Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 177

Vom Zweck und Wesen der Sinnlichkeit.

01] Sage Ich: »Freund und Bruder, was geht dich denn das Fleisch an und was im selben vorgeht?! Würde Ich dem Fleische nicht diese Eigenschaft einpflanzen, würde da wohl je ein Mann sich ein Weib nehmen und erwecken in ihr die lebendige Menschenfrucht?!
02] Hätte Ich in den Magen nicht die materielle Eßgier gelegt, würde jemand wohl jemals eine Speise zu sich nehmen? Auf welch andere Weise könnten Naturspezifikalgeister in das Blut und in andere Säfte des Leibes, von da in den Nervenäther und, in solcher Weise geläutert, in die Seelensubstanz übergehen? Durch Meine Willensmacht allerdings wohl in der primitiven Ordnung; aber wie stünde es dann mit der ewigen Bestandfähigkeit? Anders nicht, als durch ein hartes, bleibendes Gericht; wie sähe es dann aber mit der Selbständigkeit und einstigen geistigen Lebensfreiheit aus?!
03] Sieh, ein Punkt in Meiner einmal gestellten Ordnung verrückt, - und mit dem Leben in aller Selbständigkeit und Freiheit ist es für ewig aus und gar. Habe nicht Ich den Augen die Sehfähigkeit, den Ohren das Vernehmungsvermögen eingehaucht, der Zunge Rede- und Geschmacksfähigkeit und der Nase den Geruch gegeben?!
04] Bist du darum ein Sünder, weil es dich zuzeiten hungert und dürstet? Sündigst du, wenn du schaust, hörst, schmeckst und riechst? Alle diese Sinne sind dir ja dazu gegeben, wahrzunehmen der Dinge Formen, zu vernehmen der Rede weisen Sinn und wahrzunehmen gute und schlechte und schädliche Geister der noch ungegorenen und rohen Materie!
05] Freilich, wohl kannst du sündigen mit den Augen, Ohren, der Nase, dem Gaumen und der Zunge, wenn du eben diese Sinne nicht in der Ordnung gebrauchst, wenn du deine Augen frech nur dorthin wendest, wo dem Fleische Rechnung getragen wird, wenn du nur Lästerungen, Schmähungen und unflätige Reden gerne und begierlich anhörst, wenn du bloß des Spaßes halber stinkende Dinge riechst, die das Fleisch verunreinigen und krank und für Arbeit unfähig machen. Du sündigst auch mit dem Gaumen und mit der Zunge, wenn du die zu große Lüsternheit nach den teuersten Leckerbissen nicht bezähmst; denn warum soll dein Gaumen mit den kostbarsten Dingen prasserisch gekitzelt werden, wo neben dir viele Arme vor Hunger und Durst verschmachten?! So es dich hungert und dürstet, so sättige dich mit einer einfachen und frischbereiteten Kost; aber wenn du Fraß und Völlerei treibst, da sündigst du offenbar wider alle Ordnung Gottes.
06] Nun siehe, das alles aber ist bei dir nicht der Fall; im Gegenteile hast du eben schon manchen recht glorreichen Sieg über dein Fleisch von dir aus selbst errungen! So auch bist du mäßig in allen Dingen gewesen und nüchtern in deinem Begehren. Was an dir mehr oder weniger vom Übel war, bestand in deinem Unglauben an die Schrift, die du vorher nicht verstehen konntest; aber dein Unglaube war ein redlicher, während der Unglaube des Gabi ein echt pharisäisch unredlicher war. Du verwarfst aber darum die Schrift nicht; nur Licht und Aufhellung wolltest du und studiertest darum auch alle ägyptischen und griechischen Weltweisen. Aber es wollte dir dennoch nicht helle werden; du bliebst zwar dem Äußeren nach ein Pharisäer, aber dem Innern nach warst du dennoch ein stets fleißiger Forscher nach der Wahrheit. Und weil Ich das wohl wußte, so habe Ich dich denn nun auch erweckt und dir, wie auch damit allen anderen, die Pforten zur lichtvollsten Wahrheit eröffnet.
07] Nun kannst du nimmer in eine Nacht geraten und sollst darum ein Eiferer um Mein Reich des Geistes auf dieser Erde werden! Durch dich sollen die Heiden in Persien viel Lichtes überkommen! Nun iß und trinke wieder; denn du hast noch Hunger und Durst und hast deinen Fisch noch nicht einmal zur Hälfte aufgezehrt und deinen Becher auch nicht geleert! Darum nur eifrig zugegriffen, Mein junger Bruder Simon!«
08] Simon ist stets bis zu Tränen gerührt, setzt sich und verzehrt nach und nach seinen Fisch mit Brot und Wein.


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