Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 125

Das Leben des Judas Ischariot.

01] (Der Herr:) »An dem Jünger (Judas Ischariot) aber habt ihr ein sprechendes Beispiel. Er war der einzige Sohn seines sehr vermögenden Vaters und ebenso seiner in ihn bis zum Sterben verliebten Närrin von einer Mutter. Die Folge war, daß die beiden Eltern ihren Sohn ganz affenartig verzärtelten und ihm alles angehen ließen und auch alles gaben, wonach es den Jungen nur immer gelüstete; und die noch weitere Folge davon war, daß der Junge, als er kräftig geworden war, die Alten zum Hause hinaustrieb und sich selbst mit feilen Dirnen belustigte, was nur immer seine Natur vertragen konnte.
02] Es brauchte keine lange Zeit, so hatte der Junge das Vermögen der Alten auch derart geschmälert, daß dann beide den Bettelstab ergreifen mußten und bald darauf auch aus Gram und Kummer starben.
03] Aber der Junge, als nun ebenfalls ganz verarmt, ging nun etwas in sich und fing am Ende an, sich selbst zu fragen, und sagte: "Ja, warum bin ich denn so und nicht anders geworden? Geboren habe ich mich nicht, gezeugt noch viel weniger; erziehen habe ich mich doch auch nicht selbst können, - und doch ruft ein jeder Mensch mir ins Gesicht, daß ich ein elender Schurke und Bösewicht sei, der durch seine liederlichen und bösen Streiche seine Eltern um all ihr schwer erworbenes Vermögen, an den Bettelstab und am Ende sogar so frühzeitig ins Grab gebracht habe!
04] Was kann denn ich darum? Es mag von mir alles das recht schlecht gewesen sein; kann ich aber darum, wenn mich die Alten zu nichts Besserem erzogen haben?! Aber was tue ich nun? Arm, ohne Geld, ohne Haus, ohne Dienst, ohne Brot! Stehlen und Rauben wäre das Leichteste, und man käme zuerst zu einem guten Ziele; aber als ein ungeschickter Dieb erwischt und dann blutig gezüchtiget zu werden, schmeckt etwa durchaus nicht süß! Mit dem Rauben sieht es noch schlimmer aus! - Ich weiß aber nun, was ich tun werde! Ich erlerne irgendeine Kunst, und wäre es die alte, dumme Töpferei, die meinen Vater reich gemacht hat!"
05] Gesagt, getan! Er ging in Kapernaum zu einem ganz gemütlichen Töpfer in die Lehre und erlernte mit vielem Fleiße dessen Kunst in kurzer Zeit. Der alte Töpfer hatte aber eine Tochter, die bald darauf des Kunstjüngers Weib ward.
06] Aber so flott unser Judas früher war, so hart und geizig ward er nun als ein Töpfermeister. Sein Weib verkostete oftmals seine Härte. Er machte gute Ware und fing an, alle Märkte zu besuchen, und ließ daheim seine Leute darben und bis zum blutigen Schweiße arbeiten. Kam er von einem Markte nach Hause mit vielem Gelde, so bedachte er die fleißigsten Arbeiter wohl mit etwas wenigem; kam er aber mit weniger Beute nach Hause, so gab es dann harte Dinge in seinem kargen Hause
07] Um sich neben seiner Töpferei noch einen Nebenverdienst zu verschaffen, pachtete er auch eine Fischerei und fing vor ein paar Jahren an, sich auf die natürliche Magie zu verlegen, weil er in Jerusalem zu öfteren Malen gesehen hatte, wie sehr viel Geldes sich da so manche ägyptische oder persische Magier erwarben. Er brachte aber nichts Ordentliches zustande, obwohl er viel Geld dafür ausgab. Er nahm darin auch Unterricht bei einigen externen Essäern, die ihm vorgemacht hatten, als könnten sie, wenn es sein müßte, schon gleich auch eine Welt erschaffen mit allem, was sie faßt und trägt.
08] Aber er überzeugte sich bald, daß er der Betrogene war, und zeigte seinen feinen Meistern den Rücken. In diesem Jahre vernahm er, was Ich alles täte, und wie das alles in einem höchsten Grade überträfe, was man auf dieser Erde bisher 'Wunderwirken' nannte.
09] Das war denn auch der eigentliche Grund, warum er sich an Mich anschloß, daheim alles verließ, um nur von Mir das Wunderwirken zu erlernen und danach viel Goldes und Silbers zu verdienen.
10] An Meiner Lehre liegt ihm wenig. Wenn er aufmerket auf Meinen Mund, so möchte er eigentlich nur eine Erklärung vernehmen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln Ich das eine oder das andere Wunderwerk zustande gebracht habe. Nun, davon kann er als für ihn brauchbar nie etwas vernehmen und ist daher stets mürrisch.
11] Übrigens wird er für diese Welt bei Mir eine ganz entsetzlich schlechte Rechnung finden. Eine verräterische Handlung und darauf die finsterste Verzweiflung wird aus ihm einen Selbstmörder machen, und ein Strick und ein Weidenbaum werden sein trauriges Weltende sein! Denn er ist einer, der Gott versuchen will, was ein großer Frevel ist und sein muß. Wer es aber wagt, gegen Gott einen Frevel zu begehen, der wird ihn auch an sich selbst nicht unterlassen. Zuerst an Gott, und dann an sich selbst!
12] Ich aber sage es euch, daß jenseits die Selbstmörder schwerlich je Gottes Angesicht schauen werden! Ich könnte euch davon auch sogar den mathematisch festgestellten Grund zeigen; aber es lohnt sich wahrlich der Mühe nicht. Es genügt, daß ihr Mir das glaubet, was Ich euch als Folge des Selbstmordes angab. Sein Grund ist stets eine Art Blödheit, aus der Verzweiflung hervorgehend, und diese ist eine Folge irgendeines Frevels gegen Gott oder gegen Seine Gebote.«


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