Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 124

Von der Erziehung der Kinder.

01] (Der Herr:) »Es muß zwar unter den Menschen wohl Unterschiede geben; doch niemand ward in diese Welt der Seele nach also verwahrlost gestellt, daß sie ganz Materie werden müßte. Denn auch nicht eine Menschenseele ist ohne den freien Willen und selbstische Intelligenz ins Fleisch gesteckt worden.
02] Der Hauptgrund der Verderbung der Menschenseelen aber liegt hauptsächlich in der uranfänglichen, gewöhnlich affenliebigen Erziehung. Man läßt das Bäumchen wachsen, wie es wächst, und trägt durch die sehr unzeitigen Verzärtelungen noch alles mögliche dazu bei, um den Stamm ja recht krumm wachsen zu lassen. Ist aber der Stamm einmal erhärtet, so nützen dann gewöhnlich alle Geradbeugungsversuche wenig oder nichts mehr; eine einmal krumm gewachsene Seele wird wohl selten mehr zu einem völlig geraden Stamme!
03] Darum beuget ihr alle eure Kinder in ihrer leicht lenksamen Jugend gerade, und es wird dann bald wenig mehr irgendwo eine solche sehr materielle Seele geben, die da nicht verstehen könnte das Geistige und sich nicht leicht fügete zur rechten Tat auf den Wegen der wahren Lebensordnung aus Gott! Merket es wohl; denn darum habe Ich euch gezeigt die Fleischwerdung einer Seele im Mutterleibe!
04] Ein Kind bis ins siebente Jahr ist stets noch bei weitem mehr Tier als Mensch. Denn was bei dem Kinde Mensch ist, das liegt zumeist noch in einem tiefen Schlafe begraben. Da also ein Kind bei weitem mehr Tier denn Mensch ist, so hat es auch nur sehr viele tierische und dabei sehr wenige der wahrhaft menschlichen Bedürfnisse.
05] Nur das Nötigste werde ihnen gereicht! Man gewöhne sie frühzeitig an allerlei Entbehrungen, lobe die Braven nie zu übertrieben, sei aber auch gegen die Minderbefähigten und - braven nie zu hart, sondern behandle sie mit rechter Liebe und Geduld.
06] Man lasse sie sich üben in allerlei Gutem und Nützlichem und mache ein noch so braves Kind ja nie eitel, selbstliebig und sich überschätzig. Auch mache man Kinder, besonders wenn sie irgend schöngestaltig sind, nie durch schöne und reiche Kleider noch eitler und stolzer, als solche Kinder schon von Natur aus gerne sind. Man halte sie rein, mache jedoch nie die gewissen Hausgötzen daraus, so wird man sie schon von der Geburt an auf jenen Weg setzen, auf dem sie in ihrer reiferen Jugend dahin gelangen werden, wohin ihr alle nun durch Mich erst gelanget.
07] Die Jungfrau wird voll Keuschheit und Züchtigkeit den Stand einer ehrbaren Mutter erreichen, und der Jüngling wird mit mannsreifer Seele und gewecktem Geiste in ihr in das Mannesalter treten und wird ein Segen sein für die Seinen und für die Erde und alle ihre Kreatur.
08] Gebet ihr aber den tierischen Begierden und Leidenschaften eurer Kinder zu sehr nach, so werdet ihr mit ihnen auch allen Lastern ein neues und weites Tor eröffnen, durch das sie heerscharenweise in diese Welt verderbensvoll dringen werden; und werden sie einmal dasein, so werdet ihr vergeblich gegen sie mit allerlei Waffen zu Felde ziehen und nichts ausrichten gegen ihre Macht und große Gewalt!
09] Pfleget daher die Bäumchen, daß ihr Wachs ein himmelanstrebend gerader wird, und reiniget sie sorgfältigst von allen Afterauswüchsen; denn sind einmal die Bäume groß und stark geworden, und sind sie voll arger Krümmungen gestaltlich, die die bösen Winde an ihnen zustande gebracht haben, dann werdet ihr sie auch mit allen Gewaltmitteln nicht mehr geradezubiegen imstande sein!
10] Ihr habt früher den Feuerzungenklumpen vor euch gesehen. In seinem seelenspezifisch lockern und freien Zustande war es noch lange nicht bestimmt, daß aus ihm gerade eine Eselin hätte werden sollen; erst nach der nachfolgenden Beorderung von seiten des Engels fingen die Teile an, sich alle zu einem Organismus zu ergreifen, daß am Ende die Gestalt eines Esels zum Vorscheine kommen mußte.
11] Da nun aber der Esel als schon vollkommen fertig dasteht, so ist eine Umwandlung in ein anderes Tier wohl kaum mehr möglich! Es gibt zwar nichts, das bei Gott unmöglich wäre; aber da müßte denn dieser Esel zuvor doch ganz aufgelöst werden, und alle Grundspezifika müßten sich zu einem ganz andern Organismus verbinden mit der Annahme neuer Spezifika und mit Ausschaffung vieler nun das Wesen eines Esels bedingenden. Dies aber wäre doch sicher eine hundertfach größere Mühe und Arbeit, als aus den Urgedanken im rechten Verhältnisse ein ganz neues Wesen zu scharfen, das zuvor noch nie dieser Erde Boden betreten hat.
12] So ist auch aus einem Kinde alles leicht zu machen, während ein Mann oder gar ein Greis wenig oder nichts mehr annehmen wird.
13] Seid darum vor allem auf eine wahre und gute Erziehung eurer Kinder bedacht, dann werdet ihr den neuen Völkern leicht dies Mein volles Evangelium zu predigen haben, und es wird der gute Same auch auf einen guten und reinen Boden fallen und wird bringen eine hundertfältige Ernte! Lasset ihr aber eure Kinder wie die Affen ihre Jungen emporwachsen, so werden sie als Unkraut euch den Nutzen gewähren, wie die Affenkinder ihren Alten: was die Alten zusammensammeln, das verzehren und zerstören mutwillig ihre Kinder; und wollen die Alten sie abwehren von solcher Frevelei, so fletschen ihnen ihre zarten Jungen gleich die scharfen Zähne entgegen und treiben die Alten hinweg.«


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