Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 178

Über das Wesen der Engel. Herz und Gedächtnis.

01] Auch die anderen Gäste greifen noch zu, und ganz besonders wieder der Raphael, was den Kornelius am Ende doch zu einer etwas lakonischen Bemerkung bewegt, die er den neben ihm sitzenden Römern gewisserart zuflüstert. Diese Römer waren Faustus und Julius, und seine, das ist des Kornelius Bemerkung lautete: »Dem Menschen von Fleisch und Blut schmecken diese höchst gut zubereiteten Fische sehr gut, und er kann eine große Menge zu sich nehmen; aber der Geist Raphael, der kein Fleisch und kein Blut hat, könnte sich mit dem Riesen Herkules und mit dem Philister Goliath messen! Merkwürdig, wie so ein Geist gar soviel verzehren kann! Nun verzehrt er bereits den zwölften Fisch, und das ist für einen Geist doch wahrlich wunderbar viel! Ich habe einen Fisch kaum weggebracht, und derEngel ist in derselben Zeit mit zwölfen fertig geworden! Nein, das ist denn doch ein wenig zu stark! Ich glaube, daß er noch einmal zwölf wegbrächte!«
02] Sagt der Engel: »Nicht noch einmal zwölf, sondern zehnmal hunderttausendmal zwölf in einem Augenblick, und wären es auch lauter größte Walfische, wie der, in dessen Bauche der Prophet Jonas drei volle Tage hindurch ein etwas unbequemes Quartier genommen hatte!
03] Ich bedarf der Fische zu meiner Nahrung nicht, wohl aber zur Bildung jenes naturgeistigen Äthers, aus dem ich mir nach dem Willen des Herrn diesen sichtbaren Leib bilden und zeitweilig erhalten muß, der, obschon geistig, des Fleisches und Blutes nicht ermangelt. Sieh her, sind das keine Blutadern, ist das nicht Fleisch?!
04] Daß es in meiner mir vom Herrn verliehenen Macht steht, diesen Leib in einem Augenblicke wieder aufzulösen und ihn wieder zusammenzuziehen, das liegt in meiner bisher möglichst höchsten geistigen Lebensvollendung; aber ich bin nicht nur imstande, diesen meinen Leib mit meiner Willensmacht in einem Augenblicke aufzulösen, sondern auch den deinen und in einem gleichen Zeitraume auch die ganze Erde.
05] Ist darum aber dein Leib nicht aus Fleisch und Blut bestehend, weil ich ihn in einem Augenblicke auflösen könnte?! Oder bestehet darum die Erde nicht aus allerlei festester Materie und aus Wasser, Luft und einer zahllosen Menge von Urstoffen, so ich sie auch mit des Herrn Zulassung in einem dir nicht denkbar schnellsten Augenblicke auflösen könnte in die urgeistigen Spezifikalteilchen, deren Volumen deinem Auge, so es auch ein materielles Etwas wäre, ein barstes Nichts wäre?!
06] Darum, Freunde, denket, denket zuvor, ehe ihr ein Wort über eure Lippen fließen lasset, damit ihr als Jünger Gottes nie einen Unsinn aussprechet, mit dem ihr eurem Meister wahrlich keine Ehre antut! Ihr habt nun wohl schon so manches gesehen, gehört und erfahren; aber von der innern Geistesgröße und Macht eines - sage - nur Engelsgeistes, geschweige vom ewigen Geiste Gottes, habt ihr ja noch keine blasse und dunstige Idee! Und ihr könnet hernach spitzige Bemerkungen über das machen, was ein Erzengel zu seiner zeitweiligen, scheinleiblichen Erhaltung benötigt?!
07] Meinst du wohl, daß du meine wahre Urlichtgestalt ertrügest, so ich mich dir in derselben zeigen wollte?! Siehe, das Feuer meines Urseinlichtes ist mächtig genug, um eine zahllose Menge von Urzentralsonnen zu vernichten, geschweige dich und diese ganze Erde! Damit aber das durch meine Gegenwart nicht geschieht, muß ich diesen Scheinleib nach dem allmächtigen Willen des Herrn mir bilden und mein eigentliches Wesen derart umhüllen, daß da jede Störung der Ordnung im Gerichte der Materie vermieden werde. Aber es muß dennoch zuvor die Materie durch mein inneres Lebensfeuer vorbereitet werden, um demselben als Schutzhülle dienen zu können! Und darum muß ich notwendig mehr der materiellen Kost zu mir nehmen als irgendeiner aus euch.
08] Das wußtet ihr zwar nicht und konntet es nicht wissen; aber das konntet ihr schon wohl wissen, daß unsereins nicht darum vom Herrn in diese Erscheinlichwerdung berufen wurde, um vor euch zu eurem Ärger einen Vielfraß oder einen Spaßvogel oder einen Schnellzauberer zu machen, sondern um euch vielseitig zu nützen, und um euch einen tastbaren Beweis von der Anwesenheit der Engel Gottes und ihrer Macht zu geben! So ihr aber das einsehet, wie möget ihr spitzige Bemerkungen über mein Essen machen?«
09] Sagt Kornelius: »Lieber, herrlichster Bote des Herrn aus den Himmeln, o zürne mir nicht darum; denn du siehst es ja, daß wir geistig nichts als kaum neugeborene Kinder in der Wiege sind und mehr ein Traumleben leben als irgendein sich schon vollends bewußtes! Iß du in der Folge, wieviel du nur immer willst; es wird sich von uns allen wohl nie jemand mehr von ferne beifallen lassen, darüber irgendeine noch so leise Bemerkung zu denken, geschweige sie auszusprechen. Zugleich aber statten wir dir hiermit auch unsern Dank für die großartige Belehrung ab, die du uns in deinem gerechtesten Ärger über unsere beharrliche Dummheit hast zukommen lassen. Wissen wir, wie jetzt, um das Warum, dann werden wir übers Darum sicher nie ein schiefes Urteil fällen! Ist uns aber das Warum fremd, wie soll uns hernach das Darum bekannt sein? Daher noch einmal meinen ganz besonderen Dank für deine nunmalige große und wichtige Belehrung!«
10] Sagt Raphael: »Der Dank gebührt allein dem Herrn, der euer wie auch unser Vater ist von Ewigkeit! Laßt aber diese Belehrung auch auf alle andern im Leben vorkommenden Erfahrungen und Erscheinungen übergehen, so werdet ihr uns Engeln jüngst als würdige Brüder an der Seite stehen! Nichts sollet ihr bekritteln und belachen, außer die Lüge und den Betrug! Denn der Lügner soll allzeit zu Schanden stehen und der Betrüger an den Pranger gestellt werden, auf daß er verkoste die Frucht der Lüge und des Betrugs!
11] Bei jeder andern Gelegenheit sollet ihr die irrende Menschheit sanft belehren. Richtet sie sich danach, dann ist's wohl und gut; richtet sie sich nicht danach, dann möget ihr die Saiten schon straffer spannen! Nützt das auch nichts, so sperret solche Eigensinnige in ein Korrektionshaus, und lasset sie fasten und nötigenfalls auch züchtigen mit Ruten; denn bei einer rechten und guten Zucht soll die Rute nicht fehlen! Auch wir, als eure geheimen Erzieher, bedienen uns derselben bei Menschen, die eigensinnig und sehr halsstarrig sind. Also auch diese Lehre behaltet und handhabt sie, wo es notwendig ist, so werdet ihr unter Menschen wandeln; sonst aber nur unter allerlei wilden Tieren, die in menschlichen Larven stecken!«
12] Sagt Cyrenius: »Herr, hat der Engel das aus sich allein - oder alles nur aus Dir geschöpft?«
13] Sage Ich: »Mein Freund, dein Gedächtnis ist schon wieder irgend zu kurz geworden! Habe Ich euch ja doch vor etlichen Tagen sorgsam erklärt, was die Engel sind, und wie sie denken, wollen und handeln, und nun fragst da schon wieder darum! So sie nur durch Meinen Willen belebte Formen sind, was haben sie Selbstisches dann? Welchen Gedanken können sie für sich denken, da sie doch nur ein Ausfluß Meines Willens und ein Sammelgefäß Meiner Gedanken und Meiner Ideen und Absichten sind?
14] Wenn sie selbständig denken, wollen und handeln sollten, müßten sie vorher gleich euch am Kindertische speisen und in eurem Fleische diese Erde segnen! Aus dem aber geht doch etwa sonnenklar hervor, daß das, was euch der Engel Raphael nun gesagt hat, Mein Wort, Meine Rede und Mein Wille ist, den ihr ebenso zu beachten habt, als hätte Ich ihn unmittelbar Selbst ausgesprochen.
15] Ihr müsset Meine Worte tiefer ins Herz fassen, so werden sie dann eurem Gedächtnisse nicht gar zu leicht untreu werden; denn alles, was einmal das Herz lebendig erfaßt hat, das bleibt dann sicher auch in der Erinnerung fest sitzen, und ihr habt es bei tauglicher Gelegenheit gut hernehmen. Wollt ihr euch aber das von Mir Gesagte nur allein im Gedächtnisse merken, so werdet ihr es zum größten Teile in einem Jahre wenigstens hundert Male vergessen; denn im Alter ist das Gedächtnis nicht mehr so saftig wie in der Jugendzeit. Es vergißt aber schon die Jugend leicht, was sie gelernt hat, geschweige das Alter. Was aber das Herz einmal ergriffen hat, das ist ins Leben übergegangen und bleibt für ewig!
16] Ich sage es euch, was ihr immer auf dieser Welt nur ins Gedächtnis aufgenommen habt, davon wird im Jenseits nicht ein Jota verbleiben; darum erscheinen jenseits alle trockenen Weltgelehrten wie Taube, Blinde und Stumme, wissen gar nichts und können sich an nichts erinnern. Sie kommen jenseits nicht selten so jedes Begriffes bar an, wie ein Kind aus dem Mutterleibe in diese Welt. Sie müssen dort alles von den ersten Elementen neu zu lernen und zu erfahren anfangen, sonst blieben sie taub, blind und stumm in Ewigkeit und hätten nichts denn ein dumpfes Gefühl vom Dasein, ohne jedoch zu fühlen, daß sie es sind, die schon auf der Erde da waren. Das muß ihnen allererst so nach und nach auf die sinnigste Weise beigebracht werden.
17] Wo es beim Menschen im Herzen finster ist, da ist schon gleich der ganze Mensch finster; wo es aber da licht und helle ist, da ist der ganze Mensch helle, und es kann bei ihm nimmer finster werden! Darum fasset das, was ihr vernehmet, gleich ins Herz auf, so wird es in euch bald helle werden!
18] So ihr das alles begriffen habt und aufgenommen in euer Herz, so lasset uns nun auf etwas anderes vorbereiten! Was da nun bald anlangen wird, wird euch viel Denkens machen; aber ihr werdet daraus sehr vieles ablernen und zu seiner Zeit auch bestens davon Gebrauch machen können.«


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