Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 168

Simons Rede über Ermahnungen aus Eigenliebe.

01] Nach einer halben Stunde wurde es sehr lebendig in unserer großen Gesellschaft, und der Simon fing an, seinem allerdings recht geistreichen Witze Luft zu machen. Gabi, als ein mehr ernster junger Mensch von etlichen zwanzig Jahren, zupfte den Simon wohl zu öfteren Malen, sich nicht zu weit irgend zu vergessen.
02] Aber Simon sagte: »Wer zupfte denn damals den David, als er, ordentlich ausgelassen, vor der Lade einhertanzte? Sein Weib wohl riet ihm aus Schamhaftigkeit mehr Mäßigung in seiner Freudenraserei; aber David kehrte sich nicht daran! Und sieh, ich werde mich nun auch nicht kehren an deine Korrektionszupfer, sondern werde nur noch heiterer werden! Zupfe mich darum nicht mehr, sonst müßte ich dich auch zupfen!
03] Dort siehe hin, dort sitzt der Herr; Der allein ist nun unser Korrektor! Was wollen wir Sünder einander viel korrigieren? Denn ein jeder von uns Menschen korrigiert seinen Nächsten zumeist aus seiner Eigenliebe! Der Knicker ermahnt seine Nächsten zur Mäßigkeit, Nüchternheit und Sparsamkeit und hat seine Sittensprüche dafür. Warum tut er aber das? Er fürchtet sich, daß da jemand verarmen könnte, den er dann als ein wohlhabender Mensch, wennschon nicht aus Nächstenliebe, so aber doch schandenhalber, unterstützen müßte.
04] Ein anderer, der nicht schnell gehen kann, wird seinen Begleitern ganz ärztlich die Schädlichkeit des Schnellgehens auseinandersetzen. Ein anderer, der kein besonderer Freund einer bedeutenderen Hitze ist, wird die Nützlichkeit des Schattens, sich soviel als möglich bevorzugend, hervorheben. Der Weintrinker wird seinen Freunden sicher das Wasser nicht besonders anpreisen. Ein junger, oder auch schon ein bejahrterer Mann, der selbst irgendeine Maid sehr gerne sieht, wird ihr stets von der Gefahr, mit anderen Männern Umgang zu pflegen, vorpredigen und andere Männer recht schön und moralisch gründlich vor dem unbesonnenen Umgange mit dem weiblichen Geschlechte warnen. Da wird doch in solcher Warnung ein recht nettes Stück Eigenliebe ersichtlich sein?!
05] Und so habe ich bis jetzt noch stets, ich sage es ganz offen, die Bemerkung gemacht, daß bei den so oft vorkommenden Ermahnungen stets ein wenig Eigenliebe auf der Seite des Ermahners herausschaut, was sich kein Ermahner, so er nur ein wenig über sich nachdenkt, verhehlen kann. Was ihn irgend unangenehm berührt, das zu tun, wird er seinen Nächsten stets am meisten unter allerlei moralisch aussehenden Gründen warnen.
06] Wenn einer in eine Maid verliebt ist, so wird er sie sicher stets bald ernst und bald liebreich warnen vor anderen Männern, die etwa, wie es zuweilen zu geschehen pflegt, auch ein Auge auf sie haben dürften. Warum warnt er denn viele andere Maiden nicht vor der Schlechtigkeit der anderen Männer? Weil bei den anderen Maiden seine Eigenliebe nicht mit im Spiele steht!
07] Ich möchte sogar aus den Charakteren der verschiedenen Warnungen und Belehrungen, welche sich die Menschen gegenseitig erteilen, die sogenannten schwachen Seiten der Menschen auf ein Haar herausfinden!
08] Nicht umsonst hat unser Gottmeister auf dem Berge die herrliche und gar überaus treffliche Bemerkung für die gewissen ungebetenen Korrektoren gemacht, die nicht gar sogleich zu ihrem Nächsten sagen sollen: "Komme Freund, daß ich dir den Splitter aus deinem Auge ziehe!" Sie sollen zuvor so hübsch darauf achten, ob etwa nicht gar ein ganzer Balken in den eigenen Augen stecke! Hätten sie erst diesen mit vielleicht so mancher Mühe hinausgearbeitet, dann hätten auch sie ein bedächtiges Recht, zu ihrem Bruder zu sagen, ob es ihm genehm sei, sich sein Splitterchen aus dem Auge nehmen zu lassen!
09] Siehst du, Freund Gabi, das ist auch Moral, die ich dir freilich nicht so, wie du mir deine Stupfer, aufdrängen will, obschon ich da nahe ganz fest behaupten möchte, daß da sehr wenig Unwahres darin stecken dürfte!
10] Ich habe jetzt geredet und werde mich nun wieder über einen Fisch hermachen! Unterdessen kannst du, Freund Gabi, deiner Predigerzunge ein wenig die Zügel schießen lassen! Aber nur mit der Salomonischen Weisheit verschone mich; denn für die haben wir beide noch keine Haare auf unsern Milchzähnen! Wir beide müssen überhaupt nur darum froh sein, daß wir bewußtermaßen noch leben; aber den Salomo lassen wir beide einen ganz guten Mann sein! Und sein Hoheslied singe, wer da will; unsere Stimmen werden hoffentlich diese Höhe auf der lieben Mutter Erde nie erreichen!«
11] Gabi sieht über diese Simonischen Stiche zwar ein wenig verdrießlich aus, bleibt aber dennoch stille aus purer Ehrfurcht vor Mir.


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