Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 90

Seele und Leib.

01] (Der Herr:) »Wir wollen nun sogleich etwas anderes vornehmen! Zorel und du, Zinka, tretet nun etwas näher zu Mir und saget Mir, was ihr nun vor allem noch sehen und wissen möchtet!«
02] Die beiden Gerufenen treten nun näher, und Zinka sagt: »Herr, das ist für Menschen unserer noch sehr unvollkommenen Art und Weise eine sehr schwer zu beantwortende Frage! Denn wir möchten sehr vieles noch sehen und wissen, weil uns noch sehr vieles zu sehen und zu wissen übriggeblieben ist, trotzdem wir doch schon so gar manches gesehen und erfahren haben. Aber was da unter dem endlos vielen für uns das Notwendigste ist, das ist eine ganz andere Frage, die wir darum nicht zu beantworten imstande sind, weil wir noch lange nicht wissen, was uns eigentlich vor allem am allernotwendigsten wäre! Du, o Herr, aber weißt es genau, was uns so ganz eigentlich am allernotwendigsten ist; daher handle Du ohne unser Begehren nach Deiner unendlichen Liebe und Weisheit, und es wird da schon ein jeder das Beste sehen, hören und fühlen!«
03] Sage Ich: »Nun wohl denn, - so werde Ich sehen, was da zu machen sein wird! Ich meine, so eine recht zuversichtliche Einsicht in das Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes dürfte für euch alle wohl von der größten Wichtigkeit und Notwendigkeit sein; daher werden wir diese Sache ein wenig näher in den Augenschein nehmen!
04] Ich habe es euch durch Worte schon zu mehreren Malen gezeigt, worin der eigentliche Tod des Leibes besteht und auf welch eine verschiedene Art er vor sich gehen kann, und was seine Folgen für die Seele und ihren Geist sind und sein müssen. Sollte Ich euch aber das durch lange theoretische Sätze erklären, so würden wir damit in einem vollen Jahre nicht zu Ende kommen. Ich werde euch zu eurem gründlichen Erkennen die Sache mit Wort und Tat zeigen, und ihr werdet es dann begreifen.
05] Bevor wir aber zur eigentlichen Sache kommen, muß Ich dennoch das voranschicken, wie die Seele mit dem Leibe zusammenhängt.
06] Und so höret Mich: Die Seele als ein Gemengtes und sich ergreifend Zusammengesetztes ist durch und durch ätherisch-substantieller Beschaffenheit. Da aber der Leib in seinem Wesen auch im Grunde Ätherisch-Substantielles in sich faßt, so ist solches verwandt mit der substantiellen Wesenheit der Seele. Und dieses Verwandte ist das Eigentliche, das da die Seele mit dem Leibe so lange verbindet, solange es nicht mit der Zeit zu sehr in das pur Materielle übergegangen ist, woselbst es dann mit der seelischen Bestandwesenheit eine zu geringe und oft aber auch gar keine Verwandtschaft mehr hat, - und wenn schon noch welche vorhanden ist, so muß diese erst durch den Verwesungsprozeß aus dem Körper geschieden und jenseits der gewisserart nackten Seele zugeführt werden.
07] Hat aber die Seele selbst am Ende zu viel Materielles aus ihrem Leibe in sich aufgenommen, so erreicht der Leibestod auch sie, und sie muß mit dem Leibe verwesen und dann erst nach mehreren Erdenjahren als natürlich höchst unvollendet erwachen, wo es ihr dann sehr schwer wird, sich in ein höheres Licht emporzuschwingen, weil ihr alles ein finsteres Erdending ist, in dem wenig Leben und viel Finsternis in allen Winkeln rastet.
08] Von einer Geisteserweckung in ihr kann so lange keine Rede sein, bis die Zeit, die Not und allerlei Demütigungen das weltdinglich Finstere und Grob- oder gewisserart Leiblich-Substantielle aus der Seele geschieden und hinausgefegt haben; und das geht jenseits um vieles schwerer denn hier, weil die Seele jenseits so lange in einer gewissen Abödung für sich allein dastehen muß, um nicht als ein zu nacktes und gewisserart noch haut- und kleidloses Wesen von einer andern Wesenheit, die schon voll des höhern Lebensfeuers in voller Kraft dasteht, verschlungen und wie ein Wassertropfen auf glühendem Erze vernichtet und verzehrt zu werden. Denn für jede noch sehr unvollkommene Seele gilt gegenüber einem schon vollendeten Geiste das, was Ich dereinst zu Moses sagte, als er Mich zu sehen verlangte: "Gott kannst du nicht schauen und leben!"
09] Je höher potenziert ein Leben einmal für sich dasteht, desto kräftiger, mächtiger und schwerer steht es für sich da, und alles Leben, das da noch auf einer sehr niedern Stufe steht, kann sich einem potenzierten Leben gegenüber nie behaupten, außer in gewissen Entfernungen. Was ist eine Mücke gegen einen Elefanten, was eine Fliege gegen einen Löwen?! Was ist ein zartestes Moosschimmelpflänzchen gegen eine mehrere Jahrhunderte alte Zeder auf Libanon, was diese Erde gegen die große Sonne?! Was ist ein Tropfen Wassers gegen ein mächtiges Feuer?! - Wenn jemand von euch auf einen Elefanten tritt, so wird das einem Elefanten wohl gar nichts machen; tritt aber jemand von euch auf eine Ameise, so ist es mit ihrem Naturleben vollkommen zu Ende.
10] Was aber schon in der äußeren Natur, sogar mit Händen zu greifen, sich zeigt, das steht im Reiche der Geister desto ausgebildeter und ausgeprägter wahr da. In jedem schon für sich bestehenden Leben steht das unersättliche Bedürfnis da, stets mehr Leben in sich zu vereinen; das Einswerdungsprinzip aber ist im Grunde des Grundes die Liebe. Wäre dieses Prinzip aber einem Leben nicht vor allem inne, so gäbe es weder irgendeine Sonne im endlosen Raume noch eine Erde, und ebenso auch keine Geschöpfe auf derselben und in derselben.
11] Weil aber eben im Leben selbst das Lebeneinungsprinzip besteht und jedes freie Leben in einem fort bemüht ist, mit einem andern ihm ähnlichen und verwandten Leben sich zu vereinen, so wird aus vielen Sonderleben und Sonderintelligenzen am Ende nur ein Leben und eine vervielfachte und darum weit ausgreifende Intelligenz, und dadurch auch aus den mit wenig Vernunft begabten vielen Weslein ein mit viel Vernunft und mit vielem Verstande ausgerüstetes Wesen.«


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