Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 169

Simon kritisiert das Hohelied Salomos.

01] Sage Ich zu Simon: »Ist also dein Gefährte ein großer Freund des Salomo? Und was versteht er denn aus dessen Hohemliede? Sage Mir, wieweit ihr darin schon vorgedrungen seid!«
02] Sagt Simon: »Herr und Meister Himmels und dieser Erde! Darf ich so, wie mir die Zunge gewachsen ist, ganz von der Leber weg reden, so rede ich gerne; wenn ich aber klauben (mühevoll suchen), da ist's zu bei mir, - denn da bringe ich nichts heraus!«
03] Sage Ich: »Rede, wie dir die Zunge gewachsen ist; denn dein Witz und Humor entstammt einem guten Samenkorne!«
04] Sagt darauf Simon: »Ach, wenn so, da werden wir schon etwas herausbringen! Aber freilich über meinen höchst einfachen Verstand hinaus wird's nicht reichen; doch soll meine Meinung keine ungesunde sein!
05] Du, o Herr und Meister, fragtest, wieweit wir schon im Hohenliede vorgedrungen wären! Hilf, Elias, ich bin noch gar nicht vorgedrungen; denn da wäre mir um die Zeit leid gewesen! Aber Gabi hat bereits das ganze erste Kapitel auswendig im Kopfe. Noch immer schleckt und kauet er daran und nimmt allzeit die beiden Backen voll; aber von dem Sinne dieses Kapitels hat er ebensowenig Kenntnis wie ich vom tiefsten Meeresgrunde. Das Schönste dabei ist aber, daß man dieses Liedes erstes Kapitel stets weniger versteht, je öfter man es liest! Und wenn man es gar am Ende noch dazu auswendig kann, da versteht man es dann schon am allerwenigsten!«
06] Sage Ich: »Ja, kannst du etwa das erste K A P I T E L auch auswendig?«
07] Sagt Simon: »Der - hat es mir ja schon so oft vorgeleiert, daß ich es nun leider auch schon von Wort zu Wort auswendig kann zu meinem größten Überdrusse! Mit den Skythen (barbarisches Reitervolk) reden, ist viel unterhaltender, als sich das Hohelied Salomos vorsagen. Wer daran etwas findet, der muß ein Kind ganz kurioser Eltern sein. Ich halte es für einen Unsinn! So schön, wahr und gut die Sprüche Salomos sind und auch seine Predigten, ebenso dumm und gar nichts sagend ist dann sein Hoheslied. Wer daran etwas mehr als ein Werk eines Narren findet, der hat offenbar ein vollkommen krankes Gehirn!
08] Was soll zum Beispiel das heißen: "Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein." Wer ist der 'er', und wer ist der 'mich'? Dann soll der unbekannte 'er' den ebenso unbekannten 'mich' mit des 'er's' eignem Munde küssen!? Hat denn dieser 'er' auch andere fremde Munde in seinem Gesichte? Das muß dann ein sehr wunderlich sonderbares Wesen sein!
09] Der Nachsatz dieses ersten Verses scheint offenbar den Grund des Verlangens im Vordersatze zu enthalten; aber da steht der 'er' in der zweiten Person, und man kann's nicht als bestimmt annehmen, daß unter dem Ausdrucke 'deine Liebe', die lieblicher denn der Wein sei, eben des 'er's' Liebe! gemeint sei. Weiß man aber schon nicht, wer der 'er' und wer der 'mich' ist, woher soll man dann erst wissen, wer der ist, dessen Liebe in der zweiten Person lieblicher als der Wein sein soll?
10] Übrigens ist da auch damit der Liebe kein besonderes Kompliment gemacht, wenn man sagt, daß sie lieblicher als der Wein sei, so der Wein zuvor nicht als ein besonders köstlicher bezeichnet wird. Denn es gibt ja auch ganz elende und schlechte Weine! Ist aber die Liebe nur köstlicher oder lieblicher als der Wein, ohne Unterschied seiner Qualität, dann ist solch eine Liebe wahrlich durchaus nicht gar weit her! Es mag über all diesem Geplauder wohl immerhin etwas Besonderes darin stecken, aber ich finde es doch auf dieser Welt nimmer heraus.
11] Zum größten Überflusse zur Zeigung meines Blödsinnes will ich noch den zweiten Vers zum ersten ankleben; der lautet, so mich mein Gedächtnis nicht trügt: "Daß man deine gute Salbe rieche; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mägde." Da paßt der zweite Vers, meinem Verstande nach, doch geradeso auf den ersten, wie ein ganzes Haus auf ein Auge hinauf! Was ist denn das für eine Salbe, und wessen? Wer soll denn diese Salbe riechen? Wie kann jemandes Name eine ausgeschüttete Salbe sein, und warum soll er gerade darum von den Mägden geliebt werden? Was sind das für Mägde?
12] Darum fahre ab, großer Salomo, mit all deiner hohen Weisheit! Ein Wort von Dir, o Herr, hat für mich ja einen tausendmal tausend Male größeren Wert als alle die hohe Salomonische Weisheit! Nun habe ich von Salomo schon wieder genug! O Herr, ich bitte Dich, schenke mir die weiteren Verse; denn die gehen schon bei weitem übers Skythische hinaus!«
13] Sage Ich: »Ganz gut, Mein lieber Simon, könntest du Mir nicht auch jene Mahnworte wiedergeben, die Ich auf dem Berge zu jenen gesprochen habe, die des schönsten Morgens wegen nicht vom Berge hinabgehen wollten, von welchen Worten du behauptetest, daß sie sicher keinen innern, geistigen Sinn haben würden? Wenn du dich deren noch erinnerst, so sage sie Mir noch einmal vor!«
14] Sagt Simon, mit einem etwas verlegenen Gesichte: »O Herr und Meister, so mich mein Gedächtnis nicht trügt, da hießen die wenigen Worte etwa wohl also: "Unten bei den frei stehenden Tischen weilet derselbe Morgen wie hier oben auf dem Berge; auf dem kurzen Wege hinab genießet ihr ihn, und unten werdet ihr ihn doppelt genießen. Unsere Leiber bedürfen einer Stärkung, und so gehen wir behende hinab zu den Tischen!" Ich glaube, daß Du, o Herr und Meister, gerade also gesprochen hast?!«
15] Sage Ich: »Ganz gut, Mein lieber Simon! Du hast den Satz von Wort zu Wort vollkommen richtig wiedergegeben. Aber was sagst du dazu, so Ich es dir nun sage, daß solcher von Mir ausgesprochene Mahnsatz geistig ganz dasselbe nun als erfüllt besagt, wie deine zwei Mir aus Salomos Hohemliede vorgetragenen Verse?! Kannst du dir hierin irgendeine Möglichkeit denken?«
16] Sagt Simon: »Ehe ich das begreife, eher begriffe ich, daß das bedeutende Meer sich morgen schon in die üppigsten Fluren umgestalten wird. Denn was Du, o Herr, auf dem Berge gesprochen hast, das war klar und allerdeutlichst, und wir verstanden alle nur zu gut, was wir angenehmstermaßen zu tun hatten, nämlich hinabzugehen, uns ganz wohlgemut an diesem herrlichsten Morgen zu den Tischen zu setzen und unsere Leiber mit einem bestbereiteten Morgenmahle zu stärken! Wer das etwa nicht verstanden hat, der muß nur ganz stocktaub gewesen sein.
17] Wer aber versteht also auch die beiden Verse des Hohenliedes? Die sind naturgemäß, wie ich gezeigt habe, ein barster Unsinn! Sind sie aber das, wer kann dann darin im Ernste noch einen höchst weisen, geistigen Sinn suchen wollen? Das kommt mit Fug und Recht mir nun gerade so vor, als sollte ich mir von einem mehr Tier als Mensch seienden Stummtrottel die Vorstellung machen, daß er ein weiser Plato sei! Übrigens, - möglich ist alles, warum dieses nicht?! Ich gebe hier nur an, wie ich es nun fühle und empfinde.«
18] Sage Ich: »Desto besser; denn je mehr Unmögliches du nun daran findest, desto wunderbarer wird dich hernach die Aufhellung berühren: Aber es ist auch das nun wunderbar, daß du und deinesgleichen mit offenen Augen noch immer nichts sehet und mit offenen Ohren nichts vernehmet! Aber lassen wir das! Weil dir das Hohelied so geläufig ist, so sage Mir zu den zwei Versen auch noch den dritten hinzu, und Ich werde dann gleich imstande sein, vor dir das dir so unentwirrbare Rätsel sicher vollkommen zu deiner Zufriedenheit zu lösen!«
19] Sagt Simon: »O weh, auch den dritten Vers noch?! Dir zuliebe, o Herr, tue ich schon gerne alles, was Du von mir verlangst; aber sonst kann ich Dir versichern, daß mir das nahe den Magen umkehrt!
20] Der dritte Vers ist erst recht verwirrt. So mich mein Gedächtnis nicht trügt, da lautet der berühmte dritte Vers ungefähr also: "Ziehe mich dir nach, so laufen wir! Der König führet mich in seine Kammer. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr denn an deinen Wein. Die Frommen lieben dich."
21] Da ist er nun! Wer ihn verdauen kann, der verdaue ihn! Wenn es im Anfange nur hieße: "Ziehe mich dir nach, so laufe ich!"; aber so heißt es im Nachsatze: "so laufen wir!" Wer ist der, so da nachgezogen sein will, und wer hernach die 'wir', die da laufen?
22] "Der König führet mich in seine Kammer." Welcher König denn, der ewige oder irgendein zeitlicher und weltlicher? Der Satz ist aber übrigens noch immer einer der besten.
23] "Wir freuen uns und sind fröhlich über dir." Hier möchte ich nur wissen, wer da die 'wir' sind, und wer der ist, über den sie fröhlich sind!
24] Ferner gedenken die gewissen Unbekannten des auch gewissen Unbekannten Liebe mehr denn des Weines, von dem auch nicht gesagt wird, von welcher Güte er sei!
25] Wer ist am Ende der höchst unbekannte 'dich', den die Frommen lieben? Oh, der unbestimmtesten aller Redeweisen!
26] Was ist der Mensch dieser Erde doch für ein armseligster Tropf! Mit nichts fängt er an, lebt mit nichts und hört endlich wieder mit nichts auf. Wenn er auch glaubt, etwas zu verstehen seines Lebens bessere und hellere Periode hindurch, kommt aber dann unglücklicherweise hinter Salomos Hoheslied, so ist der Narr vollkommen fertig; denn sobald der Mensch einmal durch Wort oder Schrift von seiten eines anderen Menschen aufmerksam gemacht worden ist, daß es mit seiner Weisheit vollkommen aus ist, dann ist es schon auch rein aus mit dem Menschen selbst, das heißt, er lebt wohl noch fort, aber als ein Narr, der nichts weiteres mehr zu fassen und zu begreifen imstande ist! Ist der Mensch mir gleich bis dahin gekommen, wo es gar nicht mehr weitergehen will, so kehrt er wieder um und fängt wie ein Tier an, bloß zu vegetieren. Wozu auch einer weiteren Mühe um nichts und noch tausendmal nichts?!
27] Wahrlich, Herr und Meister, Du hast uns auf dem Berge diese Nacht hindurch Dinge gezeigt, wie sie auf dieser Erde noch nie den sterblichen Menschen irgendwann gezeigt worden sind! Ich begreife und verstehe nun ungeheuer vieles- Aber warum begreife ich denn Salomos Weisheit nicht? Darf sie überhaupt kein Mensch begreifen, oder ist sie wirklich - was sie dem Außen nach sehr scheint - ein frommer Wahnsinn, also durchaus nie zu begreifen? Oder sind da doch irgend Geheimnisse darin verborgen, die von größter Lebenswichtigkeit wären?
28] Wenn eines oder das andere, da sage es mir! - denn Dir allein glaube ich, was Du im Ernste darüber sagest; denn Du kannst das Hohelied wohl verstehen, wenn es überhaupt zu verstehen ist! Ist aber das ganze Hohelied nur so eine letzte Salomonische Weisheitsschwindelei, so sage es mir auch, und ich werfe gleich das ganze Hohelied in eine Kloake, damit deren Einwohner aus ihm die Weisheit Salomos studieren sollen!«


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