Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 213

Die Herrschaft der Mohren über Pflanzen und Elemente.

01] Darauf berief Ich abermals den Oubratouvishar und sagte zu ihm: »Zeiget nun, wie ihr mit der Luft und ihrer Kraft vertraut seid; denn es ist im Anfange dem Menschen in seiner Reinheit gegeben worden auch eine Herrlichkeit (Herrschaft) über die Geister der Luft, auf daß sie ihm dienstbar wären in allen Fällen, da er ihres Dienstes benötigen würde! Zeiget sonach, inwieweit ihr noch mit dieser Urlebensfähigkeit ausgerüstet seid!«
02] Sogleich berief der Anführer zehn der Tüchtigsten seiner Gefährten und verlangte, daß sie ihre Hände auf ihn strecken und um ihn in einem Kreise also stehen sollten, daß je einer mit seinem rechten Fuße den linken Fuß des Nachbarn ganz gut decke. Solches geschah sogleich, und unser Anführer fing an, sich umzudrehen, verließ den Boden der Erde, schwebte nun völlig in der Luft, und zwar bei einer guten Mannslänge hoch über dem Erdboden.
03] In dieser Stellung fragte er Mich, ob er sich noch höher schwingen solle, oder ob dies zu einem Zeugnisse genüge.
04] Und Ich sagte: »Es genügt, darum tritt zurück!«
05] Sogleich traten die zehn auseinander, und der Anführer war schnell wieder am Boden, machte eine tiefste Verbeugung vor Mir und fragte Mich, ob er noch mehreres produzieren solle.
06] Und Ich sagte: »Wie entwurzelt ihr denn die Bäume, und wie schafft ihr große Steinmassen von der Stelle?«
07] Sagte der Anführer: »Herr, an sehr starken und großen Bäumen hat unser Land wohl einen bedeutenden Mangel; nur die höheren Berge können sich daran erfreuen. Allwo auf den Hochtriften, dahin der Kamb'sim nicht dringt, die Herden weiden, dort (Der Satzteil »die Herden weiden, dort« ist ergänzt.) stehet hie und da ein alter Bohahania-Baum als gewöhnliche Wohnstätte der Affen. Hie und da findet man auch eine Zypresse und Myrthe, wilde Datteln und Bock und Hühnerbrot. Darin besteht dann aber schon auch die ganze Baumvegetation unseres Landes.
08] In der Ebene und in den windabseitigen Landeswinkeln gedeiht nur die edle Dattel, die Feige, die Ouraniza (Pomeranze) und die Semenza (Samen- oder Granatapfel) und mehrere bedeutende Staudengattungen, die uns zu unseren Hütten das Baumaterial liefern.
09] Diese zu entwurzeln, dazu gehört wahrlich nichts besonders Außerordentliches von einer Kraftanstrengung; an den stärkeren Bäumen aber haben wir unsere Kräfte noch nie versucht, obwohl wir keinen Zweifel haben, daß sich auch diese gleich den schwersten und größten Felsstücken unserem Willen fügen müßten. Hier auf diesem Berge steht wohl ein gar gewaltiger Baum, um dessen Namen wir natürlich nicht wissen können, wie auch um seine sonstige Beschaffenheit nicht; aber wir wollen einen Versuch machen, ob er sich durch unsern Willen wird entwurzeln lassen oder nicht!«
10] Sagt der alte Markus: »Na, ganz gehorsamster Diener aller Herren der Erde! Das ist eine wenigstens fünfhundert Jahre alte Zeder! Sieben Männer dürften sie kaum umfassen, und vier sehr kräftige und geübte Holzknechte fällten diese Zeder in zwei Tagen kaum, und da gehen nun sechs Männer und sieben Weiber hin und wollen ohne Haue und Axt diesen Baum entwurzeln?! Na, diese Geschichte, wenn der Herr sie nicht heimlich mit Seinem allmächtigen Willen unterstützt, dürfte doch einmal etwas rar werden!«
11] Sage Ich: »Nur Geduld, Mein alter Krieger! Ich werde mit Meinem Willen auch diesmal ganz daheim verbleiben, und doch wird der Baum in kurzer Frist mit allen seinen Wurzeln dem Erdboden entrissen werden!«
12] Während Ich dem alten Markus aber diesen Bescheid erteilte, legten die Schwarzen ganz leicht ihre Hände um den Stamm, und zwar also, daß die rechte Hand eines Mohren stets die Linke seines Nachbarn oder seiner Nachbarin deckte. In solcher Stellung blieben sie etwa eine halbe Viertelstunde lang ganz ruhig am Baume stehen. Nach dieser Zeit fing der Baum an, sich anfangs ganz langsam zu drehen und krachte danebst ganz gewaltig. Da fingen alle Anwesenden an, im höchsten Grade zu erstaunen, und niemand verstand es, sich diese Erscheinung nur einigermaßen zu entziffern.
13] Als der Baum sich aber nun samt den dreizehn ihn ganz leicht Umklammernden stets mehr zu drehen begann, bemerkte man bald, daß er samt dem Erdballen und samt den ihn umklammernden Mohren sich schon ganz in der Luft herumdrehte. Da fingen mehrere, besonders die Weiber, förmlich an zu schreien; denn sie meinten, daß der nun umfallende Baum mehrere der Mohren zerquetschen werde.
14] Allein Ich sagte zu den Furchtsamen: »Fürchtet euch nicht; der Baum wird ganz sachte umgelegt werden und durch seinen Fall niemandem einen Schaden zufügen!«
15] Damit war alles beruhigt, und im selben Augenblick ließen die den Baum umklammernden Mohren sich aus, sprangen jählings vom Berge herab und liefen zu uns herüber. Im selben Augenblick fing der Baum in der Luft an hin und her zu schwanken, neigte sich endlich nach seinem natürlichen Schwerpunkte und legte sich nach einigen Augenblicken ganz sacht auf den Boden nieder.
16] Als der Baum auf diese Weise entwurzelt war, da zeigte Ich den Mohren noch einen Felsen, dessen Gewicht sicher fünftausend Zentner war, und sagte zum Anführer: »Jenen Felsen hebet auch hinweg und setzet ihn in selbiges Loch, das nun durch die Aushebung des Baumes entstanden ist!«
17] Schnell bewegten sich dieselben Mohren hin zum Felsen und umklammerten ihn auf dieselbe Weise wie zuvor den Baum. Noch eher als der Baum schwebte der Fels in der Luft. Freilich ward er seines größeren Umfanges wegen von etlichen Mohren mehr denn ehedem der Baum umfaßt; aber jeder sah es ein, daß zur Bemeisterung des Gewichtes dieses Felsens tausend der kräftigsten Menschen auch noch viel zu wenig gewesen wären.
18] In etwa einer ganz kleinen halben Viertelstunde stand der Fels schon mauerfest im für ihn bestimmten Loche, und die Mohren eilten darauf wieder zu uns herüber, und der Anführer fragte Mich, ob sie noch etwas tun sollten.
19] Ich aber tat, als dächte Ich über etwas nach, was dem Anführer gleich auffiel, und er zu mir sich also äußerte: »Oh, da wird wieder etwas Ungeheures herauskommen, weil Du Selbst zuvor mit Dir Rat hältst! Denn sonst waren wir der Meinung, daß einem Gotte schon von Ewigkeit alles überklar ist, was Er tun will!«
20] Sagte Ich: »O jawohl, das ist es auch! Aber ich gönnte euch nur eine kleine Ruhe; denn das, was ihr Mir noch tun werdet, ist stets euer zuwiderstes Geschäft, und ihr bedurftet nach zwei, eure äußere Außenlebenssphäre sehr in den vollsten Anspruch nehmenden Taten nun einer kleinen Ruhe. Ihr habt nun ausgeruht, und ihr sollet nun noch zeigen, wie ihr euch das Feuer bereitet, und wie ihr auch Herren dieses Elementes seid! Gehet und machet Feuer und zeiget darauf, daß ihr dessen Herren seid!«
21] Sogleich bildeten alle anwesenden Mohren um ein großes, aber schon seit langem ganz dürres Gebüsch einen Halbkreis und streckten ihre Hände und Finger strahlenförmig nach dem dürren Gebüsche aus. In wenigen Augenblicken fing das Gebüsch an zu rauchen; der Rauch wurde stärker und stärker, und auf einmal schlugen prasselnd lichterlohe Flammen auf. Als aber das ganze Gebüsch so recht in hoch aufschlagenden Flammen stand, legten sich alle Mohren in einem geschlossenen Kreise um das Feuer auf ihre Angesichter, und in einem Augenblick erlosch das Feuer derart, daß man von dem im ganzen zur Hälfte abgebrannten Gebüsch auch nicht ein glimmendes Fünklein mehr antreffen konnte.
22] Darauf kamen die Mohren wieder und fragten Mich, ob sie ihre Sache gut gemacht hätten. Und Ich gab ihnen das beste Zeugnis. Sie wollten nun von Mir gleich Worte der Belehrung für sie; aber Ich bedeutete ihnen, noch ein wenig zu warten, da Ich nun diese ihre Taten den Weißen erklären müßte. Damit waren die Mohren zufrieden, und wir begaben uns wieder an unsere Tische.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers