihnen aber zumeist, weil sie Trugmittel sind. Aber das öftere Mißlingen belehrt sie nicht, sondern macht sie noch erboster und zorniger. Sie werden stolz und voll Hochmutes und fangen an, ihre Zuflucht zu Gewaltmitteln zu nehmen und sie auch anzuwenden. Ein manchmaliges Gelingen macht sie kecker, sie werden grausam und suchen sich alles aus dem Wege zu räumen, was sie als ein Hemmnis zu ihrem vermeinten Glücke erkennen. Sie haben sich also durch lauter schlechte Mittel in einen bedeutenden Wohlstand gesetzt und erkennen nun den Weg als den allein rechten und wahren, auf dem sie selbst zum Glücke emporgeklommen sind.
04] Wenn derart Menschen dann auch Kinder wie gewöhnlich bekommen, so werden diese doch unmöglich anders erzogen als nur in der Art, durch die ihre Eltern zum Weltglücke emporgekommen sind, nämlich durch allerlei Weltklugheit. Sie lassen dann solche Kinder allerlei lernen, aber alles nur für die Welt! Da wird auf die zuerst berücksichtigt werden sollende Bildung des Gemüts nicht die allergeringste Rücksicht genommen, kann auch nicht genommen werden, weil die Eltern und die ihnen aus Gewinnsucht gefällig und angenehm werden wollenden Lehrer und Erzieher selbst keinen Begriff von dem Gemüte einer Seele mehr haben.
05] Alles wird auf früheste Bildung und Schärfung des Verstandes verwendet. Dazu wird das Kind durch allerlei Geschenke und Auszeichnungen soviel als möglich angeeifert, wird dabei schon in der frühesten Zeit in der Selbst- und Gewinnsucht mit der Bildung des Verstandes soviel als nur möglich geübt, trägt feine und geschmückte Kleider und kennt sich oft schon im zehnten Lebensjahre vor lauter Hochmut nicht. Wehe dem armen Kinde oder auch einem andern armen Menschen, der solch einem verbildeten Kinde die gewünschte Ehre nicht bezeigete oder es etwa gar verhöhnete! Denn der hat sich an solch einem verzogenen Kinde einen bleibenden Feind gezogen!
06] Wo ist aber dann bei solchen Menschen noch an jene Mir ähnliche innere Lebenskraft zu denken?! Wo ist da des Menschen Herrlichkeit über die gesamte Natur und über die Elemente, aus denen am Ende alles Geschaffene besteht und bestehen muß?!
07] Wird aber bei dem Menschen das Gemüt zuerst und vor allem gebildet, und kommt darauf dann erst eine ganz leicht zu bewerkstelligende und wirkungsreiche Ausbildung des Verstandes hinzu, so wird der also geweckte Verstand zum lebendigen Lichtlebensäther, der die Seele also umfließt wie der Lichtäther die Sonne umflutet, aus dem heraus dann alle jene herrlichen Wirkungen zum Vorscheine kommen, die ihr diese Erde allenthalben beleben sehet.
08] Bei der rechten Bildung der Seele des Menschen ist und bleibt die Seele ein Inwendiges und ein Tätiges, und das, was ihr 'Verstand' nennet, ist die ausströmende Wirkung der inneren Tätigkeit der Seele. Das Außenlicht des Verstandes erleuchtet der Seele alle noch so kritischen äußeren Verhältnisse, und der Wille der Seele geht dann in dieses Außenlicht über und wirket wunderbar alles Befruchten und Gedeihen; denn weil also gestellt ist des Menschen Ordnung nach Meiner Ordnung, so ist der Wille und das Vertrauen eben auch ein aus Mir oder aus Meinem allmächtigen Wollen Hervorgehendes, dem sich doch sicher alle Kreatur fügen muß. Was dann ein solch geordneter Mensch will, das muß geschehen im weiten Umkreise, weil die Außenlebenssphäre eines Menschen eigentlich von Meinem Geiste durchwehet wird, dem alle Dinge möglich sind.
09] Wird ein solcher Mensch dann erst ganz und gar von oder aus seinem Geiste wiedergeboren, so ist er Mir dann völlig ebenbürtig und kann aus sich in aller seiner Lebensfreiheit wollen, was ihm in Meiner Ordnung, die er dann selbst geworden ist, nur immer beliebt, und es muß dasein und geschehen nach seinem freien Willen. In solchem lebensvollendeten Zustande, weil Mir völlig ähnlich, ist der Mensch dann nicht nur ein Herr der Kreatur und der örtlichen Elemente dieser Erde, sondern seine Herrlichkeit erstreckt sich dann, gleich der Meinigen, über die ganze Schöpfung im endlosen Raume, und sein Wille kann den zahllosen Welten Gesetze vorschreiben, und sie werden befolgt werden. Denn seine verklärte Sehe durchdringt alles gleich der Meinigen und eigentlich mit der Meinigen, und sein klarstes Erkennen erschauet allenthalben die Bedürfnisse in aller Schöpfung und kann darauf verordnen und schaffen und helfen, wo es und was es auch sei; denn er ist ja in allem eins mit Mir.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers