Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 214

Die Selbsterkenntnis des Menschen.

01] Als Ich mit Meinen Jüngern, Römern und Griechen wieder an Meinem nun schon gewohnten Tische Platz nahm, trat der Anführer zu Mir hin und bat Mich, ob er mit einigen seiner Gefährten auch teil an Meinen Erklärungen nehmen dürfte.
02] Sagte Ich: »Ohne allen Anstand; denn ihr müßt ja euer Leben von nun an ganz vollkommen erkennen! Wohl seid ihr noch im Vollbesitze der urzeitlichen Lebenskraft der Menschen, noch seid ihr als Menschen, Mich erfreuend, vollkommene Herren der gesamten Natur - alles das liegt in eurem vollkommensten Vertrauen und eurem ungezweifelten Glauben und festesten Willen. Aber ihr kennet solch eure Kraft ebensowenig, wie jemand die Kraft kennt, die da in Bewegung jetzt des Menschen Glieder und herumtreibt das Blut in den Adern und pulsen macht das Herz und nötigt die Lunge, zu atmen die Luft aus und ein nach dem Bedarfe fürs Leben und nach ihrer inneren Tätigkeit in bezug auf mehr oder weniger Wärme, die in ihr meistens durch größere oder mindere Tätigkeit der Leibesglieder im Blute erzeugt wird.
03] Also das sind doch tägliche Erfahrungen eines jeden Menschen, und doch versteht sie niemand, weil niemand sich selbst recht kennt; um wieviel weniger erst werden dann eure außerordentlichen Lebenseigenschaften begriffen, die offenbar tiefer liegen als bloß diejenigen, die in eurem leiblichen Organismus sich tätig äußern!
04] Aber so Ich euch die tieferliegenden erkläre, werdet ihr sie dennoch eher fassen, als wenn Ich euch erklärte des Leibes Organismus und dessen Zusammenhang mit der Seele. Solches ist auch eigentlich gar nicht zu erklären, weil die für euch nahe zahllose Vielheit der verschiedensten Organe schon mehr als Methusalems Alter, nahezu tausend Jahre, in Anspruch nehmen würde, um sie nur vom ersten bis zum letzten zu zählen, geschweige dann erst eines jeden Organs Sonderbeschaffenheit und Bestimmung einzusehen und die allgemeine Verbindung, die Wechselwirkung und tausenderlei Verschiedenes von einem einzelnen Organe kennenzulernen.
05] Zum Beispiel: Zwei Haare stehen fest nebeneinander. Da meinet ihr, daß sie die gleiche Behandlung brauchen, und sie würden umgetauscht auch wachsen. Bei den Haaren auf dem Menschenleibe geht das nicht an, als wie es da geht auf der Erde mit dem Übersetzen der Bäume, Gesträuche und Pflanzen! Ein Haar wächst mit dem ganz eigenen Organismus nur an der Stelle, da es vorkommt; an einer jeden andern Stelle würde es mit der besonderen Einrichtung seines Wurzelorganismus nicht fortkommen.
06] Im menschlichen Leibesorganismus besteht eine höchst ordnungsmäßige Gewähltheit und für euch kaum glaubliche Verschiedenheit. Um den organischen Bau des Menschenleibes einzusehen und so wissen um jedes kleinste Atom und wohl zu erkennen den Grund des 'Also und nicht anders!', muß man im Geiste zuvor vollendet sein.
07] Wenn der Geist und die Seele eins geworden sind, dann beschauet die vollendete und lichtvolle Seele von innen heraus und hindurch ihren Leib, erkennt dann mit einem Blick den ganzen künstlichst eingerichteten Bau des Leibes und erinnert sich des Grundes und der Ursache eines jeden einzelnen noch so kleinsten Teiles eines Organs in ihrem Leibe und erkennt seine allerzweckmäßigste Einrichtung. Solange aber eine Seele ihre Lebensvollendung nicht erreicht hat, kann sie in tausend und abermals tausend Jahren nicht zur gründlichen Erkenntnis des Organismus ihres Leibes gelangen.
08] Aber ganz anders verhält es sich mit dem rein geistigen Vermögen einer Seele! Das kann ihr in allgemeinen Umrissen erläutert werden, und es ist auch also notwendig, daß sie das eher und leichter erkennen muß. Denn ohne diese praktische Erkenntnis könnte die Seele ja nie zu einer wahren Verbindung mit ihrem Geiste gelangen, ohne welche aber eine innere und tiefste Erkenntnis seiner selbst unmöglich ist.
09] Merket darum auf, wie Ich nun das rechte, ordnungsmäßige Urleben der ersten Menschen so klar als möglich vor euch erläutern werde!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers