Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 170

Der Schlüssel zum Verständnis des Hohenliedes.

01] Sage Ich: »Freund, du wirst mit deinem Witze zwar ein wenig schlimm, und Ich möchte zu dir nun auch sagen, was dereinst ein berühmter Maler zu einem Schuster gesagt hat! Aber es kann bei dir jetzt noch nicht anders sein; denn nach Salomo hat ja alles seine Zeit auf dieser Erde. Fasse dich aber nun ordentlich und mit viel gutem Willen, so soll dir Salomos Hoheslied ein wenig näher beleuchtet werden, und wie es mit Meiner kurzen Mahnrede auf dem Berge völlig einstimmig ist und dasselbe besagt.
02] Salomo hat in seinem Hohenliede nichts als nur Mein nunmaliges Sein prophetisch unter allerlei Bildern, die voll geistiger Entsprechung sind, den Menschen von Tat zu Tat, von Stellung zu Stellung und von Wirkung zu Wirkung dargestellt. Ich allein bin sein Gegenstand; der 'er' und der 'du', der 'ihm' und der 'dich' bin alles Ich. Wer aber aus Salomo spricht mit Mir, ist dessen Geist in der Einzahl, und in der Vielzahl sind es des Volkes Geister, die sich gewisserart in Salomos Königs- und Herrschgeiste für einen und denselben Zweck einen und alsonach eine moralische Person darstellen.

  • "Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein." (Hohes Lied.01,02)

    03] Wo es heißt: a 'Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes', so heißt das soviel als: Der Herr rede aus Seinem wahrhaft eigenen Munde zu mir, Salomo, und durch mich zum Volke Israel und durch dieses zu allen Menschen der Erde; der Herr rede nicht mehr pur Worte der Weisheit, sondern Worte der Liebe, des Lebens zu mir! Denn ein Wort der Liebe ist ein wahrer Kuß des Gottesmundes an das Herz des Menschen; und darum sagt Salomo: 'Er (der Herr) küsse mich mit dem Kusse seines Mundes!' (a Hohes Lied.01,02)
    04] Nun paßt dann der Nachsatz schon ganz gut darauf, wo es heißt: a 'Denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein', oder: Deine Liebe ist mir und allen Menschen dienlicher als die Weisheit. Denn unter 'Wein' versteht man allzeit Weisheit und Wahrheit. (a Hohes Lied.01,02)
    05] Daß Salomo im ersten Bittsatze, als um das Wort der Liebe bittend, noch in der dritten Person zu Mir seufzet, bezeichnet, daß er durch die alleinige Weisheit Mir noch ferne ist; durch die zweite Person im Nachsatze, wo der Grund der Bitte des ersten Satzes ausgesprochen wird, aber bezeiget Salomo die schon größere Annäherung Gottes auf dem Wege der Liebe denn auf dem Wege der puren Weisheit. Den Kuß, die Liebe aber, um die Salomo in seinem Hohenliede gebeten hat, bekommt ihr alle soeben von Mir, und so dürfte dir, Mein lieber Simon, nun der erste Vers des Hohenliedes wohl schon ein wenig klarer sein, als er dir zuvor gewesen ist!«
    06] Sagt Simon: »O Herr, nun ist mir dadurch freilich auch schon der zweite Vers klar, und ich getrauete mir ihn nun zu erläutern!«
    07] Sage Ich: »Tue das, und wir werden es sehen, wie du den zweiten Vers aufgefaßt hast aus dem Lichte des ersten Verses!«

  • "Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Jungfrauen." (Hohes Lied.01,03)

    08] Sagt Simon: »Das wird nun schon offenbar soviel heißen: Herr, so Du mich aber küssest mit dem Kusse Deines Mundes, so Dein Wort Liebe wird, also eine a wahre Salbe des Lebens, so möge diese Salbe, dies Dein göttliches Liebewort, für die Menschen alle verständlich sein. Denn man sagt ja schon oft im gewöhnlichen zierlich 'riechen' statt 'verstehen'. Man sagt oft: 'Riechest du, wo das hinaus will?' oder: 'Er hat den Braten oder die Salbe gerochen!' (a Hohes Lied.01,03)
    09] Nun bist Du, o Herr, da bei uns, wie auf die Bitte Salomos im ersten Verse! Wir haben Deinen Namen, Dein heilig Liebewort, das wohl köstlicher ist denn Salomos pure Weisheit! Wir haben nun die vor uns ausgeschüttete Salbe, Deinen Namen, Deine Liebe, Dein heilig Lebenswort, allen verständlich, vor uns.
    10] Nun, die Mägde, die Dich darum lieben, sind offenbar auch wir, vom Standpunkte unserer beschränkten Einsicht und Verständnisses aus betrachtet! Denn eine Magd ist zwar ein lieblich Wesen, ist nicht ganz ohne Einsicht und Verstand, aber von einer großen männlichen Weisheit kann, wenigstens im allgemeinen angesehen, keine Rede sein. Daher sind wir offenbar die Mägde, die Dich, o Herr, über alles lieben, weil uns Dein Liebewort verständlich ist, für uns also eine ausgeschüttete Salbe ist, an deren köstlichem Geruche wir uns gar wunderbar ergötzen. - Sage mir, o Herr, ob ich denn wohl nach dem ersten Verse den zweiten richtig aufgefaßt habe!«
    11] Sage Ich: »Ganz vollkommen richtig und grundwahrheitlich! Es ist mit dem sehr unverständlich scheinenden Hohenliede der Fall, daß es ganz leicht begriffen werden kann, wenn jemand nur den ersten Vers richtig auf dem Wege der Entsprechung aufgefaßt hat. Da du nun aber den zweiten Vers so ganz vollkommen richtig aufgefaßt hast, so versuche dich nun noch am dritten Verse; vielleicht wirst du auch da den Nagel auf den Kopf treffen!«
    12] Sagt Simon: »O Herr, nun wagete ich mich schon gleich uns ganze Hohelied! Aber der dritte Vers liegt nun nach den zwei ersten doch so klar wie dieser herrlichste Morgen vor mir enthüllt!

  • "Zieh mich dir nach, so laufen wir. Der König führte mich in seine Kammern. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr denn an den Wein. Die Frommen lieben dich." (a Hohes Lied.01,04)

    13] a 'Ziehe, o Herr, mich Dir nach, so laufen wir!' Wer kann sonst wohl geistig ziehen, als allein nur die Liebe?! Und die Folge ist, daß diejenigen, die mit und durch die Liebe unterwiesen und gezogen werden, in einem Augenblicke mehr fassen und begreifen, daher im Erkenntniswachstume wahrhaft laufen, denn durch die trockene und kalte Weisheit in vielen Jahren. Die einfache Person im ersten Satze ist also nur eine moralische und erscheint im zweiten Nachsatze geteilt in der Vielheit, was vorderhand doch offenbar wir sind, und danach ganz Israel, und am Ende gar alles, was auf der ganzen Erde Mensch heißt. (a Hohes Lied.01,04)
    14] Der König, der Ewige, der Heilige führet mich und uns alle nun wohl freilich in die allerheiligste und lichtvollste Liebe- und Lebenskammer Seines allerheiligsten Vaterherzens! Und wir freuen uns nun wohl und sind über die Maßen fröhlich über Dir und gedenken sicher Deiner Vaterliebe tausend Male mehr denn aller der trockenen und kalten Weisheit! Nur in Deiner Liebe sind wir voll Demut und einfältigen und dadurch frommen Herzens; wir sind dadurch fromm und lieben Dich, o Herr, erst vollkommen in dieser unserer Frömmigkeit.
    15] Der Weisheit Morgen, entsprechend dem auf dem Berge oben, ist zwar herrlich und schön: aber hier unten bei den gastfreiesten Liebesmahltischen in der großen, heiligen Kammer Deines allerheiligsten Vaterherzens weilet freilich auch derselbe Morgen des wahren Lebens. Oben auf dem Berge genossen wir, also noch in der wahren Erkenntnis Unterwiesene, den herrlichen Lebenslichtmorgen; aber es waren dort keine Tische mit den nährenden und das Leben stärkenden köstlichen Speisen bestellt.
    16] Wohl gefiel uns das Licht der tiefsten Weisheit; aber Du sahst auch schon in vielleicht so manchen den Keim des Dünkels, im Herzen der Furche des Lebensgärtchens entsprossen, und sagtest mit den hinreißendsten Liebeworten: 'Kinderchen, unten in der Demutstiefe weilet derselbe Morgen! Wenn ihr den kurzen Weg von der Eigendünkelshöhe, die gewöhnlich eine Folge hoher, purer Weisheit ist, hinab in der Liebe Demutstiefe steiget, so genießet ihr ja denselben Lichtmorgen! Und unten in der Tiefe der Liebe weilet er auch so wie hier, und ihr genießet ihn doppelt; denn dort ist nicht nur ganz dasselbe Licht, sondern auch in der Liebe und Demut die Quelle des Lichtes und des Liebelebens daheim! Unten stehen die vollen Tische zur Stärkung, Ernährung und Erhaltung des Lebens in seiner Ganzheit!'
    17] Dahin, o Herr, hast Du uns gezogen durch den wahren Kuß Deines heiligen Mundes, und wir haben dann nicht mehr gesäumet, sondern sind Dir nachgelaufen und lieben Dich als nun Deine in aller Liebe und Demut wahrhaft Frommen! - Herr, habe ich die Sache wohl recht aufgefaßt und dargestellt und erraten den innern Sinn Deiner auf dem Berge ausgesprochenen Mahnworte?«


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