Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 167

Vom Fasten und von der Freude.

01] Auf diese Meine ganz natürlichen Worte bemerkt einer der dreißig jungen Pharisäer: »Nun, endlich einmal auch ein natürliches Wort aus dem Munde Dessen, in dem der allerhöchste Geist Jehovas wohnt in aller Fülle Seiner göttlichen Weisheit, Liebe, Kraft und Macht. Aber zu trauen ist dem dennoch nicht, ob dahinter nicht auch noch ein tiefer, geistiger Sinn liegt. Wer außer Ihm ihn herausfindet, sollte mit einem Königreiche belohnt werden! Ich werde kein König.«
02] Sagt zu ihm ein Gefährte: »Diese Bemerkung war schon ganz leise zu denken, geschweige sie laut der Luft zu übergeben, zu dumm! Wie kann Der etwas ohne einen inneren, tiefsten geistigen Sinn aussprechen?! Erscheint es uns auch noch so gewöhnlich, so ist und bleibt es dennoch ein Ausspruch des allerhöchsten Geistes und kann darum nicht anders als voll des allertiefsten geistigen Sinnes sein! Wir beide werden etwa wohl in alle Ewigkeit die volle Tiefe dieses so ganz leicht hingehauchten Satzes nicht ergründen; aber das fühle ich klar, daß darin etwas Unendliches verborgen sein kann. Daher hüte dich in der Folge vor solch überdummen Bemerkungen!«
03] Sagt der erste: »Nun, nun, dumm war es schon von mir auf jeden Fall, das gestehe ich ja sehr gerne ein; aber es war dennoch nicht irgend etwas Böses darunter gemeint!«
04] Sagt der zweite: »Na, ist dir etwa gar leid darum, daß du nichts Schalkhaftes darunter gemeint hast?! So viel der höchsten Weisheit hast du diese Nacht hindurch samt mir gehört, gesehen, gefühlt und empfunden, - und jetzt fällt dir auf einmal ein, dir eine Art lauer Glossen zu erlauben?! Siehe, weil wir eben so dumm sind und verschlagen und vernagelt wie eine allertrübste Herbstnacht, so hat uns der Herr auch nie berufen, auch so wie ein erhabenster Mathael eine wunderbare Begebenheit zu erzählen! Ein schöner Unterschied zwischen uns beiden und dem Mathael! Ich komme mir schon ohnehin als gar nichts vor; und du willst noch glosseln - in dieser unendlich erhabensten Gesellschaft!«
05] Sagt der erste: »Hast ganz recht, Bruder, wasche mich nur so recht derb durch! Hab wahrlich nichts Besseres verdient! Ich werde mich aber dafür nun auch selbst strafen! Weißt, das Morgenmahl würde mir gar sehr munden; aber nein, gerade nicht! Kein Bissen soll bis an den Abend über meine Lippen kommen! Oh, ich werde meinen Bummelwitz zu züchtigen verstehen!« - Mit dem begibt sich dieser junge Pharisäer wieder auf den Berg zurück und geht nicht zum Morgenmahle.
06] Aber auch sein Gefährte sagt: »Ja, wenn du fastest, da bin ich durch meine an dich gerichtete Rüge schuld daran, und so will ich dir fasten helfen, damit du dasselbe leichter erträgst! Du hast zwar gefehlt, aber du hast deinen Fehler auch sogleich eingesehen und verdienst Vergebung und eine rechte Unterstützung in deinem dich selbst korrektiven guten Werke. Ich faste also mit dir!«
07] Sagt abermals der erste: »Das sollst du aber nicht; denn es ist nicht fein, so der Unschuldige mit dem Schuldigen leidet, wie es in der Welt leider nur zu oft der wahrhaft äußerst traurige Fall ist!«
08] Sagt der zweite: »Daß ich das nicht wüßte! Aber sage mir, wo diese Fälle denn gar so häufig vorkommen, daß Unschuldige meiner Art mit einem Schuldigen freiwillig leiden!«!
09] Sagt der erste: »Nun, derlei Fälle dürften eben gar zu häufig wohl nicht vorkommen, - aber desto mehr solche, wo die Unschuldigen unfreiwillig mit den Schuldigen leiden müssen, zum Beispiel: Irgendein Kaiser, der ein übergroßes Reich hat und mächtig ist durch seine großen Heere, wird von einem kleinerreichigen und mindermächtigen Könige beleidigt. Der Kaiser könnte sich ja für solch eine Beleidigung nur an dem Könige rächen; aber nein, er überzieht das Königsland mit seinen Kriegsheeren und verwüstet es greuelhaft! Er schont weder Vieh noch Menschen; alles muß über die Klinge springen, und Dörfer, Märkte und Städte werden durchs Feuer vernichtet. Wie viele Unschuldige müssen hier mit einem Schuldigen leiden! Ich glaube, dies Beispiel wird dir etwa doch genügen, und du wirst es einsehen, daß ich dann und wann doch auch recht habe!«
10] Während diese beiden Zurückgebliebenen aber also miteinander ihre Worte tauschten, erreichten wir die Tische und setzten uns zum sehr reichhaltigen und bestbereiteten Morgenmahle. Außer Mir vermißte wohl niemand die beiden jungen Pharisäer, die nun freilich wohl keine Pharisäer mehr waren. Darum sagte Ich denn alsogleich zum Markus, daß er auf den Berg gehen und sie im Namen des Herrn zum Morgenmahle holen solle.
11] Markus begab sich schnell auf den Berg und richtete beiden Meinen Willen aus. Da erhoben sich die beiden und folgten dem Markus auf dem Fuße.
12] Als sie unten ankamen, sagte Ich zu beiden: »Simon und Gabi! Kommet hierher und setzet euch zu diesem Tische; denn wir wollen nach dem eingenommenen Mahle doch sehen, ob in Meiner natürlichen Beheißung auf dem Berge wegen des Heruntergehens zum Morgenmahle im Ernste kein geistiger, innerer Sinn zu finden ist! Zuerst aber heißt es nun essen und trinken; denn der Leib braucht seines zeitweiligen Fortbestandes wegen ebenso eine Nahrung und Stärkung wie die Seele, wenn sie in der Erkenntnis und in der Kraft des Willens wachsen soll.
13] Darum esset und trinket nun und lasset das Fasten auf eine andere Zeit! Solange Ich bei euch bin als ein wahrer Vater eures Geistes und Bräutigam eurer Seelen, sollet ihr nicht fasten weder leiblich noch seelisch; wenn Ich aber mit der Zeit persönlich, wie nun, nicht mehr unter euch sein werde, dann werdet ihr schon wieder in allerlei zu fasten bekommen!«
14] Ein übertriebenes und grundloses Fasten ist ebenso eine Torheit und kann sogar zur Sünde werden wie ein übertriebenes Schwelgen. Wer denn in einer wahren Ordnung leben will, der sei mäßig in allem; denn jedes Unmaß muß mit der Zeit für Leib, Seele und Geist nachteilige Folgen haben! Esset und trinket nun ganz wohlgemut, und seid heitern und muntern Gemütes!
15] Ein heiteres und munteres Herz ist Mir um vieles angenehmer denn ein betrübtes, trauriges, klagendes, murrendes, mit allem unzufriedenes, dadurch undankbares und sicher wenig Liebe in sich fassendes; denn in einem heiteren Herzen wohnt Liebe, gute Hoffnung und ungezweifelte Zuversicht. Kommt ein aus einem gewichtigen Grunde Trauernder zu einem Heitern und Fröhlichen, so wird er bald mit heiter gestimmt, seine Seele fängt an, sich freier zu bewegen, und des Geistes Licht kann die ruhige Seele leichter durchleuchten, - während eine traurige Seele ordentlich zusammenschrumpft und am Ende ganz finster und mürrisch wird.
16] Ich meine, unter der Heiterkeit und Munterkeit des Herzens werdet ihr wohl keine ausgelassene, unlautere und unsittliche Spaßmacherei verstehen - denn dergleichen bleibe ferne von euch! -, sondern jene Heiterkeit und Munterkeit, die eines ehrbaren und kerngesunden Ehepaares Herz erfüllen, oder die gottergebene Menschen nach guten und Gott wohlgefälligen Handlungen empfinden. - Habt ihr das alles wohl verstanden?«
17] Alles bejaht und freuet sich in Meiner Freude. Darauf aber ward von allen Seiten ganz ordentlich in die Schüsseln gegriffen, und die großen, edlen Fische ließen wahrlich nichts zu wünschen übrig! Auch dem Weine wurde ganz ordentlich zugesprochen.


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